Trommeln wie in Trance

Drei, die kein Heimspiel verpassen und in der Inselpark-Arena unter dem Korb stehen: Margit Kuhlmann-Jag (mit Tamburin). ihr Lebensgefährte Harald Dreyer (weiße Trommel) und Simon Riedel vom Hamburg Towers Supporters-Club. Fotos: Katrin Beyer
 
Drei, die kein Heimspiel verpassen und in der Inselpark-Arena unter dem Korb stehen: Margit Kuhlmann-Jag (mit Tamburin). ihr Lebensgefährte Harald Dreyer (weiße Trommel) und Simon Riedel vom Hamburg Towers Supporters-Club. Fotos: Katrin Beyer
 
Drei, die kein Heimspiel verpassen und in der Inselpark-Arena unter dem Korb stehen: Margit Kuhlmann-Jag (mit Tamburin). ihr Lebensgefährte Harald Dreyer (weiße Trommel) und Simon Riedel vom Hamburg Towers Supporters-Club. Fotos: Katrin Beyer

Wo das alte das neue Wilhelmsburg trifft: Wie die treuesten Fans der Hamburg Towers den Basketball leben.

Von Chris Köslin. Die alten Wilhelmsburger sind nur zögernd und schrittweise dem neuen Wilhelmsburg näher gekommen. Als in der Inselparkhalle Hamburgs beste Basketballer heimisch wurden, sagten sich Margit Kuhlmann-Jag und Harald Dreyer: „Anschauen kann man sich das ja mal.“ Aber ihren ersten Platz beim Besuch der Hamburg Towers wählten sie ganz oben, in der letzten Reihe. Vom Basketball hatten die beiden Spätverliebten keine Ahnung. Die Lust auf Wiener Walzer, Foxtrott und Disco-Dancing hatte die Schwester am Wilhelmsburger Krankenhaus und den Fernfahrer bei einem Tanzkurs in Harburg zusammen geführt. „Aber als es dann für die Towers ganz eng wurde, und der Kleinste von denen von weit weg den Ball in den Korb warf, bin ich aufgesprungen und rumgehüpft“, erzählt Margit Kuhlmann-Jag, die Ur-Wilhelmsburgerin. „Die Leute neben uns haben komisch geguckt“, erinnert sich Harald Dreyer. „Deshalb sind wir auch ein paar Reihen näher ans Spielfeld gerückt“, ergänzt die lebensfreudige Krankenschwester.

Das Paar aus Wilhelmsburg steht direkt unter dem Korb


Das ging weiter so. Stufe für Stufe und von Heimspiel zu Heimspiel sind die beiden dem Spielfeld und den Basketballern immer näher gekommen. Inzwischen stehen Margit und Harald, wie ihre Basketball-Freunde sie nur nennen, während der Heimspiele selbst häufiger im Mittelpunkt. Vorne links vom Eingang, direkt hinter dem Korb. Und zwar ganz vorne in der ersten Reihe. Er mit einer dicken Trommel vor dem Bauch. Sie macht Stimmung mit einem Tamburin. Und zwischen den beiden steht Simon Riedel, ein junger Mann mit kräftiger Stimme und noch kräftigeren Armen. Auch der kann mit der zweiten Trommel und mit dem Mikrophon die Halle in Wallung bringen. Hinter den Dreien, die laut tönend die Kommandos geben, fallen die Freunde vom Hamburg Towers Supporters Club klatschend und schreiend in den Rhythmus der Trommeln ein: „Let’s go Towers! Let’s go! oder Haaamburg Towers!“

