Unser Bufdi kommt aus Syrien

Wir bauen uns ein Haus: Der Syrer Omar Abdullah ist als Asylbewerber anerkannt und betreut im Hamburger Stadtteil Osdorf sowohl Flüchtlingskinder als auch Mädchen und Jungen aus dem Stadtteil. Foto: rs

Fünf Jahre Bundesfreiwilligendienst: Erst zwölf Geflüchtete haben in Hamburg eine Stelle in kulturellen und sozialen Einrichtungen gefunden. Einer von ihnen: Omar Abdullah, der in Osdorf Kinder aus aller Welt betreut

Von Reinhard Schwarz. Wenn Omar Abdullah mit einem Schneideroller die heiße Pizza auf einem Blech in mundgerechte Stücke teilt, drängelt keines der hinter ihm stehenden Kinder. Das liegt wohl einerseits daran, dass genügend da ist für die rund ein Dutzend Jungen und Mädchen im KL!CK Kindermuseum in Osdorf. Zum anderen wohl aber auch daran, dass der Syrer, der mit seinem sorgfältig gestutzten schwarzen Bart und dem schwarzen Kopftuch wie ein Korsar aus einem italienischen Piratenfilm aussieht, eine unglaubliche Ruhe ausstrahlt. Diese Gelassenheit scheint sich auch auf die Kinder zu übertragen.
Er spricht Arabisch, Englisch Griechisch und Deutsch
Seit Mitte Juni ist Omar Abdullah als Kinderbetreuer im Bundesfreiwilligendienst tätig. Voranderthalb Jahren kam er als Flüchtling nach Hamburg. Mittlerweile ist er ein anerkannter Asylbewerber mit einem Aufenthaltsrecht von drei Jahren. Der 40-Jährige spricht neben Arabisch, Englisch und Griechisch mittlerweile auch schon ganz gut Deutsch. Im Kindermuseum am Osdorfer Born kümmert er sich um eine Feriengruppe, die zur Hälfte aus Flüchtlingskindern, zur anderen Hälfte aus Mädchen und Jungen aus dem Stadtteil besteht. In Damaskus leitete er einen Kindergarten. Als der Stadtteil immer stärker bombardiert wurde, flüchteten viele Eltern mit ihren Kindern. Die Einrichtung musste schließen. Auch Abdullah machte sich auf den Weg, kam über den Libanon und die Türkei übers Mittelmeer nach Italien. Über Frankreich und die Schweiz erreichte er im Oktober 2014 Deutschland.
Der Bund hat im letzten Jahr 10.000 Plätze für Freiwillige in der Flüchtlingsarbeit und für Geflüchtete im Bundesfreiwilligendienst zusätzlich zur Verfügung gestellt. Corinne Eichner ist Geschäftsführerin vom Verein Stadtkultur Hamburg, derden Einsatz der „Bufdis“ in der Kultur und Bildung der Hansestadt koordiniert. Ausdrücklich sollen Flüchtlinge die Chance bekommen, den bundesdeutschen Arbeitsalltag auf diese Weise kennenzulernen. Derzeit seien in der Hansestadt zwölf Flüchtlinge als Bufdis im Einsatz. „Als wir hörten, dass diese Plätze geschaffen werden, haben wir gesagt: ‚Wir machen das.‘“ Es sei ein Experiment, „aber es klappt sehr gut“. So sei beispielsweise eine syrische Mathematiklehrerin in einer Schule tätig. „Sie betreut unter anderem eine Vorbereitungsklasse für Flüchtlingskinder und gibt damit ein gutes Vorbild für die Mädchen und Jungen, die sehen: Man bleibt nicht nur Flüchtling.“
Abdullah möchte nach
Syrien zurück
Nach dem Mittagessen wird im Garten des Osdorfer Kindermuseums ein „Haus“ gebaut – mit echten Ziegelsteinen und einer matschigen Sandmischung als Mörtel. Die Sieben- bis Zehnjährigen hantieren mit einer zu großen Schaufel und Maurerkellen. Abdullah hilft mit, berät, achtet auf Sicherheit. Nach und nach wächst das Haus in die Höhe. „Ich möchte nach Syrien zurückkehren und dort wieder einen Kindergarten aufmachen“, schildert er seine Ziele für die Zeit nach Ende des Krieges. „Wir wollen ein Center eröffnen für Kinder mit Traumatisierungen.“
Er hat viele Pläne. So denke er darüber nach, in Deutschland noch eine Ausbildung zum Physiotherapeuten zu absolvieren. „Wir haben in Syrien mehr als eine Million Menschen mit Behinderungen durch den Krieg.“ Aus seiner Familie seien mittlerweile elf Verwandte direkt oder indirekt durch den Krieg gestorben. Dazu zählen auch sein Vater und seine Mutter, die infolge der Bombardierungen vermutlich durch psychischen Stress an Herzinfarkt und Schlaganfall verstarben. Das Gespräch verstummt an dieser Stelle.
„Es gibt Probleme, doch sie sind lösbar, wenn man redet“
Margot Reinig, Leiterin des KL!CK Kindermuseums, eine Einrichtung, in der Mädchen und Jungen vieles ausprobieren können, ist von ihrem neuen Bufdi begeistert: „Weil er mit den Kindern in ihrer Sprache reden kann und auch die Mentalität der Flüchtlinge kennt.“ Es gebe durchaus immer wieder kulturelle Missverständnisse zwischen Deutschen und Flüchtlingen, schildert sie. So sei kürzlich eine eritreische Mutter plötzlich zum Einkaufen verschwunden, im festen Glauben, die deutschen Mütter würden schon auf ihre Kinder aufpassen, in ihrer Kultur eine gängige Verhaltensweise. Doch die anderen Mütter waren eher scho-ckiert, weil sie dachten, die Frau aus Eritrea würde ihre Sprösslinge im Stich lassen.
„Es gibt Probleme“, räumt Margot Reinig ein, „da soll man sich keine Illusionen machen.“ Doch die meisten Schwierigkeiten seien lösbar, sofern man miteinander rede. Darüber hinaus ist sie der Auffassung, dass Integration keine Einbahnstraße ist: „Auch wir können von den Flüchtlingen lernen.“ Die Kinder sind da offenbar schon wesentlich weiter. Die Mädchen und Jungen der gemischten Feriengruppe verständen sich sehr gut, erklärt Reinig. Zumindest kulinarisch gibt es kaum Unterschiede: „Alle wollen dasselbe essen: Pizza, Hot Dogs, Pfannkuchen, Hamburger und Nudeln.“ Deutlich wird aber auch, dass die Kinder aus den Unterkünften in ihrem jungen Leben schon mehr gesehen haben, als mancher deutsche Erwachsener. Reinig: „Einer unserer Betreuer berichtete von einem Zehnjährigen, den er noch nie hat lachen gesehen.“
Auf die Bufdi-Stellen gibt es gut qualifizierte Bewerber
Corinne Eichner von Stadtkultur Hamburg sagt, dass sich das Bufdi-Projekt bei vielen Flüchtlingen mittlerweile herumgesprochen habe , berichtet sie: „Wir haben eine Vielzahl von Bewerbern und können die Leute entsprechend einsetzen.“ Es würden sich „sehr gut qualifizierte Leute bewerben“, so die Geschäftsführerin.
Doch nicht jeder habe die Chance, eine Stelle als Bundesfreiwilliger zu bekommen: „Die Voraussetzung dafür ist, dass die Betreffenden aus einem nicht-
sicheren Herkunftsland kommen.“ Zukünftig soll es nicht bei den zwölf Flüchtlings-Bufdis in Hamburg bleiben, erklärt Corinne Eichner: „Wir wünschen uns noch mehr Einsatzstellen für Flüchtlinge, diese sehen wir nicht als Belastung, sondern als Bereicherung.“
Die Arbeit der Bundesfreiwilligen wird finanziell honoriert. Für 20 Stunden die Woche gibt es ein monatliches „Taschengeld“ von rund 200 Euro. „Diesen Betrag dürfen die Geflüchteten ergänzend behalten, alles was darüber hinausgeht, wird ihnen wieder abgezogen“, so Corinne Eichner. Es sei zwar möglich, dass Bufdis sich in Vollzeit engagieren, doch das sei in diesem Fall nicht gewollt. „Die Geflüchteten brauchen zusätzlich Zeit, um ihre behördlichen Angelegenheiten zu regeln.“
Abdullah hofft auf einen Job als Zahntechniker
Auch Abdullah macht sich Gedanken über seine berufliche Zukunft. Er hofft auf eine Anstellung in einem zahntechnischen Labor, denn er hatte noch vor dem Krieg in Griechenland eine vierjährige Ausbildung zum Zahntechniker absolviert. In Syrien sei es üblich, dass die Menschen nicht nur mehrere Jobs machen, sondern auch unterschiedliche Ausbildungen hätten. „Ich hoffe, dass meine Ausbildung hier in Deutschland anerkannt wird.“ Als Nächstes steht in einigen Wochen ein intensiver zweimonatiger Deutschkursus an. Erste Deutschkenntnisse habe er bereits in einem sechsmonatigen Integrationskursus erworben. Im Gespräch sucht er schon mal nach dem richtigen Wort, nach der korrekten Formulierung. Seinem Gastland will er seine Dankbarkeit ausdrücken, sagt Abdullah: „Deutschland hat viel für uns getan, wir werden das nicht vergessen.“

