So lebt es sich auf dem veganen Gnadenhof

Ein Stall voller Tiere: Mittendrin Emil, den Hilal Sezgin als Jungschaf mit der Flasche aufzog. Foto: Volker Stahl
 
„Die Tiere waren da, man übernimmt Verantwortung, das hat sich entwickelt“: Hilal Sezgin vor ihrem Haus im Naturpark Lüneburger Heide. Foto: Volker Stahl
 
Zwei Gänse leben auf dem Gnadenhof der Autorin Hilal Sezgin. Foto: Volker Stahl

38 Schafe, zwei Gänse und zwei Ziegen: Ein Besuch bei der Schriftstellerin und Tierrechtlerin Hilal Sezgin in der Lüneburger Heide.

Von Volker Stahl. Alle Welt redet von der neuen Attraktivität der Metropolen. Dort wohnt mittlerweile die Mehrheit der Menschen. Auch deutsche Großstädte boomen. In Hamburg, München und Berlin steigen die Kaufpreise für Immobilien ebenso rasant wie die Mieten. Doch es gibt eine Gegenbewegung – auflagenstarke Magazine wie Landlust, Landleben oder Mein schönes Land künden davon. Gegen den Trend der Re-Urbanisierung ist Hilal Sezgin aus Frankfurt vor einigen Jahren in die norddeutsche Provinz gezogen. Doch das Leben der Schriftstellerin in der Lüneburger Heide hat mit der von den Hochglanzpostillen erfolgreich verkauften Scheinidylle nichts zu tun: Die 44-Jährige kann bei ihren Waldspaziergängen endlich tief durchatmen.
Das „Zentrum“ der kleinen, kein1.000 Seelen zählenden Gemeinde liegt etwas versteckt im Naturpark Lüneburger Heide. Ein altes Mütterchen schleicht mit ihrem Rollator entlang der Dorfstraße, die den Ort zerschneidet. Plötzlich geht es auch für Autos nur im Schritttempo weiter – ein Schäfer treibt seine Tiere mitten auf der Straße zur nächsten Wiese, vorbei an einem Schild mit einem durchgestrichenem Autobahn-Symbol: „Keine A39“. Dann die Einfahrt zum Hof. „Bitte langsam fahren, wegen der Tiere“, mahnte die Hausherrin im Vorgespräch. Links eine Scheune, die sich an einen Laubwald schmiegt. Vor dem Eingang des Wohnhauses steht ein alter Opel Astra, vollgepackt mit Tierfutter. Auf einem Karton ist „Sheba Cuisine“ zu lesen. Hier muss es sein.
Bei Caro-Kaffee und veganem Kuchen kommen wir schnell ins Gespräch. Im ersten Jahr habe sie die neue Heimat „wie ein Kind“ erlebt, sagt die in Frankfurt Aufgewachsene: „Ich habe Steine, Hölzer, einfach alles herbeigeschleppt – wie ein kleines Mädchen, das einen Süßwarenladen plündert.“ Die ehemalige Stubenhockerin erzählt, wie sie durch ihre Arbeit im Stall, auf der Weide und mit den Tieren „stärker und gelenkiger“ geworden sei, verschweigt aber auch ein Tief nicht, das sie vor einiger Zeit hatte. „Ein Stall voller Tiere, horrende Tierarztrechnungen, ein Konto ohne Einkünfte, ein unfertiges Roman-Manuskript und ein gemietetes Landhaus ganz weit draußen – das war ein bisschen viel auf einmal.“ Hilal Sezgin fühlte sich „irgendwie abgehängt“. Reisen nach Berlin mit Lesungen und Kneipenbesuchen riefen Erinnerungen an turbulente Frankfurter Zeiten wach. Machte alles noch schlimmer.

