Pro Schippe drei Funde

Die Erde auf das Sieb, den größten Mist aussortieren, auf einen Haufen schmeißen und mit dem Wasserstrahl drüber: Peter Wellbrock schlämmt im ehemaligen Technikmuseum in Stade.
 
Schaut euch das an: Will Helms seine Söhne Tobias und Matthias, Annegret Milbrecht und Peter Wellbrock (v.l.) begutachten die Fundstücke.

Hobby-Archäologen finden im alten Stader Hafenschlick erstaunliche Dinge.

Von Roger Repplinger (Text) und Ulrike Schmidt (Fotos). Könnte auch ein Tatort sein: Gummistiefel, Handschuhe, Dreck, dann und wann tauchen Knochen auf. Schlämmen in Stade, im ehemaligen Technikmuseum in der Freiburger Straße. Schlämmen? Nach Schätzen im Dreck suchen. Frank Albers, 51, ist Chef der Hobby-Archäologen, Oberschlämmer der Arbeitsgemeinschaft Archäologie Stade. Im Brotberuf IT-Spezialist. Er schiebt eine mit nasser Erde beladene Schubkarre von einem Nebenraum in den Saal. Da stehen drei große Siebe, alle selbst gebaut. An jedem Sieb zwei Schlämmmer, Freizeit-Archäologen wie Albers.
Eine Schaufel Dreck – in der Fachsprache: Abraum – auf das Sieb, den größten Mist aussortieren und auf einen Haufen schmeißen. Dann den Wasserstrahl an, los geht’s.
Im Herbst 2013 wurde in Stade im Hafen gegraben. „Vor Ort war es nicht möglich, nach archäologischen Standards zu arbeiten, gleichzeitig wusste man, dass der Abraum fundträchtig ist“. Fundträchtig – genau das ist er: Im Schlamm finden sich tolle Sachen.
Die Erde, die aus dem Stader Hafen geholt wurde, lag dort 1.000 Jahre lang mehr oder weniger. Vor Ort wurde ein bisschen gesiebt, im Hafen und vor, unter und hinter der Hudebrücke. In dem Raum, in dem die Erde lagert, bevor sie geschlämmt wird, ist an die Wand notiert, wo sie her ist: „Hinter Hudebrücke“, steht da, oder „Vor Hudebrücke“.
Zunächst landete die ausgebuddelte Erde auf dem Bauhof der Stadt. Dort begannen die Hobbyarchäologen mit der Arbeit. „Bis der Frost kam“, sagt Albers. Hätte man gewusst, wie der Winter wird, hätte man weiter auf dem Bauhof schlämmen können. Aber: Wer weiß das?
So suchte der Leiter des Fachbereichs Kultur, Andreas Schäfer, ein Plätzchen für die Erde aus dem Hafen und die Arbeit des Archäologen-Teams. Er fand das ehemalige Technikmuseum. „Schön hier“, findet Annegret Milbrecht und bringt alkoholfreien Punsch in großen Bechern. Dazu Lebkuchen.
Frau Milbrecht hat was gefunden im Schlamm, eine Goldmünze: Der Cruzado wurde zwischen 1521 und 1555 geprägt und von König Johann III. ausgegeben. Große Zeit Portugals. Möglicherweise wurde der Cruzado mit Gold aus der Neuen Welt geprägt. Oder aus Afrika, auch Marokko war eine Kolonie Portugals. Portugal handelte mit europäischen Hafenstädten. Auch mit Stade. Dort, im Schwedenspeicher-Museum, liegt der Cruzado jetzt, nachdem er 500 Jahre auf dem Grund des Hafenbeckens lag. Der Besitzer wird sich geärgert haben, als er ihn verlor. „Der Fund der Münze war ein Highlight“, meint Albers. „Wird überbewertet“, findet Milbrecht.
Die Frauen und Männer der Arbeitsgemeinschaft Archäologie haben die Halle vorerst bis Juni. „Wir müssen uns sputen“, sagt Albers und stapft los, die nächste Fuhre Erde zu holen. „Wir brauchen zwei Jahre“, nickt Will Helms, 53, Elektriker, dessen Buben – Tobias und Matthias – hier herum springen. „Das ist eine einmalige Chance“, sagt Helms. Von ihm stammt die Beleuchtung an der Hallendecke.