Nach den Zivis kamen die „Bufdis

Die Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 hatte auch Folgen für den Einsatz von Zivildienstleistenden: Sie standen nicht mehr zur Verfügung, um in sozialen Einrichtungen Hilfsdienste zu leisten. Jährlich arbeiteten zuletzt rund 80.000 „Zivis“ in Einrichtungen der Pflege und Betreuung, zum Beispiel in Altenheimen. Vom Bundesfreiwilligendienst (BFD) erhoffte sich die Bundesregierung einen entsprechenden Ersatz. Im BFD können sich Freiwillige ab 23 Jahren für sechs bis 18 Monate mit 20,5 bis 40 Stunden pro Woche in kulturellen und sozialen Einrichtungen engagieren. Sie bekommen bei 40 Stunden die Woche maximal 372 Euro monatlich „Taschengeld“ als Aufwandsentschädigung. Bei einer Wochen-
arbeitszeit von 20,5 Stunden sind es nur 200 Euro – wie bei Omar Abdullah..
Der Nachteil aus Sicht der Träger sozialer Einrichtungen wie etwa Altenheime: Zivis waren bis zum Ende ihrer Dienstzeit verpflichtet, ihre Aufgabe zu erfüllen, wie etwa Fahrdienste wahrzunehmen. „Bufdis“ können hingegen jederzeit kündigen, wenn sie beispielsweise einen Studienplatz oder einen regulären Job in Aussicht haben.
Das Programm für 10.000 zusätzliche Stellen ist ist zunächst bis Ende 2018 begrenzt. 50 Millionen Euro wurden für 2016 dafür im Bundeshaushalt bereitgestellt. RS
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.