Profitdenken statt Denkmalschutz

Blick vom „Jahrhundertereignis Elbphilharmonie“ auf die älteren Türme der Stadt.
 
So sah der Entwurf des renommierten Hamburger Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner (gmp) für den Erhalt der City-Höfe in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs aus. Foto: Junius Verlag Projektbeschreibung: Umnutzung und Umbau der 1956 erbauten Cityhöfe (4 11-geschossige Hochhäuser, verbindende Sockelbauten und 3 TG Parken). Entwurf: Volkwin Marg mit Wolfgang Haux Projektleitung: Wolfgang Haux BGF-Daten: 47.560m²

Das Architektur-Jahrbuch 2016/17 zeigt, wie stark Hamburg sich verändert, diskutiert
den Erhalt alter Bausubstanz und ehrt den Altonaer Baumeister Gustav Oelsner

Von Volker Stahl. Die Elbmetropole verändert sich derzeit rasant. Wer an Stadtentwicklung und Architektur in Hamburg interessiert ist, der kann sich mithilfe des von der Hamburgischen Architektenkammer herausgegebenen Jahrbuchs 2016/17 einen guten Überblick verschaffen. Das Kompendium bildet das Spektrum der aktuellen Entwicklung der Stadt anhand von ausgewählten Projekten und Themen ab. Das Titelbild – wie sollte es auch anders sein – zeigt die Elbphilharmonie, die „im Mittelpunkt des Jahrbuchs steht“, wie Architektenkammer-Präsidentin Karin Loosen bei der Vorstellung des Werks in der frisch sanierten Kunsthalle betonte.
Dem „Jahrhundertereignis“ Elbphilharmonie ist eingangs ein opulenter Fotoessay von Oliver Heissner und Maxim Schulz gewidmet, der die zehnjährige Bauzeit von der totalen Entkernung – nur die Fassade blieb im Original erhalten – über die Anfertigung der Stahlbetonschale für den großen Konzertsaal bis hin zur aufwändigen Konstruktion des Dachs dokumentiert. Mit dem Bau des „kulturellen Highlights“ (Loosen) sei den Erschaffern die „Quadratur des Kreises“ gelungen, schreibt der Architekturkritiker Sven Bardua seinem Beitrag über die Baugeschichte und Bautechnik der Elbphilharmonie.
Doch nicht nur der Koloss aus Backstein, Beton und Stahl an der Kehrwiederspitze verändert das Stadtbild nachhaltig. Das Elbe Wochenblatt stellt mit dem Pestalozzi-Quartier ein weiteres interessantes Projekt vor, nehmen den Denkmal-Streit um die City-Höfe auf und erinnern an den großen Altonaer Baumeister Gustav Oelsner.

Gustav Oelsner – Erbauer des modernen Altonas
Die Tradition des modernen Backsteinwohnhauses ist nicht einmal ein Jahrhundert alt und wurde von den Oberbaudirektoren Fritz Schumacher in Hamburg und Gustav Oelsner in Altona begründet. Beide schätzten den Wert des robusten Backsteins beziehungsweise Klinkers und schufen mit den Ziegeln erstmals im großen Stil Wohnraum – bis dahin war das Material bevorzugt im Kirchen- und später im Fabrik-, Werkstätten-, Schul- und Ämterbau eingesetzt worden. „Gustav Oelsner war einer der letzten großen Gestalter der modernen Stadtentwicklung in Deutschland und ein Pionier der sozialen Stadterneuerung“, schreibt der Architekturhistoriker Olaf Bartels. In nicht einmal zehn Jahren habe Oelsner die damals noch preußische Stadt Altona mit dem Bau von Wohnungen und öffentlichen Gebäuden entscheidend geprägt. Der Backstein-Freund handelte nach dem Motto der „Vom Sofakissen zum Städtebund“, das für die umfassende Gestaltung des Alltags stand. Ein typischer Oelsner-Bau ist die zwischen 1928 und 1930 erbaute Berufsschule „Haus der Jugend“ neben dem Altonaer Museum. An so zentraler Stelle eine soziale Institution zu platzieren, sei ein „starkes sozialpolitisches Zeichen“ gewesen, argumentiert Bartels.

Urbanes Wohnen neben „Pinkelecken“
Von Oelsner stammt auch die 1927/28 erbaute Pestalozzi-Schule im Stadtteil St. Pauli. Die ehemalige Paukanstalt wurde im Rahmen der 2007 angeschoben Quartiersentwicklung in Wohnraum umgewidmet und dient nun als Namensgeber der neuen Örtlichkeit. Nicht ganz passend und schon gar nicht denkmalschutzgerecht sei die Schaffung von Wohnungen in der ehemaligen Schule, kritisiert der Kunsthistoriker Ralf Lange, der sich „eine Umwandlung in ein Atelier- und Bürogebäude für Non-Profit-Organisationen oder kreative Start-up-Unternehmen“ gewünscht hätte. Nicht nur in ehemaligen Klassenräumen wird jetzt gewohnt, sondern auch drumherum. Ein privater Investor hat das östlich der Schule gelegene Areal bebaut und eine Genossenschaft hat einen Steinwurf entfernt drei Geschosswohnbauten erstellt.
Nun dürfen sich die neuen Bewohner nicht nur über verwinkelte Wege, intime Plätze und kleine Grünflächen auf ihrem Grundstück, sondern auch über ein urbanes Umfeld freuen. Die Invasion der Vergnügungssüchtigen, die St. Pauli vor allem an Wochenenden heimsuchen, werden durch einen ab Einbruch der Dunkelheit geschlossenen Zaun vom Wildpinkeln abgehalten.

City-Höfe
Unter Denkmalschutz standen lange die City-Höfe. Leider verschwanden die einst strahlend weißen Klassiker der Nachkriegsmoderne in den 1970er-Jahren unter grauen Eternit-Platten. Beherzt haben Architekten und Denkmalfreunde für den Erhalt des Ensembles gekämpft – vergeblich. Zuletzt wurde auch der Vorschlag des renommierten Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner (gmp), die Häuser zu erwerben und einer sinnvollen Umnutzung zuzuführen, abgeschmettert. Und auf der gnadenlosen Jagd nach „Profit“ sei das Baudenkmal geopfert worden, ätzt Volkwin Marg. Die Redaktion des Jahrbuchs für Architektur schließt sich dieser Kritik an: „Mittlerweile geht es gar nicht mehr um Architektur, Städtebau und Denkmalpflege, sondern nur noch um ein Neubau-Verfahren, das mit aller Arroganz durchgezogen werden soll.“ Und die Damen und Herren von der Architektenkammer setzen noch einen drauf: Sie weigern sich, die bereits existierenden Vorentwürfe in ihrem Jahrbuch „mangels Aussagekraft“ zu veröffentlichen. Stattdessen drucken sie den Entwurf von gmp ab, der neben einer Umnutzung eine stark verbesserte Optik beinhaltet.


Das Buch

Hamburgische Architektenkammer (Herausgeber): Architektur in Hamburg. Jahrbuch 2016/17, 216 Seiten, Junius Verlag, Hamburg, 39,90 Euro. ISBN 978-3-88506-777-1
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