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Der Harburger Flaneur über klinisch reine Frühlingsgefühle im Netz.

Von den Wartehäuschen der Bushaltestellen in seiner Nähe blicken dem Flaneur die Bilder verschiedener hübscher junger Frauen entgegen. Nun hat unser Flaneur, obwohl ein alter Mann, nichts dagegen, von hübschen jungen Frauen angelächelt zu werden. Ja, im Grunde kann er sich kaum was Schöneres vorstellen.
Aber er ist nicht so dumm, dass er trotz seines Rests männlicher Triebhaftigkeit nicht weiß, dass die jungen Frauen nicht dort abgebildet sind, um ihn zu erfreuen. Wir leben im Kapitalismus. Also wollen sie ihm etwas verkaufen.
Der Text unten den Bildern klingt vielversprechend. Er lautet etwa so: Jede elf Minuten verliebt sich ein Mensch bei … und es folgt der Name einer bekannten Internet Paarungsbörse (der Flaneur hat sich vertippt. Der Werbetreibende ist natürlich eine Partnerschaftsbörse. Sorry.)
Was kann er daran anstößig finden? Aber er findet es doch höchst anstößig. (Irreführend auch, aber alle Werbung ist irreführend.)
Wie jeder von uns kennt der Flaneur genügend Weiblein und Männlein, die versucht haben, im Internet Abhilfe für ihre Einsamkeit zu zu schaffen. Innerhalb von elf Minuten ist keiner davon in den Zustand der Verliebtheit versetzt worden. Ganz im Gegenteil.
Denn das Erste, was sie erleben, ist, dass sie ein Profil erstellen müssen. Beachten Sie, lieber Leser, das Wort Profil in Verbindung mit Autoreifen, Kriminalistik oder Flugzeugbau, zeigt das nur, wie hoffnungslos altmodisch Sie sind (der Flaneur ebenfalls). Früher erstellte die Polizei ein Profil, um sich ein Bild eines bisher noch nicht gefassten Täters zu verschaffen. Heute stellen sich die ahnungslosen Kandidaten selber ihr Profil anhand erschöpfender Fragenkataloge gerade solcher Anbieter, wie unserer an der Haltestellen.
Das heißt, wenn es zu einem Date kommt: Beide – Frau und Mann – wissen bis ins letzte Detail über die Vorlieben, Hobbys, Arbeit, Verdienst und Unterwäschefarbe ihres Gegenübers Bescheid. Raum für Romantik, die von der Verhüllung, von der Auskunftsverweigerung lebt, gibt es nicht mehr. Diese armen Menschen nehmen an einer Art klinisch antiseptischer Prozedur teil, wo alles durch den Computer vorher berechnet ist. Sie müssen sich verlieben, verdammt noch mal, die unfehlbare Maschine hat es ihnen schließlich vorausgesagt!
Was in der Tat beim Date passiert, ist oft ein weiterer Beweis dafür, wie Schein und Sein auseinanderklaffen. Wie herrlich klang alles im Profil, und wie alltäglich die faktische Erscheinung. Er hat ein Bäuchlein, sie ist blondiert. Er trinkt zu viel (aus Nervosität nehmen wir an), und ihr Lippenstift ist ihm etwas zu grell. Und so weiter. Und das ist bloß das äußere Erscheinungsbild, das enttäuscht.
Alle elf Minuten? Dass wir nicht lachen!

Kolumne: Regelmäßig schreibt der Harburger Flaneur im Elbe Wochenblatt am Wochenende. Unserem Spaziergänger fällt einiges auf: In dieser Woche berichtet er darüber, was die Werbung eines Kennenlern-Angebotes im Internet mit ihm macht.
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