Räder unter dem Hammer

Joelle, Abiturientin und Studentin-in-spe aus Sasel, hat ihren neuen Drahtesel (85 Euro) bereits getestet. „War ganz okay“, ist ihr nüchternes Fazit.
 
Rechtzeitiges Kommen lohnt sich: Wer die Angebote vorher in Augenschein nimmt, weiß später, worauf er bietet. Fotos: cvs

Mindestens einmal pro Monat versteigert das Fundbüro herrenlose Drahtesel.

Von Christopher von Savigny. Die Nummer 69 hat schon bessere Tage gesehen: ein 26-Zoll-Damenrad, metallic-silber, ohne Sattel und ohne Pedale. Noch dazu sind die Reifen platt. „Ich fange mal mit zwei Euro an“, sagt Ralf Heitmann und guckt erwartungsvoll ins Publikum. „Irgendwelche Interessenten?“ Ein, zwei Leute melden sich – ziemlich unauffällig zwar, aber Heitmann hat's trotzdem gesehen. „Drei, vier, fünf, zehn Euro.“ Die Gebote steigen so schnell, dass man kaum mitkommt. „Zum Ersten, zum Anderen, zum Letzten!“ So sagt man hier – vielleicht, weil es origineller klingt als „zum Zweiten“ und „zum Dritten“. Für 40 Euro wechselt der betagte
Drahtesel am Ende seinen Besitzer. Kein schlechter Preis für die alte Schrottmühle.
Der Versteigerungsraum des Fundbüros im „Vivo“ an der Bahrenfelder Straße ist mit rund 200 Besuchern gut gefüllt. Heitmann, Fundbüro-Mitarbeiter und Versteigerungsleiter, ist überrascht. „Weil es doch eigentlich gar nicht das Wetter dafür ist“, sagt er. Die meisten Interessenten sind früh eingetroffen: Schon ab 9 Uhr, eine Stunde vor Auktionsbeginn, konnte man die ausrangierten Stahlrösser besichtigen. Viele machen sich Notizen: „Ich habe mir ein paar Nummern aufgeschrieben“, berichtet Christian Schulz aus Ottensen. Zwei Räder, möglichst ein 26er und ein 28er, braucht er für seine Jugendhilfeeinrichtung. „60 Euro pro Stück maximal“ will er ausgeben. Ganz vorne vor dem Podium steht ein junger Mann und wartet gespannt darauf, dass es endlich losgeht: Markus Wemhoff kommt aus Sylt und macht Ferien – in Hamburg! Klingt ungewöhnlich.
Meistens ist es doch umgekehrt, oder? Wemhoff zuckt mit den Schultern. Die Reaktion kennt er schon.
Für seine windige Heimatinsel sucht er nun einen gescheiten fahrbaren Untersatz. „Nicht so 'ne alte Klapperkiste“, sagt er. „Auf jeden Fall mit Gangschaltung.“ Bis zu 100 Euro will er dafür locker machen. Sein Nebenmann Martin Körner aus Wandsbek hat sogar 800 Euro dabei. „Vielleicht finde ich ja mehrere Räder, die mir gefallen“, sagt er.
Exakt 131 von ihren ehemaligen Besitzern verlorene, aufgebene oder weggeschmissene Zweiräder hat das Fundbüro an diesem Tag im Angebot. Touren- und Hollandräder sind ebenso dabei wie Mountainbikes, Klapp- und Rennräder. Kinderwagen manchmal auch – und sogar ein Rollator. „So alt siehst du doch noch gar nicht aus“, ruft Heitmann dem Halbwüchsigen zu, der so eine fahrbare Gehhilfe für neun Euro ersteigert hat. Gelächter.
Ein paar Witze hier und da
lockern die Stimmung und erhöhen die Aufmerksamkeit. Das Motto lautet: Alles muss raus. Will heißen: Ist das Rad mal nicht so schön, macht Heitmann kräftig Werbung: „Luftpumpe ist auch dabei“, sagt er dann. Oder: „Einmal in die Waschmaschine, dann sieht's wieder wie neu aus.“
Das Tempo ist jetzt deutlich angestiegen: Im Minutentakt schieben die Fundbüroangestellten Fahrräder auf die Rampe. Das grüne Klapprad geht für 80 Euro weg, das schicke Touren-
bike mit Sattelfederung und Nabendynamo sogar für 170 Euro.
Generell gilt der Grundsatz „Gekauft wie besehen“. Für eventuelle Schäden übernimmt das Fundbüro keine Haftung, ein späterer Umtausch ist ausgeschlossen.
3.000 bis 4.000 Drahtesel landen jährlich in den Magazinen des Fundbüros Hamburg – übrigens das größte seiner Art in ganz Deutschland. Wenn sich nach einem halben Jahr kein Besitzer meldet, kommt die Fundsache unter den Hammer. Alle zwei bis vier Wochen veranstaltet das Amt eine Versteigerung. Interessenten sollten sich den Mittwochvormittag freihalten.
Am Ende zieht eine großer Teil der Besucher mit gebrauchten Stahlrössern von dannen. Auch Markus Wemhoff ist glücklich. 85 Euro hat er ausgegeben. Für ein Damenrad zwar, mit tiefem Einstieg, aber dafür tipptopp in Ordnung. „Braucht nur noch ein
bisschen Druck auf die Reifen“, sagt er. Kein Problem – der Nachbar hat eine Pumpe. Nach getaner Arbeit schwingt sich Wemhoff auf seine Neuerwerbung und radelt davon. Sylt kann kommen.
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