Rempeln auf Rädern

Beim „Block“ versuchen die Verteidigerinnen, die gegnerische „Jammerin“ am Durchkommen zu hindern.
 
Bis zum nächsten Mal: die Harbor Girls auf Abschiedsrunde.

Die Harbor Girls spielen auf St. Pauli in ausverkaufter Halle die US-Sportart Roller Derby.

Schubsen, stoßen, drängeln: Mit aller Kraft versucht sich Lena (24) alias „Holly Hellraiser“ durch den gegnerischen Block hindurchzukämpfen. Doch die andere Mannschaft passt auf, dass keine Lücke entsteht. Wenn sie Pech hat, wird Lena während der Rangelei aus der Bahn geworfen. Dann muss sie sich hinten anstellen und wieder von Neuem gegen das Knäuel aus menschlichen Leibern anrennen. Oder sie kommt durch: Dann hat sie, die „Jammerin“ der Harbor Girls, ihr Ziel erreicht und fünf Punkte für ihr Team eingefahren.

Ortstermin in der Sporthalle des Wirtschaftsgymnasiums St. Pauli: Auf einem rund 30 mal 18 Meter großen, mit gelbem Klebestreifen markierten Oval tummeln sich zehn junge Frauen auf Rollschuhen beim sogenannten „Roller Derby“. Die „Sea Gals“, das B-Team der Harbor Girls, einer der größeren Roller-Derby-Vereine in Deutschland, gegen die „Berlin Bombshells“, die so viele Mitglieder haben, dass sie sogar eine C-Mannschaft aufbieten können. Dass hier zwei vermeintlich „unterklassige“ Teams um den Sieg kämpfen, merkt man dem Spiel allerdings überhaupt nicht an: Es wird um jeden Meter Boden gefightet, Prellungen und blaue Flecken inklusive. Die Halle ist mit rund 200 Zuschauer ausverkauft, aus den Boxen dröhnt Rock ‘n’ Roll-Musik, und wenn eines der Hamburger Mädels einen Weg durch die Wand aus Gegnern gefunden hat, skandiert die Menge „Noch 'ne Runde, noch 'ne Runde!“ Und eine Art männlicher Cheerleader rennt Flagge schwenkend einmal ums ganze Feld herum, wobei er sich vor lauter Begeisterung beinahe auf die Nase legt.

Der einzige kraftbetonte reine Frauensport

Das um 1930 herum in den USA entstandene und seit knapp zehn Jahren auch hierzulande praktizierte Roller Derby könnte man auch als „Rugby auf Rädern“ bezeichnen. Wenngleich fiese Tricks wie Trikot zupfen, Ellenbogenchecks und Bein stellen tabu sind – ganz zu schweigen von kratzen und beißen – und sofort mit Zeitstrafe geahndet werden. Eines aber ist Roller Derby ganz sicher – ein reiner Frauensport. „Es ist die einzige kraft- und körperbetonte Sportart, bei der Frauen nicht als allererstes darum kämpfen müssen, überhaupt mitmachen zu dürfen“, erklärt Janna (31), Kampfname „Rocca Rolldriguez“, von Beruf Illustratorin. „Das gefällt mit so gut daran.“ Die Sportlerinnen geben sich gerne witzige und martialische Namen (weitere Beispiele: „Rough Roudie“, „Original Pirate“), manche schminken sich auch, um besonders furchterregend auszusehen. „Beim Roller Derby darf man trotz Teamsport seine eigene Persönlichkeit haben“, sagt Janna.
Die Spielregeln in aller Kürze: Es treten zwei Teams à fünf Frauen gegeneinander an. Jeweils vier „Blockerinnen“ versuchen, die gegnerische „Jammerin“– im Normalfall die Fahrerin, die am flinksten auf acht Rollen unterwegs ist – am Durchkommen zu hindern. Gleichzeitig bemühen sie sich, der eigenen Jammerin den Weg freizumachen. Pro überholte Gegnerin gibt’s einen Punkt, gewonnen hat, wer am Ende die meisten Überrundungen geschafft hat. Gespielt wird zweimal 30 Minuten, wobei jedes Team bis zu neun Ersatzspielerinnen einwechseln darf. Mindestens acht Schiedsrichter passen auf und schicken die Mädels bei Regelüberschreitungen sofort auf die Strafbank.

„Morgen wird mir alles wehtun“, sagt Käthe Kaputto

Dreimal pro Woche trainieren die Harbor Girls, die seit März dieses Jahres zum FC St. Pauli gehören. Das Trainingsprogramm, das aus Kraft- und Ausdauerübungen sowie Taktik und Regelkunde besteht, ist schweißtreibend und zeitaufwendig. „Viel Zeit für andere Hobbys bleibt da nicht mehr“, sagt Jessica (28, „Käthe Kaputto“), die im Alltag in der Hamburger Schulbehörde arbeitet. Mittlerweile ist das Spiel zuende, Jessica sitzt verschwitzt auf dem Fußboden und befühlt ihre schmerzenden Gliedmaßen. „Morgen wird mir alles wehtun“, sagt sie lachend.
Dass die Berlinerinnen diesmal den Sieg davongetragen haben (Endergebnis: 139 zu 185 aus Hamburger Sicht), stört sie nicht im geringsten. „Hat total Spaß gemacht“, sagt sie. „Und unser Block war doch richtig gut, oder?“

Harbor Girls

2011 ging in Kanada die ers-te Weltmeisterschaft im Roller Derby über die Bühne, bei der ersten deutschen Meisterschaft 2011 in Stuttgart belegten die Harbor Girls den fünften Platz. Im März 2015 soll in Deutschland die erste Roller-Derby-Bundesliga starten. Wer Interesse hat, bei den Harbor Girls mitzumischen, kann beim nächsten „Recruiting Day“ am Freitag, 9. Januar, vorbeischauen (Mindestalter: 18 Jahre).
Nähere Infos unter
www.harborgirls.de
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