Oldie-Chor rockt unterm Weihnachtsbaum

Innerhalb der letzten zwei Jahre kam „Heaven Can Wait“ auf rund 35 Auftritte im St.-Pauli-Theater. Foto: Stefan Malzkorn
 
Sänger, Theatermacher, Bandleader, Entertainer: Jan Christof Scheibe (52) bringt es auf mittlerweile 32 Jahre Bühnenerfahrung.
Hamburg: Kampnagel |

Heaven Can Wait mit Christmas Special auf Kampnagel.

Von Christopher von Savigny. Wenn in diesen Wochen Lieder wie „Oh Tannenbaum“ und „Ihr Kinderlein kommet“ zu hören sind, denken die meisten von uns wohl als erstes an beschauliche Stimmung unterm Weihnachtsbaum. Ganz anders die Sänger von „Heaven Can Wait“: „Yeah, yeah, yeah“, tönt der Chor und schwingt dazu Hüften und Arme. Zwischendurch wird sogar gerappt und gesteppt. Denn Singen ist pure Lebensfreude – und nichts anderes als das wollen die allesamt betagten Ensemble-Mitglieder (Durchschnittsalter: 78 Jahre) ihrem Publikum vermitteln.
Nach dem Vorbild des US-Chors „young@heart“, der in Deutschland durch eine Film-
dokumentation bekannt wurde, gründete St.-Pauli-Musiker und Theatermacher Jan Christof Scheibe vor zweieinhalb Jahren einen Chor mit Hamburger Senioren. Seither hat „Heaven Can Wait“ mit Songs wie „Smells like Teen Spirit“ (Nirvana), „Viva la Vida“ (Coldplay), „Sie ist weg“ (Die Fantastischen Vier) seine Zuhörer bei zahlreichen Auftritten im St.-Pauli-Theater begeis-tert. Pünktlich zum Fest bringt der Chor jetzt ein „Christmas Special“ auf die Bühne der Kampnagel-Fabrik (Termine siehe unten).

Wie klingt es, wenn Ältere junge Texte singen?

Auf die Idee mit dem „Rentner-Chor“ sei er bei einem Treffen mit der Leitung des St.-Pauli-Theaters gekommen, sagt Scheibe. „Wir haben überlegt, etwas in Richtung Revue oder Varieté zu machen.“ Schließlich sei ihnen der Film über den US-Chor eingefallen. „Mich hat interessiert, wie es klingt, wenn alte Menschen junge Texte singen“, so Scheibe. Aus rund 100 Bewertungen pickte der Sohn eines Kantors erst einmal 40 heraus und ließ sie vorsingen. 32 von ihnen durften bleiben – inzwischen sind wieder ein paar Sänger hinzugekommen. Das Repertoire reicht von Coldplay und Nirvana bis hin zu deutschen Bands wie Element of Crime und Wir sind Helden. Rund 20 Stücke hat Scheibe mit seinem Projektchor im Laufe der letzten zwei Jahre eingeübt. Fast jedes seiner Mitglieder hat irgendwann ein Solo, bei dem es sich gesanglich hervortun kann. Bei Aufführungen sind Noten und Textblätter tabu, weil die Musik dann einfach besser rüberkommt, wie Scheibe findet.
Die Kritik, er gebe seine Schützlinge doch nur der Lächerlichkeit preis, hat der Chorleiter schon häufiger gehört. „Die Gefahr besteht“, räumt er ein. „Aber es geht mir nicht darum, irgendjemanden vorzuführen. Wir veranstalten hier keine Paralympics!“ Musik, sagt Scheibe, sei der ideale Träger von Emotionen. „Zu unseren Konzerten kommen Menschen von jung bis alt. „Die Jungen sagen: Toll, da wird unsere Musik gespielt! Die Älteren sagen: Toll, das ist ja meine Altersklasse! Das nenne ich generationenverbindend“, sagt Scheibe.

Erst ab 70 darf man im Chor mitsingen

Das Mindestalter für Mitsänger bei „Heaven Can Wait“ liegt bei 70 Jahren. Die älteste Teilnehmerin ist gleichzeitig die Kleinste: Ruth Rupp (89) misst gerade mal 1,47 Meter – doch sobald sie auf der Bühne steht, fühlt sie sich mindestens um 50 Zentimeter gewachsen. „Singen ist mein Leben“, sagt die Tenorsängerin (Lieblingsstück: „Gekommen, um zu bleiben“ von Wir sind Helden). „Ich bin vor jeder Aufführung total aufgeregt, aber Spannung gehört ja auch dazu!“ Gert Steinberg (74), ehemaliger Polizeibeamter, kann sich noch gut an sein Vorsingen erinnern. „Stayin' Alive – das war natürlich ziemlich grenzwertig, insbesondere für mich als Bass“, lacht er. „Aber am Ende hat es ja geklappt.“

„Jan Christof macht uns richtig Feuer“

Auch heute noch würden ihm vor jedem Auftritt die Knie schlottern. „Hauptsache, die Stimmung ist gut“, findet er. Vor seinem derzeitigen „Engagement“ (nein, die Sänger werden natürlich nicht bezahlt!) hat Steinberg in einem Shantychor mitgesungen. „Jan Christof ist da ganz anders“, berichtet er. „Er lobt uns, motiviert uns, macht uns richtig Feuer. Er ist eben ein Show-Man!“ Nur das Auswendiglernen der vielen Texte findet Steinberg anstrengend. „Da hilft nur üben, üben, üben!“
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