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Dr. Rainer Jogschies ist ein Schreibtischtäter. Der 62-Jährige liebt Worte. Geschrieben, gelesen, vorgetragen. Viele Jahre hat er als Journalist Artikel für große deutsche Magazine und Zeitungen geschrieben, hat Drehbücher fürs Fernsehen entwickelt und nebenbei eigene Bücher in verschiedenen Verlagen veröffentlicht.. Foto: pr
 
Musiker Roland Prakken berichtet in seinem Buch „Treulose Tomate ist nicht mein Gemüse“ über das Bandleben und rechnet auchgleich mit Heinz Strunk ab. Foto: privat

Dr. Rainer Jogschies verlegt seit zehn Jahren in seinem Nachttischbuch-Verlag nur Bücher, die ihm gefallen

sabine langner, hamburg

Auf den ersten Blick wirkt Rainer Jogschies wie ein sanfter Schöngeist. Die Statur eher schmächtig, die Haare ein
bisschen zerzaust, aber im Herzen jede Menge Potential zum Aufregen. „Es gibt so viele tolle Autoren, die nie veröffentlicht werden. Das kann doch nicht sein“, dachte sich der Harburger, als er zusammen mit einem Kollegen aus der Gewerkschaft 1995 eine Lesereihe in der Harburger Kulturwerkstatt begann. Hier traf Jogschies so viele begabte Schriftsteller, dass er beschloss, sie selber zu verlegen. Am Anfang hatte er noch vier Mitstreiter in dem Nachttischbuch-Verlag, „aber die anderen hatten keine Lust mehr“, sagt er achselzuckend.
Jede Woche kommen drei bis vier Manuskripte
Der Name des Verlages ist eine Verbeugung vor Kurt Tucholsky. Der berühmte Autor schrieb von 1927 bis 1932 Rezensionen in der „Weltbühne“. Die wortgewaltigen Artikel, in denen der Satiriker auch immer noch gleich das politischen Weltgeschehen mit aufs Korn nahm, begannen stets mit den Worten: „Auf meinem Nachttisch...“.
20 Bücher hat Rainer Jogschies in den letzten zehn Jahren verlegt. Nicht gerade eine Ausbeute um reich zu werden, aber genug, um davon zu leben. Jede Woche landen drei bis vier Manuskripte von neuen hoffnungsvollen Autoren auf dem Schreibtisch des Verlages. Jogschies liest sie alle. Naja, er schaut sie sich alle an. „Wenn ein Buch mich nicht mit der dritten Zeile gefangen nimmt, hat es verloren“, sagt der Heimfelder. Da merkt man deutlich den Journalisten, denen auf jeder Schule eingehämmert wird: Der erste Satz muss den Leser hineinziehen.
Der Autor erhält 10 bis 15 Prozent des Verkaufspreises
Ist diese erste Hürde genommen, folgen weitere. „Nett“ müssen die Autoren sein. Und leidenschaftlich. „Es gibt bei unseren Autoren keine klare Linie. Die meisten sind sehr witzig, aber auf ein bestimmtes Thema mag ich mich nicht festlegen“, so Jogschies weiter. Dementsprechend kunterbunt ist auch die Ausbeute des Nachttischbuch-Verlages. Ina Bruchlos erzählt bizarre Kurzgeschichten. Johannes Goettsche lässt in seinem Krimi „Kanzlerbonus“ einen dicken Kanzler am Rednerpult zusammenbrechen.
Musiker Roland Prakken rechnet in seiner Musik-Satire mit seinem ehemaligen Freund und Kollegen Heinz Strunk ab. Franz C. Schiermeyer und Norbert Gräf verbinden Aphorismen und Cartoons. Eine
Gemeinsamkeit haben alle Autoren vom Nachttischbuch-Verlag: Sie verdienen ihr Geld für die Miete nicht mit dem Schreiben sondern als Maler, Musiker, Juristen oder Sozialarbeiter.
Vom Schreiben allein können nur sehr wenige Autoren leben. Wie auch? 16,80 Euro kostet beispielsweise der „Kanzlerbonus“ im Buchhandel. 30 Prozent bekommt davon der Buchhändler. Rund 30 Prozent kostet der Druck. Für die Autoren bleiben zehn bis 15 Prozent pro verkauftem Buch übrig. Da muss man schon sehr viele Bücher verkaufen, um ein ordentliches Auskommen zu haben.
Fleißige Autoren gehen auf Lesereise
Dabei sind mit der neuen Print-on-Demand-Technik schon rosige Zeiten für Verleger angebrochen. Musste man früher, also noch vor zehn Jahren, mindestens 1.000 Stück herstellen lassen, damit sich die Sache für eine Druckerei überhaupt rechnete, kann man die Bücher heute auch einzeln drucken lassen.
Der Vertrieb ist ein großes Problem. Fleißige Autoren gehen auf Lesereise und verkaufen ihre Bücher vor Ort.
Glückspilze bekommen eine Besprechung in einer Zeitung oder sogar im Fernsehen. Die meisten sind schon froh, wenn die Mund-Zu-Mund-Propaganda funktioniert. Mittel, wie sie die großen Verlage haben, die Werbekampagnen für Neuerscheinungen entwickeln, hat der Nachttischbuch-Verlag nicht.
Trotzdem ist Rainer Jogschies ganz glücklich als Verleger. „Reich wird man damit nicht, aber Vergleich zu den großen Verlagen kann ich mir auch leisten, geduldig zu sein. Wenn in einem großen Verlag ein Buch nicht gleich zündet, wird es schnell verramscht. Bei uns haben die Bücher alle Zeit der Welt.“
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