Schrauben für eine bessere Zukunft

Sambosa (re., aus Eritrea) braucht ein funktionierendes Rad, um Hamburg zu erkunden. „Schnackschrauber“ Ulrich hilft ihm. Foto: cvs
 
„Schnackschrauber“ Jochim Maack (63): „Leute, die sich integrieren wollen, brauchen Leute, die das zulassen.“ Foto: cvs

In der Erstaufnahme in Bahrenfeld möbeln die Schnackschrauber ehrenamtlich alte Fahrräder für Geflüchtete auf

Von Christopher von Savigny. Das silber-metallic glänzende City-Bike der Marke „Mifa“ sieht eigentlich noch top aus. Allerdings klemmt es beim Bremsen etwas, und die Federung funktioniert ebenfalls nicht mehr richtig. „Addi“, der grauhaarige Schrauber mit der Brille, rüttelt hier und da ein bisschen am Rad herum und versprüht ein paar Milliliter Kriechöl. „Manchmal reichen schon kleinere Handgriffe“, sagt er. Große und zeitaufwendige Reparaturen können die „Schnackschrauber“ auf dem Gelände der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung (ZEA) in Bahrenfeld nicht durchführen – schließlich warten vor der Tür weitere, geschätzt 30 ZEA-Bewohner mit ihren kaputten Drahteseln. Nur eben funktionieren sollen sie „Ich benutze mein Rad täglich, um zur Schule zu fahren“, berichtet der Afghaner Hamed (21), dem das City-Bike gehört. „Die Busverbindungen hier sind sehr schlecht, daher brauche ich es unbedingt!“

Hamed fährt mit dem Rad in die Schule nach Altona

Seit Anfang letzten Jahres sind die ehrenamtlich organisierten „Schnackschrauber“ auf dem Gelände der ZEA Schnackenburgallee aktiv. Zweimal pro Woche können die Geflüchteten ihre Zweiräder zum Reparieren vorbeibringen. Der Service ist gratis – auch die nötigen Ersatzteile gibt es frei Haus. „Mobil zu sein ist wichtig“, findet Jochim Maack (63), einer der Hauptverantwortlichen des Projekts. „Wenn man hier sechs Monate herumsitzt, kann einem doch ganz schön langweilig werden.“
Von Beruf ist Maack Drucker, 25 Jahre lang hatte er einen eigenen Laden in Ottensen. Vor rund vier Jahren hörte er auf, weil er eine Veränderung brauchte. „Ich wollte etwas Sinnvolles tun, mich sozial engagieren“, sagt Maack, der für sein Alter sehr jugendlich wirkt. Die Idee, sich für Flüchtlinge einzusetzen, lag nahe. „Leute, die sich integrieren wollen, brauchen Leute, die das zulassen“ – so lautet das Credo des Ehrenamtlichen. Anfangs sammelte Maack alte Räder bei sich zu Hause, schraubte sie in seinem Garten zusammen und brachte sie anschließend in die Unterkunft. Dort wurden ihm die aufgemöbelten Drahtesel regelrecht aus den Händen gerissen. Weitere Ehrenamtliche – Rentner, Studenten und Berufstätige – kamen dazu, schraubten und werkelten – die „Schnack-schrauber“ waren geboren. Mittlerweile hat das Projekt – aktuell 18 Helfer – einige Unterstützer gefunden: Der Unterkunftsbetreiber „Fördern & Wohnen“ schießt monatlich 400 Euro für Verbrauchskosten dazu, außerdem gab es zwei größere Einzelspenden durch die Bezirksversammlung Altona und durch eine Hamburger Firma. Von diesem Polster leben die „Schnackschrauber“ zurzeit. „Unsere Ersatzteile kaufen wir bei einem befreundeten Radladen ein, wo wir 35 Prozent Ermäßigung bekommen“, berichtet Maack.

