Quetschkommode für vier Generationen

72 Tasten: Ein Bandonion der Firma Alfred Arnold aus dem Erzgebirge. Fotos (4): Reinhard Schwarz
 
Es darf gelacht werden: Freundschaft-Harmonie probt.

Das Wilhelmsburger Bandonion-Orchester Freundschaft-Harmonie ist eines der letzten seiner Art

Von Folke Havekost. Es ist aber auch zu ärgerlich. Ausgerechnet zur ersten Probe nach der Sommerpause fesselt ein Rohrbruch den musikalischen Leiter Andreas Zielke ans Haus. Hans Meier lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Der 91-Jährige ist mit seiner Frau Hildegard ins Bürgerhaus Wilhelmsburg gekommen, um Freundschaft und Harmonie zu pflegen. Ein knappes Dutzend folgt den beiden. Das Orchester „Freund- schaft-Harmonie“ probt für seinen Auftritt beim Bandonion-Festival in Carlsfeld am 10. Oktober.
„Da wollen wir uns ja nicht blamieren“, sagt der Vorsitzende Gerd Kaczmarek. Carlsfeld im Erzgebirge hat in Bandonion-Kreisen einen exzellenten Klang, weil die Firma Alfred Arnold dort zwischen 1911 und 1945 die bis heute bestangesehenen Instrumente fertigte und zu Tausenden von Sachsen nach Südamerika verschiffte. Der 700 Einwohner zählende Flecken richtet sein Bandonion-Festwochenende schon zum 22. Mal aus.
Da der musikalische Leiter das Programm schon vor dem Rohrbruch zusammengestellt hat, kann die Probe wie geplant mit „Frühlings Einzug“ beginnen. Nicola Kaczmarek übernimmt die Regie. Die Mittvierzigerin gehört zu den jüngsten Mitgliedern des Orchesters, das am 5. April 1929 in Stübens Volksgarten am Reiherstieg gegründet wurde, unter anderem von ihrem Urgroßvater Hein. „Das Bandonion hat ganz weiche Töne, fast wie eine Oboe, ebenso ganz hohe wie die Geige, aber auch etwas scharfes, schneidendes in den Obertönen“, erklärt die Enkelin.

72 Tasten verteilen die Luft, es gibt Druck- und Zugtöne

Schlagzeuger Alfred Reimer tauscht seine Stöcke für die
ersten Takte des nächsten Stücks mit der Triangel. Nicola Kaczmarek zählt bis Vier, dann setzt die Amboss-Polka ein. „Ich bin mit dem Wissen ums Bandonion aufgewachsen, habe mich aber nie so richtig dafür interessiert“, erzählt sie: „Bis ich einmal zu einem offenen Übungsabend mitgekommen bin. Da waren so tolle
Sachen dabei, das musste ich auch lernen.“
Wer Bandonion spielt, orientiert sich an einem komplexen Zahlensystem, der sogenannten „Wäscheleine“. Das erübrigt Notenlernen, heißt aber auch: Wer nur knapp fehlgreift, erzeugt einen stark abweichenden Ton. Über die 72 Tasten werden Ventile geöffnet, welche die über einen Holzrahmen gequetschte Luft in die verschiedenen Töne wandeln. Weil Druck- und Zugtöne sich unterscheiden, gibt es insgesamt 144 Möglichkeiten.
Der Krefelder Heinrich Band entwickelte die spezielle Form der Quetschkommode Mitte des 19. Jahrhunderts. Deutsche Auswanderer trugen das Bandonion über den großen Teich, wo es in Südamerika zum Instrument des Tangos wurde. „Die Legende sagt, dass ein deutscher Seemann in Argentinien seine Zeche nicht zahlen konnte und dafür sein Bandonion dagelassen hat“, erzählt Hans Meier.

