Scheitern

Kolumne: Dem Harburger Flaneur fällt einiges auf …

Vom Harburger Flaneur. „Ich bin gescheitert.“ Ein schwerwiegenderes Eingeständnis kann es kaum geben, vor allem in unserer Welt, die von jedem von uns Erfolg erwartet.
Aber es gibt Scheitern und Scheitern. Über einen Ehemann, der das Scheitern seiner Ehe beklagt, aber seit Jahren fremdgegangen ist, können wir nur den Kopf schütteln. Er hat nur die Folgen seiner eigenen Taten zu spüren bekommen.
Ebenso über einen Arbeitslosen, der die unselige Gewohnheit hatte, seinen Chef zu beklauen. Sein Fall ist hier für uns nicht weiter vom Interesse.
Aber es gibt ganz andere, für die der Volksmund die Beschreibung Pechvögel bereithält. Menschen, die sich redlich bemühen aber denen kaum etwas gelingt. Sie bleiben vielleicht ohne Partner oder Partnerin. Beruflich kommen sie gar nicht voran. Von vielen werden sie wegen ihres Misserfolges gemieden. Solch unverschuldetes Scheitern macht sie bitter. Sie schreien ihre Kinder, falls sie welche haben, am Abend an und ihre Frauen erst recht. Es liegt eine Fluch über ihnen. Was auch immer sie anfassen, sie bringen es zu keinem guten Ende.
Es gibt natürlich die leichtsinnige Variante. Menschen, die anscheinend gar nicht merken, was mit ihnen los ist, und immer zum Scherz und zum Lachen aufgelegt sind. Solche sind eigentlich Kinder und übernehmen keine Verantwortung für sich oder andere. Sie sind der Albtraum einer jeden Ehefrau. Mit ihnen ist nichts anzufangen.
Nun war das Scheitern bis vor kurzem ein Tabuthema. Das hat sich geändert. Viele Leser werden sich an die unglaubliche Ausstellung in der Kunsthalle unter dem gleichnamigen Titel erinnern. Dort waren unvergessliche Videoinstallationen zu sehen, die die Vielfalt des Scheiterns darstellten. Zum Lachen und zum Weinen – und auch an das „Spiegel-Wissen“ Heft vom Anfang dieses Jahres, „Richtig scheitern“. Scheitern ist salonfähig geworden.
Richtig scheitern? Soll das ein Witz sein? Wie kann Scheitern richtig sein? Es ist immer ein Desaster, oder?
Dazu - zur Horizonterweiterung - einige geflügelte Wörter:
Zunächst von Samuel Beckett: „Immer versucht/ Immer gescheitert/ Einerlei/ Wieder versuchen / Wieder scheitern / Besser scheitern“. Oha, „besser scheitern“: Becketts schwarzer Humor!
Dann, ganz ernst, von Senator Edward Kennedy: „Nur diejenigen, die sich trauen, in großem Stil zu scheitern, können auch im großen Stil Erfolg haben.“ Das Scheitern muss nicht das Ende sein.
Henry Ford, als Geschäftsmann mit viel Erfahrung, meint: „Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, als solche, die scheitern.“ Erstaunlich.
Wie ist das Scheitern in Liebesdingen? Ninon de Laclos behauptet: „Viele Eroberungen scheitern mehr an der Ungeschicklichkeit der Männer, als an der Tugend der Frauen.“ Deshalb gibt es heutzutage so viele Flirtkurse. Und nicht nur für Männer.
Das Scheitern hat Perspektiven, von denen wir bisher nichts ahnten. Wir möchten niemadem wünschen, daß er scheitert, aber sollte er es tun, kann er wissen, er sei in guter Gesellschaft. Er darf bloß nicht aufgeben.
Das Scheitern hat auch weltpolitische Dimensionen. Hören wir zum Schluss Jean Ziegler: „Die Koalition gegen den Terror ist zum Scheitern verurteilt, weil es zur gleichen Zeit keine Koalition gegen den Hunger
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