Sag mir, wo die Blumen sind

Verblüht: Aus der Internationalen Gartenschau wird nun der Inselpark. Fotos: Ulrike Schmidt
 
Schwarzer Mutterboden unter der Monorailbahn.

Aus dem Gartenschaugelände wird der Inselpark – Spaziergang durch eine Betonwelt.

Von Roger Repplinger (Text) und Ulrike Schmidt (Fotos). Der Himmel sieht aus, als ob es gleich regnet. Die grünen Kassenhäuschen, die grüner sind als der Rest der Internationalen Gartenschau (IGS), sind zu. Der Regen kommt. Und zwar von vorn, wenn kein Wind wäre, wär es nur halb so schlimm. Zwei Mütter, die eine hat ihr Kind im Tragetuch, die andere ihres im Kinderwagen, sind vorbereitet. Die Mutter mit dem Tragetuch spannt einen Regenschirm auf, die andere eine Plane über den Kinderwagen.
In der Blumenhalle bohrt ein Betonzertrümmerer seine Nase ins Material: „Tocktocktock.“ Den Fahrer in seiner Kabine können wir nicht sehen: „Tocktocktock.“ Denn der Betonstaub, der in der Luft liegt, ist dicht. Vom Dach der Blumenhalle tropft uns der Regen in den Kragen.
Aus der Nordwandhalle kommen Kinder die auf ihre Smartphones gucken und vom Klettern noch nicht müde genug sind, um sich durch die Pfützen zu schubsen. Am Ende der Gruppe geht ein blondes Mädchen, das mit Appetit in ein Käsebrot beißt.
Ein paar Minuten später scheint die Sonne so hell auf die Platten rund ums Basketballfeld, dass wir die Augen zusammenkneifen. Auf Schritt und tritt wird den Besuchern, die nicht da sind, erklärt, was sie tun sollen. Und was nicht. Auf der Skaterbahn liegen Laub, Grasbüschel und Kippen. Keine Skater. Das Graffito, das so tut, als sei es so wie auf den U-Bahnen, macht die Betonwand, auf der es steht, nicht bunt.
Vor dem Tor der Aqua-Socceranlage liegt ein Holzscheit, wie ihn sich die Leute, die in der Isestraße wohnen, von ihren Hausangestellten in den Kamin legen lassen. Das Beste an der IGS im Herbst ist, dass man allein ist. Und nicht von Blumen, Besuchern und Schmetterlingen abgelenkt wird. Das fehlt alles, und so sieht man – das IGS-Skelett.
Auf den Minigolfflächen liegt ein schwarzer Schal. Über die Seile im Hochseilgarten laufen nicht mal Eichhörnchen, womöglich weil ihnen die Sicherheitsausrüstung, die zur Benutzung verlangt wird, fehlt. Überhaupt sind wenig Tiere da, nur ein paar Hunde. Die Tiere scheinen die Meinung der Menschen zu teilen. Die IGS ist nicht für sie. Für die Pflanzen auch nicht. Eher eine Vorführung innovativer Verwendung des Baustoffs Beton.
Hinter dem „Kreislauf-Pavillon“ ist ein kleiner See. Der stinkt. Auf dem See ein weißer Überzug. Das Grundgeräusch auf dem Gelände – ein leichtes Rauschen – liefert die Bundesstraße 75/4, es bekommt Rhythmus durch die Zuggeräusche der S-Bahn. Nur das Krächzen der Krähen stört.
Auf der Anlage des Kleingartenverein 761 Im Bauernfelde e.V. von 1953 eine Deutschlandfahne vor grauem Himmel. Über einem verrotteten Gartenhäuschen, das sich von den gepflegten, auch von außen polierten Häuschen abhebt, eine neue schwarz-rot-goldene Fahne.
Drei Gärtner im Bereich der Kasse der Monorailbahn mit Rechen in schwarzer Erde. Von der Bundesstraße hupts rüber. Eine dieser LKW-Hupen, die Radfahrern Angst machen.
Im „Dahliengarten“ keine Dahlien. Ein Garten ist es auch nicht mehr. Viereckige Beete, schwarze Erde, mal ein Kronkorken, Stanniolpapier. In einem Graben ein blauer Schirm der „Bundesgartenschau Schwerin“ von 2009. An der B 75/4 ein Grillplatz. Die Grillvorrichtung ist in den Tisch eingelassen, drunter der Mülleimer. Die IGS hat was von einem Flugzeug, clean, antiseptisch, durchorganisiert. Man soll hier nur Chicken grillen, sagt die Anweisung.
Immerhin wachsen in der Mitte des Grillplatzes Rosmarin, Pfeffer und Bärlauch. Riechen kann man den Thymian. Man kann sich nicht so recht vorstellen, dass im Sommer türkische Familien mit Kühltaschen und Decken hierher kommen, um zu grillen. Es sieht auch nicht so aus, als sei das gewollt. Kann sein, dass auch in Zukunft die nicht zahlreichen Freunde des Betons hierher kommen.
Der „Rosenboulevard“, auf dem die Rosen zurückgeschnitten sind, damit sie den Winter überstehen, wird von einem einbetonierten Gerinnsel geteilt. Die Bänke, die hier stehen, sind einbetoniert, es ist nicht so, dass der Beton zwischen den Pflanzen ist. Es ist umgekehrt. Eine Frau mit drei großen Hunden, eine Frau mit zwei kleinen Hunden. Der Beton, mit dem die Pflanzen und mit ihr die Besucher, eingesperrt werden, findet seine Ergänzung im Kitsch der Gartenhäuschen der Schrebergartenanlage. Wir müssen nicht lange nach einem lässig liegenden Gartenzwerg suchen, Windräder, Anker, melancholische Zwerge. Vor einem skandinavisch aussehenden Gartenhäuschen hat sich ein Clown erhängt. Er schaukelt im Wind.
Wir werden von zwei lebenden Schrebergarten-Verantwortlichen gestellt, die wissen wollen, „warum wir hier alles fotografieren“. Als wir nach den Presseausweisen kramen, trollen sich die Herren.
Die Monorailbahn steht, gut eingepackt, auf dem Gleis. Eine Gruppe reger Rentner in teuren Outdoor-Klamotten zieht vorbei. Fast drei sind auf der Skaterbahn: Ein älterer Skater, augenscheinlich Anfänger, und zwei erfahrene Krähen.
Auf dem Weg raus sehen wir einen Stromkasten. In den Hang gebaut. Ein kleiner, grauer Kasten. Er ist einbetoniert. Die IGS ist eine Veranstaltung, die uns die Angst vor der Unberechenbarkeit, die wir Pflanzen, Wasser, Wind zuschreiben, vorführt. Die wird mit Beton bekämpft. Es ist auch Angst vor dem Menschen vorhanden, diesem unberechenbaren Wesen, dem gesagt werden muss, wo es chillen, skaten, Fußball spielen und was es grillen darf.
Bei uns kommt der Verdacht auf, dass alles, was hier so wächst, künstlich ist. Auch die Bäume. Und die Hunde mit ihren Rentnern. Falls dem nicht so ist, sollte der Innenarchitekt, der die IGS geplant hat, diese Möglichkeit für die nächste Veranstaltung ins Auge fassen.
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1 Kommentar
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Lothar Jakob aus Wilhelmsburg | 25.11.2013 | 12:57  
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