1947 in der Musikhalle wurden Sonderbahnen eingesetzt

Das Ehepaar Meier ist seit 1950 im Orchester, es hat die großen Tage des Bandonions miterlebt und mitgespielt. Als im Tanzlokal Stüben am Vogelhüttendeich zwischen Neujahr und Ostern ein Maskenball nach dem anderen stattfand, begleitet von Freund- schaft-Harmonie. Nur beim Auftritt 1947 in der Musikhalle, zu dem Sonderbahnen eingesetzt wurden, war Hans Meier noch nicht dabei. „Da schwärmen die Alten von“, sagt er schelmisch und setzt nach: „Die Musik hält einen jung. Wenn man Aufgaben hat, gibt es gar keine Zeit für Müßiggang.“ Selbst spielt der ehemalige Vorsitzende nicht mehr, fungiert aber bei den Auftritten als Conferencier.

Zwischendurch kam das Bandonion aus der Mode

„So, jetzt kommt mein Lieblingsstück“, sagt Meier. Das Orchester stimmt Bert Kaempferts „Rot ist der Wein“ an, das von Al Martino gesungen als „Spanish Eyes“ zum Welthit wurde. Insgesamt haben die Wilhelmsburger über 100 Titel im Repertoire, auch Volksfest-Kracher wie „Die Hände zum Himmel“. „Von volkstümlichen Märschen und Walzern über Tango bis zu moderneren Sachen“, schildert Gerd Kaczmarek die Bandbreite. Der Bassist ist der Enkel von
Orchester-Mitbegründer Hein, dem Sohn Alwin folgte, dann auch Gerd und dessen Tochter Nicola – die Kaczmareks bilden vier Generationen Freundschaft-Harmonie, eine familiäre Kontinuität durch wechselhafte Zeiten.
Als in den 1960er-Jahren die Fernseher mehr und die Tanzlokale weniger wurden, begannen magere Jahre. Das Orches- ter übte sich in Geduld und übte geduldig. „Wir haben einfach weitergemacht und auf bessere Zeiten gehofft“, schildert Meier.
Um 1980 wurde Freundschaft-Harmonie wieder gefragter. Der Tango gewann an Attraktivität, eine Schallplattenaufnahme mit dem Musiker und Musikforscher Jochen Wiegandt belebte das Orchester neu.
Thomas Schmidt beginnt „Am Ufer der Elbe“ mit einem Solo auf seinem Bandonion. Es ist eines der berühmten Arnolds, gefertigt 1943 in Carlsfeld. „Der Klang ist etwas ganz besonderes. Auf der linken Bass-Seite kann man Melodien spielen, die auf dem Akkordeon so nicht gehen“, erklärt Schmidt, der „jeden Tag ein paar Stunden“ übt.

Das beliebtere Akkordeon ist einfacher zu spielen

In Sachen Beliebtheit hat das vergleichsweise einfach zu spielende Akkordeon seinem Bruderinstrument den Rang abgelaufen. Bei Freundschaft-Harmonie werden beide Seit’ an Seit’ gespielt, das Bandonion ist knapp in der Überzahl. Beim Festival in Carlsfeld kommen die deutschen Or- chester zusammen, die bis heute auf hohem Niveau durchgehalten haben.
Freundschaft-Harmonie kon- zertiert dann mit dem Berliner Solisten Klaus Gutjahr, dem Bandonionorchester Neustadt-Coburg und der Jugendgruppe „Las vitas de Bandonion“, zu Deutsch: „Die Leben des Bandonions“. Einige davon spielen in Wilhelmsburg.

Übungsabend und Tanztee

Die offenen Ü̈bungsabende des Bandonion-Orchesters
finden mittwochs von
19.30 bis 21.30 Uhr im
Bürgerhaus Wilhelmsburg,
Mengestraße 20, statt.

Am Sonntag, 8. November, von 15 bis 17.30 Uhr spielt Freundschaft-Harmonie im Bürgerhaus zum Tanztee auf.

www.bandonionorchester-hamburg.de
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