Unterwegs auf dem Meridian

„10. Meridian“: Auf der Kennedybrücke darf man sich ein bisschen so fühlen wie am Äquator. Fotos: cvs
 
Der 10. Längengrad verläuft nur wenige hundert Meter östlich des Harburger Bahnhofs.

Hamburg liegt genau auf dem 10. Längengrad – eine Spurensuche.

Von Christopher von Savigny. Hamburgs unsichtbare Linie verläuft nur wenige hundert Meter östlich des Harburger Bahnhofs: Irgendwo im Niemandsland unter den riesigen Betonpfeilern der Harburger Umgehungsstraße liegt der 10. Längengrad. Es ist Sonntagmittag, besonders viel ist nicht los auf Harburgs Straßen, schon gar nicht im Gewerbegebiet. Interessiert betrachtet Viktor Böshans die ausgestellten Fahrzeuge eines Autohändlers. „Zu teuer, zu teuer“, murmelt er. Über 30.000 Euro für einen Neuwagen – das kann er sich nicht leisten. Dann erzählt er von einem Urlaub auf der Krim, als ihm einmal sein Opel kaputtging und er über 800 Dollar für die Reparatur zahlen sollte. „Ich habe dann ein Ersatzteil aus China bekommen. Für 150 Dollar. Funktioniert immer noch“, berichtet der Harburger lebhaft.
Dass die Hansestadt exakt auf dem 10. Meridian östlich von Greenwich liegt, wissen die wenigsten. Von Nord nach Süd, von Norderstedt bis nach Meckelfeld, verläuft die geographische Linie. Länge: rund 30 Kilometer. Heute geht es in umgekehrter Richtung: von Harburg in die Innenstadt. Mal sehen, was sich auf und abseits des Weges so tut – sofern es denn einen gibt.
Gleich neben der Schnellstraße führt ein schmaler Teerweg geradewegs ins Nirgendwo. Auf dem modrigen Gewässer rechts brütet ein Grauganspärchen. Laut schnatternd fliegt der Gänserich davon, erbost über den Eindringling. Jede Menge Müll ist zu sehen, sogar eine alte Waschmaschine. Keine besonders schöne Gegend.
Aber immerhin: Es ist Frühling, kalendarisch gesehen jedenfalls. Vereinzelt hört man sogar Vögel singen, wenn auch nicht sehr laut. Im Kleingartenverein „Einigkeit“ bearbeitet Tanja Ever den Boden ihrer Parzelle. „Es geht wieder los“, sagt sie. Auch wenn die Natur reichlich spät dran sei dieses Jahr. Kartoffeln, Wurzeln und Bohnen sollen bei ihr wachsen. „Wir warten jetzt alle darauf, dass das Wasser wieder angestellt wird“, berichtet sie. Aufgrund des Frostes habe man den Termin immer wieder verschieben müssen.
Am Strand von Finkenriek hört man die Züge auf der nahegelegenen Eisenbahnbrücke vorbeirattern. Wir befinden uns auf der anderen Elbseite, in Wilhelmsburg. „Ich mag die Gegend, weil sie so wild ist“, sagt Jens-Peter Lippmann. Als er das sagt ist auch die Sonne herausgekommen. Spaziergänger spielen mit ihren Hunden, viele setzen sich hin und genießen die wärmenden Strahlen im Gesicht.
Parallel zur Wilhelmsburger Reichsstraße führt die Entdeckertour weiter nach Norden. Über den Köpfen gleitet die Magnetschwebebahn der Internationalen Gartenschau (igs) vorbei. „Probefahrt“, erklärt Murat Tietjens, der als Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes einen Parkplatz bewacht. Am Freitag, 26. April, öffnet die igs ihre Tore, 2,5 Millionen Besucher aus aller Welt werden erwartet. „Ich finde es gut, dass sich hier so viel verändert“, sagt Tietjens. „Das bringt Leben in den Stadtteil!“
Am Wilhelmsburger Rathaus ist davon schon etwas zu spüren: Scharen von Spaziergängern erkunden die neu angelegten Wege rund um den ausgebauten Aßmannkanal. Die ultramodernen Gebäude der Internationalen Bauausstellung sind jedoch nicht jedermanns Sache. „Der Kontrast zwischen Arm und Reich ist größer geworden“, findet Frank Gönne. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das so gewollt ist!“
Schnell rückt die Hamburger Innenstadt näher: Über den Spreehafen und den Kleinen Grasbrook hinweg zieht sich der Meridian. Anschließend durchquert er das Maritime Museum in der HafenCity und das Karstadt-Gebäude in der Mönckebergstraße. Bei Karstadt können aufmerksame Besucher sogar den Schriftzug „10 Grad Ost“ auf den Fußboden entdecken. Aber wenn die Läden geschlossen sind, so wie heute, geht man lieber weiter zur Kennedybrücke. Auf dem nördlichen Bürgersteig befindet sich eine etwas blässliche, aber dennoch deutliche Markierung. Wer will, kann es so machen, wie am Äquator: Ein Bein links, ein Bein rechts – fürs Erinnerungsfoto. Und sich dabei ein bisschen so fühlen wie der Nabel der Welt.
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