Bald wissen die Flüchtlinge, wie man Bremsen justiert

Die Zweiradbastelnachmittage an der Schnackenburgallee gehören zu den Highlights für die aktuell 1.300 ZEA-Bewohner – schon allein deshalb, weil die ehrenamtlichen Schrauber ein wenig Leben in den tristen Alltag bringen. Vor der Tür des weißen Werkstatt-Containers sieht man Kinder spielen, Erwachsene – überwiegend junge Männer – gucken den Mechanikern über die Schulter oder legen selbst mit Hand an. „Integration bedeutet für uns, dass wir die Leute mitarbeiten lassen“,sagt Fahrradbastler Addi. Der Lohn der Mühe: Am Ende des Tages wissen die Geflüchteten – die Mehrzahl von ihnen stammt aus Syrien, Irak und Afghanistan – meist schon selbst, wie man einen Reifen flickt, die Bremsen justiert oder die Sattelhöhe einstellt. Damit künftig auch außerhalb der Öffnungszeiten gewerkelt werden kann, hat Jochim Maack drei Pump- und Reparaturstationen („zum Vorzugspreis“) besorgt, die jetzt auf dem ZEA-Gelände aufgestellt werden sollen. Die praktischen kleinen Selbsthilfestationen bieten allerlei Fahrradwerkzeug an und sind rund um die Uhr benutzbar.
Die Räder der „Schnackschrauber“ stammen aus Privathaushalten und von Wohnungsauflösungen. Auch Fundräder vom Bezirksamt sind darunter.
Als Annahmestelle für Spendenräder fungiert die Kleiderkammer der Luthergemeinde, Regerstraße 73. Öffnungszeiten: montags bis mittwochs von 10 bis 14 Uhr, donnerstags von 10 bis 21 Uhr. Bitte nach Möglichkeit nur fahrbereite Räder (gerne mit Schloss!) abgeben. Auf Wunsch kann man sein Altrad abholen lassen (unter Tel. 01523 – 820 50 11).

Hier wird Flüchtlingen in Hamburg auch geholfen – eine Auswahl:


Harburg hilft
In den ehemaligen Jugendräumen der Ev. Trinitatisgemeinde in der Bremer Straße hat die Kirchengemeinde das „Refugio - Café der Gastfreundschaft“ eingerichtet. Die fast 100 Helfer kochen mit den Gästen, sie organisieren Sprachkurse und Sportangebote, begleiten bei Behördengängen, gehen mit den Gästen einfach spazieren oder machen Radtouren.
❱❱ www.cafe-refugio-harburg.de

Wilhelmsburg hilft

„Die Insel hilft“, ein Verein für ehrenamtliche Flüchtlingshilfe auf der Elbinsel Wilhelmsburg, begleitet bei Behördengängen, organisiert Deutschkurse, verteilt Kleiderspen- den – kümmert sich um schnelle und unkomplizierte Versorgung und Integration der Flüchtlinge.
❱❱ www.fluechtlingshilfe.org

Gemeinam kicken
Die private Initiative „Kick it United“ baut in mehreren
Erstaufnahmeeinrichtungen der Stadt jede Woche mobile Fußballplätze auf.
❱❱ www.kick-it-united.de

Hilfe in Lokstedt
Sprachkurse, Sportangebote, Patenschaften, Begegnungsmöglichkeiten: Die Aktiven des Vereins Herzliches Lokstedt helfen Flüchtlingen beim Ankommen in Hamburg und begleiten sie auf ihrem weiteren Weg. Die Ehrenamtlichen organisieren regelmäßige Treffpunkte und Aktivitäten, zum Beispiel im Bürgerhaus in der Lenzsiedlung oder im Bürgerhaus Lokstedt. Vor allem für Flüchtlinge aus den Unterkünften in Lokstedt und Umgebung bieten die Helfer Anlaufstellen. Weitere Unterstützer und Engagierte werden immer gesucht. Info ❱❱ www.herzlicheslokstedt. hamburg
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