„Operation Gomorrha“

Eine Batterie von Flugabwehrraketen: Die Luftangriffe der Allierten konnten im Laufe des Zweiten Weltkriegs nicht mehr verhindert werden.
 
Er befahl den Angriff: Luftmarschall Sir Arthur Harris, genannt „Bomber-Harris“.

Vor 70 Jahren tobte in Hamburg der erste Feuersturm der Kriegsgeschichte

Von Susann Witt-Stahl. Das Thermometer sinkt in der brütend heißen Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 kaum unter 30 Grad. Gegen 23.40 Uhr Sirenengeheul. Es donnert aus den rund 100 Flak-Batterien, die über die Hansestadt verteilt postiert sind. Flugzeuge der Royal Air Force (RAF) zeichnen mit Markierungsmunition leuchtende „Tannenbäume“ in den Himmel über Hammerbrook, Hamm, Rothenburgsort, Wandsbek, Barmbek, Borgfelde, Wandsbek: Stadtteile, vorwiegend besiedelt von Industriearbeitern – die Hauptzielscheiben der Bombardements, ist in einer Direktive der britischen Regierung vom 14. Februar 1942 zu lesen.
Die Hamburger haben seit Beginn des Zweiten Weltkrieges schon 141 Luftschläge erlebt. Aber nun werden sie von einer Katastrophe heimgesucht, die an Darstellungen der Apokalypse von Malern wie Hieronymus Bosch erinnert: Das erste Mal in der Geschichte des Krieges fegt ein Feuersturm durch eine Stadt. „Unter uns brennt es wie in einem Hoch-ofen“, stellt der RAF-Bomberpilot Captain Allen Forsythe fest.
Wie in Vers 19.24 des ersten Buch Mose der Bibel über die sündige Stadt Gomorrha geschrieben steht, regnet es Feuer. Die Fliegerstaffeln werfen Sprengbomben und „Blockbus-ter“ (Luftminen) ab, die im Umkreis von 100 Metern alles zerstören, deren Druckwellen bis zu einem Kilometer weit reichen und die Dächer abdecken. Mit Stabbrandbomben, fliegenden Streichhölzern, werden tausende Häuser in Flammen gesetzt und ein gigantischer Flächenbrand entfacht. Vor allem die Brandbomben mit Phosphor – das eine Hitze bis zu 1.300 Grad erzeugen kann, mit Kautschuk vermengt ist, auf der Haut haften bleibt und bis auf die Knochen durchbrennt – treiben Massen von Menschen in rasender Todesangst zu den Kanälen. Beim Überqueren der Straßen „blieben sie im flüssigen Asphalt stecken und verbrannten bei lebendigem Leib“, erinnerte später der damals elfjährige Ernst-Günther Haberland, der den „riesigen Feuerball“ auf der Eiffestraße in Hammerbrook beobachtet hatte.
Nur einen Steinwurf entfernt bangt Margarete Jacob zusammen mit etwa 800 Menschen in einem unterirdischen Rundbunker an der Borgfelder Straße um ihr Leben: „Es drohte eine Panik auszubrechen“, berichtete sie, „als immer wieder schutzsuchende Menschen mit brennenden und leuchtenden Phosphorresten an Körper und Kleidung im schon überfüllten Bunker aufgenommen werden wollten.“
Diese und unzählige andere entsetzliche Szenen ereigneten sich während der „Operation Gomorrha“. Die vom US-amerikanischen und britischen Bomberkommando auf Befehl von Luftmarschall Sir Arthur Harris durchgeführte siebenteilige Angriffswelle in dem Zeitraum zwischen dem 25. Juli und 3. August war eine bittere Konsequenz des vom deutschen Nazi-Regime beschworenen „totalen Krieges“. Nach dem Überfall auf Polen waren 1939 große Teile Warschaus, 1940 Rotterdams und Coventrys von der Luftwaffe der Wehrmacht in Schutt und Asche gelegt worden. Ihre berüchtigte Legion Condor hatte bereits 1937 die
baskische Stadt Guernica als Testlabor für die Erprobung der ersten Flächenbombardements benutzt und nahezu ausgelöscht.
„Unsere Städte sind nur ein Teil von all den Städten, welche wir zerstörten“, schrieb der Dichter Bertolt Brecht. Kurz nach Beginn des Infernos in der Elbmetropole fürchtete er: „Hamburg geht unter.“ Das geschah nicht. Aber der Feuersturm, der eine Geschwindigkeit von bis zu 270 Kilometern pro Stunde erreichte und erst erlosch, als er alles Brennbare verschlungen hatte, hinterließ eine Verwüstung in bisher nicht gekanntem Ausmaß.
99 Prozent von Hammerbrook hatte aufgehört zu existieren. Die Straßen in der Umgebung vom Berliner Tor sind mit zusammengeschrumpften Menschenleibern gepflastert. Es werden Sperrgebiete eingerichtet, um die herumirrenden Überlebenden von den einsturzgefährdeten Häusern fernzuhalten. Bei der Räumung großer Trümmerteile kommen Zoo-Elefanten zum Einsatz – die einzige Freude der Kinder, die sie für einen Moment von ihrer bitteren Not ablenkt.
Die „Operation Gomorrha“ zeitigte nicht den erhofften Kriegserfolg. Der Ausstoß der Rüstungsschmieden der Hansestadt erreichte bis Ende 1943 schon wieder denselben Stand, den er vor den Angriffen hatte. Die Moral der von der NS-Ideologie verblendeten Mehrheit der Bevölkerung war beschädigt, aber nicht gebrochen. Nicht wenige alliierte Flieger verfielen in traurige Nachdenklichkeit. „Ich glaube, dass Hitler besiegt werden muss“, schrieb ein RAF-Bordfunker über seine tödliche Mission. „Das, was wir tun, ist ein notwendiges Übel vielleicht, aber es bleibt ein Übel. Viele von uns dachten so.“

Die „Operation Gomorrha“ in Zahlen: Tote: 35.000. Verletzte: 125.000. 277.500 Wohnungen (56 Prozent des gesamten Wohnraums der Hansestadt), 580 Industrieobjekte, 24 Krankenhäuser, 277 Schulen und 58 Kirchen wurden zerstört. Rund 900.000 Einwohner verließen während und nach den Angriffen die Stadt. Nur für 23 Prozent der 1,8 Millionen Hamburger standen Luftschutzräume zur Verfügung.

Die Autorin veranstaltet am Sonnabend, 27. Juli, 15 Uhr, und am Sonntag, 1. September, 11 Uhr, Führungen zum Hamburger Feuersturm. Treffpunkt: S-Bahn Berliner Tor, Ausgang Beim Strohhause. Nähre Informationen bei Stattreisen Hamburg e.V.
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