Rien ne va plus?

Zum letzten Mal mit „ihrem“ Nachtzug nach Paris: Zwei Reisebegleiterinnen der Bahn kurz vor der Abfahrt. Foto: schwarz
 
Trauriger Anlass, fröhlicher Demonstrant: Mit Fähnchen der französischen Nationalfarben Rot, Weiß, Blau im Einsatz für die Nachtverbindung Hamburg-Paris. Foto: Schwarz
 
Trauriger Anlass, fröhlicher Demonstrant: Mit Fähnchen der französischen Nationalfarben Rot, Weiß, Blau im Einsatz für die Nachtverbindung Hamburg-Paris. Foto: Schwarz

Verbindung eingestellt: Es fährt kein Nachtzug mehr von Hamburg nach Paris

Von Reinhard Schwarz. Reisende und Passanten hatten am Donnerstagabend vergangener Woche im Bahnhof Altona ein Erlebnis der besonderen Art: Menschen hörten auf dem Bahnsteig 9 französische Chansons, schwenkten Wimpel mit der französischen Fahne, jubelten. Wurde hier die deutsch-französische Freundschaft gefeiert? So in etwa. Denn eigentlich war der Anlass ein eher trauriger: Der letzte Nachtzug sollte in wenigen Minuten den Altonaer Bahnhof Richtung Paris verlassen. Die Deutsche Bahn hat die Verbindung aus dem Fahrplan gestrichen. Wer zukünftig nach Paris will, muss tagsüber den ICE nehmen, statt bequem im Liege- oder Schlafwagen schlummernd der französischen Hauptstadt entgegen zu reisen. Vor dem Bahnhof hatten sich Bahnmitarbeiter eingefunden, unterstützt von Gewerkschaftern und Vertretern der Linken. Sie alle forderten dass die Nachtzugverbindung bleiben müsse.
Doch die Bahn will hart bleiben: „Die Nutzung der Nachtzugverbindung ist massiv zurückgegangen, und wenn man permanent Minus macht, muss man das Angebot irgendwann einstellen“, sagt Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis. Die Konkurrenz durch die Billigflieger hat Fahrgäste gekostet. Und im Übrigen seien „zahlreiche europäische Staatsbahnen ebenfalls aus der Nachtzugsparte ausgestiegen“, so Meyer-Lovis.

„Billigflieger haben Wettbewerbsvorteile“

Diese Argumente will Betriebsrat Joachim Holstein, Zugbegleiter seit 14 Jahren, nicht gelten lassen. „Der Nachtzug war bis zum Schluss gut ausgelastet.“ Ein Problem seien unter anderem die hohen Trassengebühren, die Frankreich für die Nutzung seiner Schienen verlange. „Das hat selbst der Präsident der französischen Staatsbahnen SNCF kritisiert.“ Hinzu kommt eine „klare Wettbewerbsverzerrung“, wie Holstein kritisiert: Bei Flugtickets ins Ausland müssen Fluggäste keine 19 Prozent Mehrwertsteuer zahlen, Bahnfahrer hingegen schon.
Für rund 100 Bahnangestellte bedeutet die Entscheidung der Bahn auch das berufliche Aus. Eine von ihnen ist Sabine Mahlwein (42, Name geändert, d. Red.), bisher Schaffnerin und Servicekraft. „Ich bin seit zwölf Jahren dabei. Wir bereiten die Betten für die Nachtruhe vor, sorgen für das Frühstück am nächsten Morgen. Eine schöne und sinnvolle Arbeit. Die Gäste waren immer gut drauf, weil die meisten von ihnen in Urlaub fuhren.“