Albers beschreibt den Ablauf: „Grob sortieren, waschen, reinigen, fein sortieren, dokumentieren.“ Ein Experte bekommt die Münzen auf den Schreibtisch. Der hat gut zu tun, die Hobbyarchäologen finden viele Münzen. „Wir haben eine Münze des 52nd Oxfordshire Regiment of Foot gefunden“, sagt Albers und holt vor Begeisterung tief Luft. Die 52er waren bei der Schlacht bei Waterloo auf Seiten Wellingtons, am 18. Juni 1815. Die Niederlage Napoleons war nicht unwichtig für die europäische Geschichte. „Und 1807 waren sie bei der Schlacht von Kopenhagen“, weiß Albers. Als die Briten nach dreitägiger Bombardierung Kopenhagen eroberten. Danach wurde die bis dahin dänische Insel Helgoland von den Briten besetzt.
Vor uns liegen die „Sonderfunde“: Schiffsnägel, eine Axt aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, vom neunjährigen Tobias entdeckt. Ofenkacheln aus derselben Zeit, ein Löffel, ein Klapptaschenmesser, Kinderspielzeug, viele Pilgerzeichen aus Zinn, die am Hut oder der Kleidung getragen wurden. Hier eines des heiligen Jost, ausgehendes Mittelalter. Seine Kapelle stand in Odisheim, Landkreis Cuxhaven. Albers vermutet, dass viele Pilgerzeichen als Flussopfer im Hafen landeten. Gerade gefunden: eine Tonpfeife, so um 1800, wieder die Frau Milbrecht, die hat ein Händchen. Und die Pfeife pfeift noch, wie Frau Milbrecht beweist. Da liegt eine Medaille vom Turnfest in Leipzig, 1863. Jede Menge Plomben. Hafen eben.
Der Schlick aus dem Stader Hafen ist nicht ganz ohne. Ein bisschen Gift ist drin. Deshalb hat Frau Milbrecht das Pfeifchen gut gereinigt, bevor sie reingepustet hat. „Hier finden wir das ganze Leben“, sagt Albers. Das Leben der einfachen Leute. Die kippten nach dem Schlachten auch die Teile eines Hausschweins, die sie nicht mehr brauchten, ins Wasser. Das Gebiss zum Beispiel, das jetzt hier liegt. Damals hatten auch Hausschweine noch richtige Hauer.
Drei bis vier Mal pro Woche wird geschlämmt, im Schnitt kommen vier bis fünf Hobbyarchäologen. Wie kommt es, dass sich ausgerechnet hier so viel alte Sachen finden? „Die sind verloren gegangen“, sagt Frau Milbrecht, „direkt auf dem Weg vom Schiff in den Hafen, oder im Hafen. Auch möglich, dass beim Hausauskehren aus Versehen gute Stücke rausgekehrt wurden und in der Schwinge landeten.“
Albers nickt. Dann waren da die großen Brände, etwa am 23. Mai 1659, als von den 700 Häusern Stades 500 niederbrannten. „Da kam vieles in die Schwinge“, vermutet Albers. Vom 7. August bis zum 7. September 1712 wurde Stade im „Großen Nordischen Krieg“ zwischen Schweden und Dänemark-Norwegen belagert. Am Ende floh die schwedische Garnison aus Stade. „Da wurde viel zerstört und in den Hafen gekippt“, so Albers.
Pro Schippe Erde drei Sonderfunde, das ist die Regel in Stade. „Was glauben Sie“, fragt Annegret Milbrecht, „was da noch liegt?“ Und meint die Erde, die im Nebenraum lagert. Und die noch nicht hier ist. Klar ist: Was immer da ist, die Milbrecht findet es.
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Michael Borkowski aus Altona | 24.02.2014 | 14:06  
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