Raute und Totenkopf

Vier Fahnen und ein Totenkopf: Der HSV und der FC St. Pauli machen bei der Integration von Flüchtlingen gemeinsame Sache. Foto: Thomas Schröder
 
Der 15-jährige Ali Reza Yakubzadeh ist vor sechs Monaten aus dem afghanischen Ghazni nach Hamburg gekommen. Der Fan von Cristiano Ronaldo erzielte im Trainingsspiel ein Tor für seine Mannschaft. Foto: Thomas Schröder
 
Willkommen im Fußball: Das Projekt wird unter anderem unterstützt von Heike Kahl (DKJS, hinten 2.v.l.), Dietmar Beiersdorfer (HSV-AG, hinten 6.v.l.) und Andreas Rettig (FC St. Pauli, hinten, ganz rechts). Foto: Thomas Schröder

Beim Integrationsprojekt Willkommen im Fußball machen der HSV und FC St. Pauli gemeinsame Sache

Von Folke Havekost. Einige Minuten lang sieht es so aus, als könnte der HSV das Stadtderby gegen St. Pauli auf dem Kunstrasen-Trainingsplatz am Volksparkstadion gewinnen. Rote Leibchen spielen gegen blaue Leibchen. Das erste Tor erzielt das Team aus dem HSV-Willkommensprojekt.
Die rund 40 Kinder und Jugendlichen, die dort Fußball spielen, haben etwas gemeinsam: Sie sind aus ihrer Heimat geflohen und versuchen, in Hamburg einen neuen Weg durchs Leben zu finden. Jetzt kommt es auch auf Ali Reza Yakubzadeh an. Der 15-Jährige ist vor sechs Monaten mit Eltern, Bruder und Schwester aus der afghanischen Provinz Ghazni nach Hamburg gekommen. Die Familie wohnt in der
Erstaufnahme Papenreye in Niendorf, für die der Arbeiter Samariter-Bund mit dem FC St. Pauli und Germania Schnelsen ein Fußballangebot organisiert hat. „Auf der Straße habe ich viel Fußball gespielt, in einem Verein noch nicht“, erzählt Ali Reza. In der Erstaufnahme rolle der Ball nur, „wenn Hamburg hat Sonne“, schildert der Teenager.

„Projekt zeigt die Kraft des Sports“, sagt Beiersdorfer

Das Trainingsspiel rundet die Vorstellung des bundesweiten Integrationsprogramms „Willkommen im Fußball“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) ab, das von der Integrationsbeauftragten Aydan Özoguz und der Bundesliga-Stiftung unterstützt wird. An 19 Profifußball-Standorten soll jungen Geflüchteten Sport zum Mitmachen angeboten werden. In Hamburg bilden der HSV und der FC St. Pauli mit anderen Akteuren „Willkommensbündnisse“.
Der HSV arbeitet mit den 150 Mitgliedern des Willkommens-Teams Norderstedt zusammen und bietet seit November jeden Donnerstagnachmittag Training an. „Das ist inzwischen zum festen Bestandteil im Leben der Teilnehmer geworden und hilft ihnen, noch besser Fuß zu fassen“, sagt HSV-Vereinspräsident Jens Meier. „Dieses Projekt zeigt die Kraft des Sports“, sagt HSV-AG-Chef Dietmar Beiersdorfer, „wir sind als gesamter HSV gefragt, uns hier einzubringen.“
Vor dem Kleinfeld-Spiel auf vier kleine Tore haben die jungen Kicker unter Anleitung von sechs Jugendtrainern des HSV und St. Pauli verschiedene Übungen absolviert. Der Hütchenparcours darf nicht fehlen, wenn Passspiel, Dribbling und Koordination trainiert werden. Danach fragt ein Trainer „Habt ihr alle getrunken?“ und erntet von den Kindern ein leises „Ja“. Nächster Versuch: „Habt ihr Bock zu spielen?“ Das „Ja“ wird immer lauter. „Das Training war gut“, sagt Ali Reza und kündigt an: „Gleich schieße ich noch ein Tor!“

Die kleinen Vereine sind in den Mittelpunkt gerückt

Kurz darauf läuft er sich am rechten Flügel frei, doch im letzten Moment wird ihm der Ball vom Fuß gespitzelt. Ali Reza drückt Real Madrid die Daumen, sein Lieblingsspieler heißt Cristiano Ronaldo. Das geht vielen Jugendlichen seines Alters genauso, völlig unabhängig von der Herkunft. „Im Fußball können Flüchtlinge aus der Besonderheit in eine ganz normale Alltagssituation kommen, in der sie nicht nur als Opfer oder Objekt gesehen werden“, sagt Heike Kahl von der DKJS.
Mit dem rapiden Anstieg der Flüchtlingszahlen im Sommer 2015 sind gerade die kleineren Vereine in den Mittelpunkt gerückt, die den Neuankömmlingen vor Ort ein sinnvolles Angebot in festen Strukturen unterbreiten können.
Frank Alster von Germania Schnelsen erhofft sich vom Bündnis, „dass die Vernetzung verstärkt wird. Dass ich einen Ansprechpartner habe, wenn ein Spieler zum Beispiel aus der Erstaufnahme Papenreye nach Bergedorf geht.“
Auf dem Platz am Volksparkstadion, neben dem gerade der HSV-Campus gebaut wird, herrscht großes Durcheinander. Jeder jagt dem Ball hinterher, auch die Torhüter lassen ihre Handschuhe Handschuhe sein und verlassen den Kasten.
„Wenn wir im Training Fünf gegen Fünf spielen, sieht das inzwischen echt hammer aus“, sagt Jonas, der beim FC St. Pauli ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert und für das Ende Oktober 2015 ins Leben gerufene Projekt „Die Kinder von St. Pauli“ zuständig ist. Bis zu 80 Kinder und Jugendliche aus der Erstaufnahme Papenreye nutzen das wöchentliche Angebot des Vereins, das demnächst erweitert werden soll. „Die meis-ten kenne ich schon länger, dann ist es einfach, Präsenz zu zeigen und ihnen auch mal die Meinung zu sagen“, berichtet Jonas.

