„So geht das nicht weiter“

Im Haus des Landesvereins der Sinti in Hamburg: Inge Weiß, dahinter Moritz Terfloth, Emil Weiß, Robert Mechau und Cornelia Kerth. Foto: Ulrike Schmidt
 
Mit Zwölf musste er fünf Jahre Zwangsarbeit bei der Phoenix leisten. Eine Entschädigung hat Emil Weiß dafür bis heute nicht bekommen. Foto: Ulrike Schmidt
 
Familie Weiß vor der „Hütte der Geborgenheit“, Ende der 1960er-Jahre. Foto: pr

Familie Weiß lebt seit 1900 in Wilhelmsburg – und kämpft nun gegen die Diskriminierung der Sinti und Roma.

Von Roger Repplinger. Es fängt damit an, dass das Haus des Landesvereins der Sinti in Hamburg mit seiner Beratungsstelle im Industriegebiet Rotenhäuser Straße in Wilhelmsburg steht. Robert Weiß, der Gründer, sagte nach einem halben Jahr vergeblicher Haussuche: „Moritz, ruf doch du mal an“, erinnert sich Inge Weiß, Roberts Witwe. Also rief Moritz Terfloth, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Landesvereins und Historiker, bei Hauseigentümern an. „Wir haben das hier nur bekommen, weil es eine Erbengemeinschaft ist, und keine Nachbarn da sind, die sich beschweren könnten“, sagt Terfloth.
Wir sitzen im ersten Stock,
essen Kekse, trinken Wasser, die Klimaanlage läuft. Wir reden über ein Dokument aus dem 15. Jahrhundert, einen Schutzbrief aus Hildesheim, der Familie Weiß das Handel treiben erlaubt. Später zogen sie nach Harburg. Ums Jahr 1900 herum sind die Weiß' über die Süderelbe nach Wilhelmsburg gezogen. „Mein Urgroßvater und mein Großvater sind in Harburg geboren“, sagt der 85-jährige Emil Weiß, 64 Enkel, „und kein Ende abzusehen“, wie er sagt.
Emil Weiß war Elf und sein Vater war Musiker, als 1939 in der Schule die Sintikinder von den anderen getrennt wurden. Eine „Zigeunerklasse“ entstand, in die alle Kinder von Sechs bis 14 Jahren gingen. „Die Lehrer waren ganz nett“, sagt Emil Weiß. „Bis zum 16. Mai 1940, da wurden 1000 Sinti und Roma aus ganz Norddeutschland, davon 550 aus Hamburg, in den Fruchtschuppen C im Freihafen gepfercht und von dort über den Hannoverschen Bahnhof deportiert“, sagt Inge Weiß. Viele ins Vernichtungslager Bełżec im von der Wehrmacht besetzten Teil Polens. „Von unserer Familie ist die Hälfte während des Nationalsozialismus ermordet worden“, sagt sie. Schätzungen aus dem Jahr 1950 zufolge haben mindestens 80 Prozent der im Mai 1940 deportieren Hamburger Sinti die Lager nicht überlebt.
Emil Weiß überlebte, weil der Zwölfjährige bei der Harburger Gummiwarenfabrik Phoenix Waggons entlud. Zwölf Reichsmark pro Woche. „Haben wir Kohlen ausgeladen, waren wir schwarz, die anderen durften duschen, ich nicht“, sagt Weiß. Was mit den deportierten Familienangehörigen geschah, wusste er nicht.
Robert Mechau, Schwager von Inge Weiß, spielt Akkordeon im Orchester Café Royal, erinnert sich, dass Überlebende erzählten, Paul Everding und Kurt Krause von der Hamburger „Zigeunerdienststelle“ hatten den im Fruchtschuppen C eingesperrten Sinti und Roma „ein Häuschen in Polen versprochen“. Später habe man „gewusst, was los ist“. Von Mechaus Familie wurden 22 deportiert, zwei überlebten. „Es ist heute noch schwer, der Bevölkerung klar zu machen, dass wir als rassisch Verfolgte in die Konzentrationslager kamen, und nicht, wie die Nazis behauptet haben, als Kriminelle“, so Mechau.
„Heute“, sagt Inge Weiß, „leben wir nicht in Lagern, aber als asozial und kriminell gelten wir immer noch. Wir möchten, dass das aufhört.“ Cornelia Kerth, Mitarbeiterin des Lan-desvereins, berichtet von Erfahrungen, die sie macht, wenn sie jemandem erklärt, wo sie arbeitet: „Dann fragen die Leute nach Asyl, Migration und Integration. Dann sag ich: ,Das ist sehr schön und wichtig. Aber das sind Sinti, die leben seit ein paar hundert Jahren hier und sind Deutsche.’“