„Die meisten von uns haben sich vorher nicht gekannt“

Wir sind beim Spiel der Hamburger gegen die Dragons aus Rhöndorf, wo übrigens das Haus von Konrad Adenauer ein Museum ist. Beim sechsten Heimspiel in der zweiten Bundesliga – fünf wurden schon gewonnen – ist die Halle wieder fast ausverkauft. Wir sind schon im letzten Viertel. Aber es sieht gar nicht so gut aus für die
Towers gegen den Tabellen-letzten. Das 60:60 auf dem Anzeigendisplay steht für Enttäuschung. Das 61:60 bringt noch keine Entwarnung. Prompt das 61:62. Dann ein Drei-Punkte-Wurf für die Towers. Die Trommeln werden lauter und fordernder. Vom Fanclub werden Fahnen geschwenkt, eine rote mit dem Hamburg Wappen, schwarz-weiße in den Farben der Towers. Vom Trio in der
ersten Reihe und den Clubfreunden dahinter putschen die Signale die Halle auf: Anfeuern! Mut machen! Hinter der eigenen Mannschaft stehen.
Ein blitzschneller Gegenstoß, ein Wurf aus der Distanz. Als der Ball durch den Korbring fällt, erbebt die Halle. Wilhelmsburg im Basketball-Rausch.
Die Towers liegen 66:62 vorne. Mit den beiden Trommlern passiert was. Ihre Schläge, kurz und hart, werden immer schneller. Und der gesamte Fanblock als Einpeitscher geschlossen hinter ihnen. Der Trommelwirbel, das Stakkato der klatschenden Hände, die Anfeuerungsrufe, die flatternden Fahnen. Die Supporters treiben ihre Mannschaft nach vorne. Als die Towers ihre Führung auf 85:69 ausbauen, schalten Simon Riedel und Harald Dreyer endgültig auf den Angriffswirbel um – zwei dröhnend harte Schläge, dann drei kurze, ganz schnelle. Das wühlt auf und reißt mit. Als das 87:69 aufleuchtet, springt die ganze Halle wie erlöst auf. Der sechste Heimsieg, am Ende mit 89:74 gesichert, kann schon gefeiert werden.
„Wenn wir mit dem Rhythmus unserer Trommeln und dem Klatschen und Singen der Clubfreunde hinter uns die ganze Halle mitreißen können“, sagt Harald Dreyer, „das ist ein tolles Gefühl. Wo kannst du das sonst noch erleben?“ Und
Margit Kuhlmann-Jag fügt hinzu: „Die größte Freude für mich ist, dass wir ja auch etwas zurückbekommen. Die Spieler zeigen uns immer wieder, wie wichtig das für sie ist und auch, wie dankbar sie dafür sind.“
Zum ersten Auswärtsspiel der Hamburger „Türme“ in Cuxhaven hatte sich eine kleine Fan-Gemeinschaft über Facebook verabredet. „Daraus hat sich unser Hamburg Towers Supporters-Club entwickelt“, sagt Sascha Wieske, der inzwischen als Vorsitzender fungiert. Die Eintragung ins Vereinsregister ist bisher noch nicht gelungen. „Aber wir sind inzwischen 15 Mitglieder, die der Basketballsport zusammengebracht hat“, sagt Simon Riedel, der Trommler aus der ersten Reihe. „Wir stehen zusammen für unser Team. Die meisten von uns haben sich vorher nicht gekannt. Aber was Basketball und unsere Towers betrifft, sind wir alle positiv Bekloppte. Das schweißt zusammen.“ Dabei war auch der 20-jährige Student aus Meck- lenburg-Vorpommern mehr Fußball- als Basketball-Anhänger. „Ich war und bin noch immer Fan von Hansa Rostock“, erzählt er, „und beim HSV mache ich als Tourguide Führungen im Volksparkstadion.“

Bei Auswärtsspielen sind die Supporters nur zu neunt

Das Management der Hamburg Towers hat für seinen Fan-Club den Block hinter dem Korb am Eingang reserviert. Für die Dauerkarte bezahlen die Mitglieder 135 statt 162 Euro und für das Einzelticket zehn statt zwölf Euro. Dann gibt es nach der Schlusssirene inzwischen ja auch dieses eingespielte Ritual. Simon Riedel greift zum Mikrofon, fordert die Spieler auf, sich zu setzen. Die Mannschaft hockt sich vor die Fans. Und Simon Riedel schreit ins Mikrophon: „Gib mir ein U.“ Spieler und Fans antworten auf jeden einzelnen Buchstaben, um dann gemeinsam aufzuspringen und zu tanzen.
Dieses mitreißende Freudenritual lässt die Halle aber nur bei Heimsiegen erzittern. Zu Auswärtsspielen sind meist acht oder neun der Supporters im gemieteten Bus unterwegs, oft bis zu zwölf und mehr Stunden. Fragt man nach dem tieferen Sinn und Zweck dieser leidenschaftlichen Gemeinschaft, kommt von Simon Riedel die Antwort: „Im Spiel gegen Göttingen liegt unsere Mannschaft vier Sekunden vor Schluss mit 71:72 zurück. Da setzt sich Steffen Kiese durch, passt zu Kapitän Robert Ferguson, der wirft aus der Distanz und trifft - drei Punkte. Das ist der Sieg. Ich muss gestehen, ich bin total ausgeflippt. Ich war in Ekstase, habe geweint vor Glück. Wann passiert dir so etwas schon im normalen Leben.“

Hamburg Towers

Aus der Blumenhalle der igs wurde die Inselpark-Arena. Dort sind die Profi-Basketballer der Hamburg Towers seit 13 Monaten am Start in der zweiten Bundesliga. In der ersten Saison hatten die Wilhelmsburger einen Zuschauerschnitt von 2.800 Fans. Seit Kurzem können die Zuschauer beim Ticketverkauf für „Sport ohne Grenzen“ spenden. Der Verein ist die Keimzelle der
Towers, der damit – deutschlandweit einzigartig – aus
einem Sozialprojekt entstanden ist. Ex-Nationalspieler Marvin Willoughby, der auf der Elbinsel aufwuchs, gründete den Verein, um „selber was auf die Beine zu stellen“.
Mehr Informationen unter www.hamburgtowers.de
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