Protestieren bis die Fressbuden kommen

Widerstandssymbol: Die Guy-Fawkes-Maske ist zum internationalen Sinnbild der Occupy-Bewegung geworden. Fotos: cvs
 
Protestmaler: Andreas (48), selbständiger Künstler und Handwerker, verbreitet seine Botschaft mit Pinsel und Farbe.
Hamburg: Gerhart-Hauptmann-Platz |

Occupy-Camp gegenüber der HSH-Nordbank: Viel Unterstützung, aber Schluss in fünf Tagen.

Von Christopher von Savigny. Alejandro hatte die weiteste Anreise: Mitte Mai hat sich der 20-Jährige im südspanischen Granada mit einer Gruppe junger Leute zu Fuß auf den Weg gemacht. Über Madrid, Paris und Brüssel haben es die Wanderer dreieinhalb Monate später bis nach Hamburg geschafft. „Ohne Auto, Bus oder Bahn“, betont Alejandro und zieht an seiner Zigarette.
Seit einigen Wochen ist der junge Spanier im Camp der Occupy-Bewegung auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz zu Hause. Seinen Job in einem Vier-Sterne-Restaurant hat Alejandro gekündigt. Dass andere darüber den Kopf schütteln, kann er zwar nachvollziehen. „Aber das war es mir wert“, sagt Alejandro. Weil er etwas bewegen will. Gegen das „korrupte System der Banken“, wie er es ausdrückt.
Seit mittlerweile drei Wochen campieren die Protestler vor der Landesbank von Hamburg und Schleswig-Holstein (HSH), in direkter Nachbarschaft der Mönckebergstraße. Aus anfangs acht Zelten sind inzwischen 34 geworden, die ständige Belegschaft liegt bei 25 Personen. Allerdings seien erheblich mehr Leute aktiv dabei, sagen die Occupy-Mitglieder. Zwischen 100 und 130 schwanken die Angaben. Am 10. November spätes-tens soll die Bewegung auf Anweisung des Bezirksamts Mitte ihre Zelte abbrechen. „Das hat mit dem Weihnachtsmarkt zu tun“, bestätigt Bezirksamtssprecherin Sorina Weiland. Dieser starte zwar erst am 21. November, aber die Zeit benötige man für den Aufbau der Marktbuden. Bis dahin will der Bezirk das – an sich illegale, weil ohne Genehmigung errichtete – Zeltlager dulden.
Juan (46), ein Occupy-Aktivist der ersten Stunde, versteht das. „Wir wollen den Weih-nachtsmarkt ja nicht stören“, sagt er. Bereits jetzt werde nach einem citynahen Ausweichplatz gesucht. Und im Anschluss an die Feiertage wollen die Anti-Kapitalismus-Demonstranten wieder das alte Lager vor der HSH-Bank beziehen. „Weitermachen“, sagt Juan. „Wir machen immer weiter!“
Rund um das Camp hat die Bewegung Protestplakate aufgehängt. „Wir sind die 99 Prozent“ ist dort zu lesen. Oder „Geld regiert die Welt. Aber wer regiert das Geld?“ Viele Leute bleiben stehen, um zu lesen. „Ich finde das gut!“, sagt Passant Kai Hafner. „Die Aktionen werden das Bewusstsein der Menschen verändern.“ Immerhin sei das auch schon ein Erfolg. Selbst ein Politikkurs der Gewerbeschule G9 in Hamm hat den Weg zum Gerhart-Hauptmann-Platz gefunden. Die Schüler sind gespalten. Ei-nerseits bewundern sie den Mut zum Protest, andererseits finden sie es „eine Provokation, wenn man demonstriert und nicht arbeitet“.
Auffällig ist der hohe Anteil an älteren Menschen, der den Dialog sucht: „Im Moment haben wir die einmalige Chance, dass sich Jung und Alt für ein Thema zusammenschließen“, sagt Siegmar Barthold (69). Als junger Mensch habe er sich im Grunde gar nichts aus seiner Elterngeneration gemacht, gibt er zu. „Aber ich habe selten so gute Diskussionen erlebt wie hier!“ Fatma (59) gehört selbst zu den Älteren – heute schwingt sie im Camp den Kochlöffel. „Ich will für das Gute kämpfen“, sagt sie. Ihr Elan wirkt ansteckend: Für den guten Zweck schenkte ihr ein Lebensmittelladen die Hälfte ihrer Einkäufe, der Taxifahrer nahm sogar überhaupt kein Geld.
Theoretisch könnten die Occupy-Demonstranten noch lange durchhalten: Gegen die Kälte haben sie sich Schlafsäcke, Isomatten und warme Decken besorgt, eine mit 16 Ampere abgesicherte Stromleitung aus dem Thalia-Theater versorgt Computer, Lampen und Heizungen. Bemerkenswert: Selbst die HSH zeigt sich solidarisch und lässt die Protestler die bankeigenen Toiletten benutzen. Hin und wieder bringen die Angestellten sogar heißen Kaffee vorbei.
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