Schaf Emil zog sie mit der Hand im Wohnzimmer auf

Nach sieben Jahren in der Provinz sind die Zweifel verschwunden. Heute fühle sie sich „total gut“, nach dem Tief habe sie sich damit ausgesöhnt, auf dem Dorf zu leben: „Ich empfinde große Freude, in die Natur zu gucken und nicht auf Häuser.“ Außerdem führe sie ein besseres Sozialleben als vorher und gehe nachts noch immer gerne nach draußen. Wenn sie mit der Taschenlampe in den Wald leuchtet, tauchen manchmal Augenpaare auf. Dann rätselt sie: Fuchs, Reh oder ein Wildschwein? Eine Idylle, aber mit Schattenseiten, wie Sezgin gesteht. Besonders die Winter seien manchmal hart: „Dann heißt es bei klirrender Kälte Eis kloppen, um die Tränke für die Tiere freizubekommen.“ Die Minustemperaturen täten manchmal richtig weh.
Doch jetzt ist Sommer. Hilal Sezgin streift sich die Gummistiefel über und fordert den Gast auf: „Komm', wir gehen zu den Tieren.“ Sie betreut 38 Schafe, zwei Gänse, zwei Ziegen und zwei Katzen. Die dritte, aus Frankfurt mitgebrachte Katze ist mittlerweile gestorben. Dafür lebt das Schaf Emil hier, das von seiner Mutter verstoßen und von Hilal Sezgin mit der Flasche aufgezogen wurde. Sie konnte nicht anders, wie sie in ihrem Buch „Landleben. Von einer, die raus zog“ schreibt: „Diese Klauen! Diese Nase! Dieses Atmen! An neugeborenen Wesen ist einfach alles entzückend.“ Nach der Geburt passte Emil auf eine Menschenhand und wog 1.200 Gramm. Das Jungschaf wuchs im Haus auf, stakste über den Küchenfußboden und machte sein Geschäft dort, wo es ihm gefiel. Zum Schlafen bevorzugte er das Sofa. Heute lebt Emil draußen und hat sich zu einem ausgewachsenen Bock entwickelt.

Seit sie einen Bio-Hühnerhof besuchte, lebt sie vegan

Wer denkt, Hilal Sezgin sei eine weltfremde Tiertante, die Schafen Namen gibt und Fellbündel mit Knopfaugen hätschelt und hortet, der täuscht sich. „Die Tiere waren da, man übernimmt Verantwortung, das hat sich entwickelt“, sagt die studierte Philosophin, die es mit ihrem Sachbuch „Artgerecht ist nur die Freiheit“ bis in die „Spiegel“-Bestsellerliste schaffte. Das Buch ist ein tiefschürfender Gedankenflug durch die Tierethik und Anklage zugleich: „Die Gewalt gegen Tiere ist überall, und meist ist sie sogar institutionalisiert und legalisiert. Dabei sind wir doch eigentlich eine Gesellschaft, die physische Gewalt, zumal gegen Schwächere, Unterlegene, Abhängige, als verwerflich ansieht.“ Die Tierrechtlerin bezeichnet diesen eklatanten Widerspruch als „blinden Fleck“ in unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung. Ihre Botschaft: Wir Menschen sind nur eine Spezies von vielen. Wir müssen uns zurücknehmen und die massenhafte Gewalt gegen Tiere stoppen.
Die Schriftstellerin geht voran. Sie päppelt auf ihrem Gnadenhof Tiere gesund und wurde nach einem Besuch auf einem Demeter-Hof mit 10.000 Legehennen in der Nähe ihres Dorfes zur Veganerin, denn „auch Biohühner kommen nach einem Jahr zum Schlachter.“ Die „unbrauchbaren“ männlichen Küken werden noch am Tag des Schlüpfens „aussortiert, begast und durch einen Schredder gedreht“, schildert sie in „Landleben“. Wenn Schlachthäuser Glaswände hätten, wären alle Menschen Vegetarier, lautet ein Bonmot des Beatle Paul McCartney. Nach ihren Erfahrungen geht Sezgin einen Schritt weiter: „Wenn Ställe Glaswände hätten, wären alle Menschen Veganer.“
Einmal im Monat fährt die freie Autorin ins benachbarte Lüneburg zum Einkaufen. „Ich habe sonst keinen Bedarf“, sagt Sezgin, die sich mächtig darüber aufregen kann, wenn sie in den Städten „mit Werbung zugeballert“ wird. Das erinnert ein bisschen an den griechischen Philosophen Sokrates, der mit großem Vergnügen über den Marktplatz von Athen geschlendert sein soll – nur um sich zu vergewissern, wie groß doch die Zahl der Dinge sei, die er nicht brauche.

Veganer

Vegetarier essen kein Fleisch, Veganer verzichten darüber hinaus auf alle Nahrungsmittel tierischen Ursprungs. Viele von ihnen achten zumeist auch bei Kleidung und anderen Gegenständen des Alltags darauf, dass diese frei von Tierprodukten und Tierversuchen sind. Der Verzicht auf Fleisch liegt im Trend:
Der Vegetarierbund Deutschlands (VEBU) spricht von sieben Millionen Vegetariern, vor fünf Jahren waren es laut einer Allensbach-Umfrage noch 590.000 weniger. Der Verband schätzt außerdem, dass in Deutschland 1,2 Millionen Veganer leben.
Andere Studien zum Fleischkonsum in Deutschland kommen dagegen zum Ergebnis, dass die Zahl der Veganer unter 400.000 liege.
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