Bürokratischer Fußball: Ein Jahr für einen Spielerpass

In seinem Training lernen die Kinder buchstäblich spielerisch Deutsch, nur bei wenigen komplexeren Übungen stehen auch Übersetzer bereit: „Jeder kennt Fußball, das ist das Mittel, um Menschen zu integrieren.“
Einen 18-jährigen Schützling hat Jonas gerade zum Niendorfer TSV vermittelt. „Es ist wichtig, dass sie erstmal in einem Verein regelmäßig spielen und trainieren“, betont der Trainer-Betreuer. Das ist gar nicht so einfach, denn rein rechtlich handelt es sich um einen internationalen Wechsel, wenn ein Flüchtlingskind für einen Hamburger Verein – egal, ob Bundesliga oder Kreisklasse – um Meisterschaften spielen will. Damit bedarf es einer Bestätigung aus dem Herkunftsland, dass der Neu-Niendorfer oder Bald-Barmbeker nicht etwa bei einem anderen Verein gemeldet ist. „Bis einer einen Spielerpass hat, ist er leider oft am anderen Ende Hamburgs oder sogar für ein Jahr gesperrt“, bedauert Basisarbeiter Alster.
Inzwischen kommt Ali Reza zum Schuss, doch der Ball streicht haarscharf am linken Pfosten vorbei. Er fasst sich an den Kopf, doch beim wilden Kleinfeldgetümmel bleibt nicht viel Zeit, um sich zu ärgern. Immerhin, seine Mannschaft liegt inzwischen 2:1 vorn. Nur das eigene Tor fehlt noch. „Beim Fußball ist es ‚der Mahmut’ oder ‚der Ahmed’ oder wie auch immer, jedenfalls nicht mehr ‚der Flüchtling’“, sagt Frank Alster: „Integration endet nicht beim Fußball, sondern an der Bushaltestelle, wenn es heißt: Ich hole ihn vom Bus ab, weil er mein Freund ist.“
„Viele kluge Leute haben vernünftig etwas auf den Weg gebracht“, lobt St. Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig, der zusammen mit HSV-Chef Beiersdorfer kurz beim Training mitgemacht hat. „Willkommen im Fußball“, das von der Bundesliga-Stiftung bis 2018 bundesweit mit 750.000 Euro gefördert wird, soll die Möglichkeiten erweitern, die seit dem Sommer 2015 vor allem durch großes Engagement der Bürger entstanden sind. „Es braucht minimale Strukturen, damit ein anfänglich hohes Engagement nicht abebbt“, weiß Michael Sander vom Arbeiter Samariterbund, dessen 150 ehrenamtliche Deutschlehrer aus der euphorischen Phase im Herbst geblieben sind. „Wir sollten uns nicht hinter der Politik verstecken, sondern selbst eine Politik machen, die uns allen hilft“, sagt Rettig, dessen FC St. Pauli im kalten Januar kurzerhand 28 Matratzen in den Presseraum schleppte, um ein Nachtlager zu improvisieren – gemäß der Devise, möglichst „schnell, bedarfsgerecht und unbürokratisch“ zu helfen.
Ein gelungener Doppelpass, eine geschickte Körpertäuschung und Ali Reza hat freie Bahn: Einmal noch geschaut, dann schießt er das 3:1 für das Team aus der Papenreye. Versprechen gehalten! Am Ende haben Yakubzadeh & Co. mit 4:1 die Nase vorn.
Ali Reza holt sich einen Becher Wasser und geht zur Abschlussansprache in den Kreis. Ihre Trikots mit dem Logo „Willkommen im Fußball“ dürfen die Spieler behalten. „Hamburg gut“, sagt Khaled vor der abschließenden Führung durchs Volksparkstadion. Und obwohl ihm das längst nicht jeder HSV-Anhänger geglaubt hätte, behält der Nachwuchskicker Recht: Einen Tag nach dem Willkommens-Training gewinnen die Bundesliga-Profis tatsächlich das Nordderby gegen Werder Bremen.

Wenn aus Flüchtlingen Profis werden

Bakery Jatta aus Gambia trainierte im Winter zur Probe beim HSV und Werder Bremen. „Wir stehen in Kontakt zu ihm“, sagte HSV-Boss Dietmar Beiersdorfer im NDR. Ein Boulevardblatt weiß zu berichten, dass der 17-Jährige „Flügelflitzer“ (Sport 1) an seinem 18. Geburtstag am 6. Juni einen Vertrag beim HSV unterschreiben wird.
Der französische Nationalspieler Rio Mavuba (OSC Lille) wurde auf einem Flüchtlingsschiff im Atlantischen Ozean geboren, auf dem seine Familie vor dem Bürgerkrieg in Angola geflohen war. EW
www.rund-magazin.de/news/1184/76/Rio-Mavuba/
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