Kerth kümmert sich um die Entschädigung für Emil Weiß. „Ich hab bislang nichts gekriegt“, sagt Weiß. Für fünf Jahre Zwangsarbeit. Kerth hat im Staatsarchiv die „Akte Emil Weiß“ und andere Entschädigungsverfahren Hamburger Sinti gelesen. „Grauenhaft“, sagt sie. Emil Weiß' erster Antrag auf Entschädigung wurde abgelehnt. Begründung: „Alle nicht zur Wehrmacht eingezogenen Deutschen seien zu dieser Zeit zu kriegswichtigen Arbeiten herangezogen worden“, sagt Kerth. Auch Zwölfjährige, für zwölf Reichsmark pro Woche? Kerth wendet sich nun an die „Hamburger Stiftung Hilfe für NS-Verfolgte“.
Nach 1945 hatten die im NS-Staat von der Kriminalpolizei verfolgten Sinti mit den gleichen Kripobeamten wie vor dem Mai 1945 zu tun. „Und die haben nicht anders auf Sinti reagiert als vorher“, sagt Terfloth. Von Mitarbeitern in Ämtern und Behörden hört Kehrt, wenn es um den Völkermord geht: „Olle Kamellen.“ Eine Sinteza war krank und konnte nicht mehr aus dem Haus. Strittig war, ob sie mehr als ein Mal pro Woche duschen darf. Eine Sozialrichterin entschied: „Sie darf.“ Eine Mitarbeiterin des Rechtsamts der Sozialbehörde beharrte darauf, dass eine Dusche pro Woche reicht. Der Rechtsstreit zog sich hin, die Frau, auch sie NS-Verfolgte, starb.
„Wir haben keine Lobby“, sagt Mechau, „der Respekt wird uns verwehrt – von Ämtern, Behörden.“ Auch Privatleute werden misstrauisch, wenn sie mit Menschen zu tun haben, die sie als Sinti identifizieren. „Mein Mann hatte sich als Dachdecker weiter qualifiziert. Wenn er irgendwo ein Dach gedeckt hatte, war alles gut, bis die Hausbesitzer merkten, dass mein Mann Sinto war“, sagt Inge Weiß. Der Mann, der das Dach gedeckt hatte, war der gleiche, das Dach, das gut gedeckt war, auch. Beim Hausbesitzer hatte sich was verändert.
Die Gründung des Landesvereins hat auch mit der Schule zu tun. Nach 1945 haben die Sinti ihre Kinder nicht in die Schule geschickt, weil sie 1940 von der Schule ins KZ deportiert wurden. „Mein Vater wollte, dass ich in die Schule gehe“, sagt Inge Weiß. Der Vater musste sich gegen die Großeltern durchsetzen, die sagten: ,Wenn die Kinder eines Tages nicht zurück kommen, bist du an ihrem Tod Schuld.’“ Der Vater war, wenn Inge ein paar Minuten zu spät von der Schule nach Hause kam, „verrückt vor Angst“. Eltern haben ihre Kinder zur Schule gebracht und abgeholt.
„In der Grundschule wurde häufig zu uns gesagt: Malt ihr mal ein Bild“, sagt Inge Weiß, „weil die Lehrer uns nichts zugetraut haben.“ Die Folge: Lerndefizite und die Bestätigung der Vorurteile der Lehrer, dass Sintikinder dümmer sind als andere. In der Grundschule Rahmwerder Straße, unweit des Georgswerder Rings, der Sinti-Siedlung in Wilhelmsburg, gab es in den 1980er-Jahren den Schulleiter Buckbesch, der „ins Klassenbuch ein ,Z’ vor die Namen der Sintikinder und ein ,T’ vor die der türkischen Kinder schrieb“, sagt Inge Weiß, „an Fasching kam der Rektor als Adolf Hitler“.
Dann war da die Versicherung, die sich brieflich weigerte, Autos von Sinti zu versichern. Robert Weiß las den Brief und meinte: „So geht das nicht weiter, wir müssen was machen.“ So entstand der Landesverein.
Im Haus des Landesvereins sitzen wir nun. Im Industriegebiet, wo keine Nachbarn sind, die sich beschweren. So lange der Landesverein da draußen sitzt, muss er weitermachen.
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Manfred Hagel aus Harburg | 23.08.2013 | 14:06  
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