Schlagermove im Altenheim

Darf ich bitten? Berührungsängste gab es beim Schlagermove in der Heimfelder Senioreneinrichtung nicht. Fotos: sd
 
Friedel Prüßmann: Ihr Herz schlägt für Rockmusiker Peter Maffay und seine markante Stimme.

So wie auf dem Kiez: Oldies feiern im Seniorenheim in Heimfeld.

Von Sabine Deh. Friedel Prüßmann (82) hat sich zur Feier des Tages Schleifen ins silberne Haar flechten lassen und eine Perlenkette angelegt. Erna Anis (79) ist auf die Tanzfläche gegangen, wo Hans-Peter Gronau (72) im karierten Hemd und Jeans das Becken kreisen lässt. Seine künstliche Hüfte scheint Tänzer Gronau nicht zu stören.
Im Seniorenheim Pflegen & Wohnen in Heimfeld ist heute Schlagermove. „Musik macht das Leben schöner“, findet Friedel Prüßmann. Allerdings steht die alte Dame nicht auf Udo Jürgens und Roland Kaiser. Sie mag Rocker Peter Maffay lieber. Aber heute will sie nicht lange über Musikgeschmack diskutieren. Eine Polonäse, die von einer Bewohnerin im Rollstuhl angeführt wird, zieht vorbei. „Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse“. Da muss Friedel Prüssmann mit, das müssen wir doch verstehen.
Im Festsaal gibt es Selter, Saft und Alsterwasser. Draußen auf der Terrasse grillen die Pfleger Elke Wiechel und Kai Thäden Würstchen. Die Mitarbeiter des Hauses haben sich im Saal verteilt, um alle Bewohner miteinzubeziehen. Den musikalischen Part hat Ulli’s Gang übernomen, die auch beim alljährliche Schlager-
move auf dem Kiez dabei ist. Was auf der Reeperbahn funktioniert, kommt auch bei den Oldies gut an. „Männers vom platten Land“, „Hölle, Hölle, meine Schwiegermutter kommt“ oder „Ich hab ein Ferkel, dass heißt Frau Merkel“ hat Bandleader Ulli Köhler (31) im Repertoire.
Derzeit leben 228 Senioren in der Einrichtung an der Rennkoppel. Der Älteste vollendete kürzlich sein 104. Lebensjahr. „Musik schafft Gemeinschaftsgefühl und geht direkt ins Herz“, sagt Maike Völkel, die Direktorin der Einrichtung, über den Erfolg ihrer Party. Sie selbst hat sich in einen bunt geblümten Overall geworfen und ihr 70er-Jahre-Outfit mit pinkfarbener Sonnenbrille und Blümchen-Kette abgerundet. Hier nimmt sich heute niemand allzu ernst. Die Chefin und ihr Personal halten generell nichts davon alte Leutchen im Ohrensessel vor dem Fernseher zu parken oder sie mit Puzzle-Spielen zu langweilen. Bei Pflegen & Wohnen gibt es daher auch regelmäßig Mottotage zu Themen wie Familie Flodder, Bauernhof, Sport oder Rocker im Kalender. Die moderne Eventkultur, die aus allem ein Ereignis macht, geht auch am Altenheim nicht vorbei. Graue Pepitahüte sieht man nicht in Heimfeld. Die Alten sind jünger geworden. Und das Spiel Deutschland gegen Niederlande wird nach dem Schlagermove ebenfalls gemeinsam geschaut.
Unterstützung erhält das Personal vom Freundeskreis „Herbstsonne“. 14 Ehrenamtliche, die beim Austeilen der Getränke helfen, Waffeln backen und auch sonst stets zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden. Bei diesen Veranstaltungen stehen bunte Verkleidungen und Musik im Mittelpunkt. „Musik aktiviert das Langzeitgedächtnis unserer Bewohner“, hat Anja Twardy von der Sozialen Betreuung beobachtet. Sie hatte auch die Idee, einen Schlagermove im Altersheim ins Leben zu rufen. Beim Hören vertrauter Klänge würden häufig längst vergessen geglaubte Erinnerungen wieder an die Oberfläche des Bewusstseins geholt. Das sei gerade für die Dementen eine beglückende Erfahrung.
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