Unsere Berge beginnen in Lokstedt

Tita Prohn an der Wand, seit einem Jahr klettert die Jugendliche. Foto: Thomas Schröder
 
„Das Kletterzentrum wurde schnell zu klein“, sagt Katrin Ruppel,, Geschäftsführerin der Hamburger Sektion des Alpenvereins.

140 Jahre Deutscher Alpenverein im Norden

Von Folke Havekost. Die Berge sind fern: Die höchste Erhebung Hamburgs ist der Hasselbrack, der in Harburg bescheidene 116 Meter über den Meeresspiegel reicht. Doch die beliebteste Steigung Hamburgs liegt unzweifelhaft in Lokstedt. „Das Hochhangeln mag ich am liebsten“, sagt Tita Prohn, deren Mutter Gesa sie im Kletterzentrum des Hamburger Alpenvereins absichert.
Zuerst klettert Tita die Route „Wie viele Echsen verstecken sich?“, auf der sich parallel zum Kraxeln mitzählen lässt, wie viele Griffe in Reptilienform gehalten sind. Dann wechselt sie zu „Simple Red“, was einfacher klingt, tatsächlich aber einen höheren Schwierigkeitsgrad aufweist. An Griffen, Haken und Rillen im Beton windet sie sich Richtung Hallendecke, während Gesa Prohn das Seil hält, anfeuert und mit Tipps aushilft.
„Für Jugendliche ist Klettern einfach ideal, weil es den ganzen Körper und alle Sinne beansprucht“, sagt die Mutter. „Und weil es Erfolgserlebnisse bereitet.“ Ins Kletterzentrum kam sie über ein Jugendprojekt im Rauhen Haus. „Am Anfang hat sie immer nur gesichert, vor einem Jahr hat sie es dann selbst ausprobiert: „Das Gute ist: Man kann das Klettern immer steigern, und das über Jahre.“

Boom durch die Kletterhalle: 10.000 Mitglieder mehr

Durch das 2002 errichtete Kletterzentrum erlebt die Hamburger Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) einen anhaltenden Boom. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Mitgliederzahl auf rund 20.000 verdoppelt, die alpenfernen Nordlichter gehören damit zu den größten Ortsgruppen im 1,1 Millionen Mitglieder starken DAV. Und zu den ältesten: Vor 140 Jahren, am 8. November 1875, trafen sich 19 Hamburger Bergsteiger zur ersten Sektionsversammlung und wählten den Arzt Ferdinand Arning zu ihrem Vorsitzenden.

Klettern ist auch eine Denksportaufgabe

Die Entwicklung der Eisenbahn hatte die ersehnten Alpen auch für norddeutsche Flachländler in Reichweite gebracht. 1888 erwarb der Verein seine erste Berghütte, daneben widmeten die Pioniere sich dem Vortragswesen, dem Aufbau einer Bibliothek und der Ausbildung von Bergführern, etwa für Touren auf den Großglockner. 1911 gründete sich die Sektion Niederelbe, die 2006 mit den Hamburgern fusionierte.
„Klettern erfordert nicht nur Kraft, Geschicklichkeit und Mut, sondern ist immer auch eine Denksportaufgabe“, sagt Katrin Ruppel. Die Geschäftsführerin der Hamburger Sektion organisiert zurzeit die DAV-Hauptversammlung, die anlässlich des Jubiläums bis zum heutigen Sonnabend, 14. November, im CCH stattfindet. Zudem gibt sie das Vierteljahresmagazin „Hamburg alpin“ heraus, das den programmatischen Untertitel „Wir holen die Berge nach Hamburg“ trägt.
„Das Kletterzentrum schlug ein wie eine Bombe, es wurde schnell zu klein“, erklärt Ruppel die beiden zusätzlichen Hallen, die dem Turm als „Urgestein“ inzwischen gefolgt sind. In den Zwischengängen hängen Bilder von den fünf Hütten, die die Hamburger im nahen oder auch ferneren Süden besitzen, darunter auch das drei Kilometer über dem Tiroler Ötztal gelegene Ramolhaus, das mit Fotovoltaik-Energie versorgt wird.
In 140 Jahren hat sich viel geändert. Als die Hamburger Sektion es in den 1920er Jahren mehrheitlich guthieß, dass jüdische Mitglieder aus anderen Sektionen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins ausgeschlossen wurden, verließen Bürgermeister Carl Wilhelm Petersen und Kaffeekönig Nicolaus Darboven den Verein. Der Hamburger Alpenverein hat sein Handeln in der Weimarer Republik und während des Nationalsozialismus jüngst von der Historikerin Karin Thomsen aufarbeiten lassen.

Die große Mehrheit im DAV war gegen Olympia in München


Mittlerweile sieht sich der DAV als „alpiner Sport- und Umweltverband“, für den Ökologie und Nachhaltigkeit auf der Agenda weit oben stehen. „Wenn der Uhu brütet, wird nicht geklettert“, bekräftigt Ruppel, die beim Wandern auf Korsika ihre Leidenschaft für die Bergwelt entdeckt hat. Auf der DAV-Hauptversammlung vor zwei Jahren in Neu-Ulm gab es hitzige Wortgefechte, am Ende sprachen sich mehr als zwei Drittel der Delegierten gegen die Münchner Bewerbung für Olympische Winterspiele 2022 aus. Zu stark wogen die Vorbehalte gegen ökologische Belastungen durch das Großprojekt.

Jöhnk kraxelte im Segeberger Kalkfelsen

Für die Bergfreunde ist ihr Verhältnis zu den fünf Ringen durchaus mutig. Schließlich soll Sportklettern nach dem Willen des DAV schon bei den Spielen 2020 in Tokyo olympisch sein. Auf die Liste neuer Sportarten hat es das auch im Fernsehen gut anzuschauende Bergsteigen an der Kunstwand bereits geschafft. Im August 2016 fällt die Entscheidung zwischen Klettern, Surfen, Skaten, Karate und Baseball. „Das ist schon ein Erfolg“, ist Ruppel gespannt.
Für Detlef Jöhnk besitzt Bergsteigen jede Menge Perspektiven. „In den Bergen verändert sich mit jedem Meter der Blick“, sagt der erfahrene Kletterer, der vor vier Jahrzehnten beim DAV einen Trainerschein fürs Hochgebirge machte, die Segeberger Kalkfelsen erklettert, als es noch erlaubt und nicht allein den Karl-May-Festspielen vorbehalten war. Er schätzt das Mittelgebirge und die „Auseinandersetzung mit sich selbst“ erst recht. „Mit seinem Kletterpartner braucht man nicht viel zu reden, das hat auch etwas mit Urvertrauen zu tun“, erzählt Jöhnk, der sich vier bis fünf Stunden in der Woche im Kletterzentrum für die Berge fit hält.
Die Hamburger Alpinisten bieten 130 Kurse mit ehrenamtlichen Übungsleitern an, damit der Aufenthalt in der Bergwelt so gefahrlos wie möglich verläuft. „Klettern bleibt ein Risikosport“, sagt Geschäftsführerin Ruppel, „aber Sicherheit ist unser zweiter Vorname“. Dann erklärt sie die verschiedenen Wege an den bunten Wänden, die zum 16 Meter hohen Hallendach führen. Die Schwierigkeitsgrade reichen bis zu „12 minus“. Wenn im Frühjahr in Lokstedt die Norddeutschen Meisterschaften stattfinden, wird die Halle abgeriegelt, damit die Aktiven ihren eigenen Parcours an die Wand schrauben können. „Routen zu setzen, ist eine Kunst“, sagt Ruppel.
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