Zum Schluss hat die Bahn kaum noch investiert

Auch sie kritisiert die Bahn: „Das Betrübliche ist, dass zum Schluss die Züge in einem maroden Zustand waren und wir als Beschäftigte dafür gerade stehen mussten. Die Bahn hat einfach nicht mehr in die Nachtzüge investiert.“ Dabei sei die Nachfrage durchaus vorhanden gewesen, unterstützt Mahlwein die Argumentation des Betriebsrats. „Viele Gebrechliche oder Menschen mit Flugangst haben das Angebot genutzt.“
Doch nicht nur in Hamburg hat es Proteste gegeben, auch in anderen europäischen Städten wurde gegen die Einstellung von Nachtzugverbindungen demonstriert. Anfang November gab es in Kopenhagen einen „Flashmob“ für den Erhalt der europäischen Nachtzüge. Demonstranten übergaben eine Petition mit 9.000 Unterschriften an Lone Loklindt, Vorsitzende des Umweltausschusses des dänischen Parlaments. Und auch in Deutschland werden inzwischen eifrig Unterschriften zum Erhalt der Nachtzüge gesammelt.
Am 14. Januar 2015 gibt es in Berlin eine Anhörung im Bundesausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur zur Zukunft der Nacht- und Autozüge. Schon am 24. September demonstrierten Bahnbeschäftigte in Berlin vor dem Sitz der DB-Dachgesellschaft für den Erhalt von Nacht- und Autozügen und übergaben rund 7.000 Protestpostkarten.
Bahnhof Altona, kurz vor 20 Uhr: Um 19.57 Uhr soll der Nachtzug nach Paris abfahren. Noch ertönen französische Chansons, viele schwenken immer noch die Papierfähnchen mit den französischen Nationalfarben. Im gemessenen Abstand beobachten Beamte der Bundespolizei misstrauisch das Geschehen auf Bahnsteig 9. Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Einige der Protestierer fahren noch symbolisch einen Teil der Stre-cke mit. Am nächsten Morgen erreicht der Zug pünktlich um 9.24 Uhr den Pariser Gare de l'Est, Bahnsteig 25.
Endstation? Rien ne va plus? Nichts geht mehr? Manche hoffen, dass die Bahn noch umdenkt. Denn schon einmal, in 2008, wurde der Nachtzug nach Paris eingestellt – und 2010 wurde die Verbindung wieder aufgenommen.

Unbekannte Welt

Nie werde ich den Geruch in der Metro-Station vergessen, den Geschmack der Croissants und das Durcheinander am Gare du Nord. Im Februar 1990, auf dem Weg von Hamburg zu einem zweimonatigen Praktikum in Paris, kam ich in eine Welt, die noch ganz anders war als im durchorganisierten Deutschland. Die Schaffner der SNCF sprachen kaum Deutsch, trugen aber elegante Uniformen. Im Zug saßen Köche, die in französischen Restaurants im Norden gearbeitet hatten. Sie sprachen über Rezepte, an denen sich seit Jahrzehnten wenig geändert hatte. Im Bahnhofskeller stellte ich meinen Koffer ins Schließfach und fuhr mit der Metro direkt zum Praktikum, wo die nächste unbekannte Welt auf mich wartete. Mein sympathischer Kollege Samba Dia aus dem Senegal, der mich zum Café au Lait in ein Bistro einlud. M. Greulich

Beinahe den Ausstieg verpennt

Als Schüler hatte ich einen Brieffreund in Paris und bin daher ab und zu mit dem Zug dorthin gefahren. Mein eindrücklichstes Erlebnis stammt allerdings aus der Zeit, als ich meine erste Freundin hatte (Mitte der 80er Jahre) und wir gemeinsam mit dem Nachtzug von Ostwestfalen aus in Richtung französische Hauptstadt gestartet sind. Aus Gründen der Sparsamkeit wurden einfache Sitzplätze gebucht. Glücklicherweise hatten wir das Abteil für uns, sodass wir alle Sitze ausklappen und uns darauf langmachen konnten. Die Unterlage stellte sich als unerwartet bequem heraus – jedenfalls wachten wir erst am Pariser Gare du Nord wieder auf. Es war hellichter Tag, ein Angestellter des SNCF rannte durch Zug und rief irgendetwas auf Französisch, was wir in unserem Dämmerzustand wahrscheinlich nicht sofort verstanden. Trotzdem wurde uns blitzartig klar, dass wir die letzten waren und uns unglaublich beeilen mussten. Mit Hängen und Würgen schafften wir es gerade noch auf den Bahnsteig. Um ein Haar hätte unserer Urlaub auf dem Abstellgleis begonnen!
Chr. von Savigny
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