„Nur Schein-Toleranz“

Bea Trampenau (l.) und Karin Klipp vor den Räumen des Lesbenvereins Intervention in der Glashüttenstraße. Fotos: sd/pr
 
Hamburger Lesben demonstrieren nur noch ungern: Der Aktionstag „Keine Gewalt gegen Lesben/Frauen“ endete mit einem Überfall mit Geiselnahme in ihren eigenen Räumen.

30 Jahre Lesben-Verein Intervention in Hamburg.

Von Sabine Deh.
Die TV-Moderatorin und die Professorin lächelten im schwarzen Abendkleid für die Fotografen. „So schön sieht Liebe zwischen Frauen aus“, schrieb die „Bunte“. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit waren euphorisch, als sich Anne Will und Miriam Meckel auf einer Veranstaltung outeten, ohne darüber große Worte zu verlieren. Die Gesellschaft scheint sehr viel toleranter geworden zu sein, die Frauen an der Basis haben alledings ganz andere Erfahrungen gemacht. „Aus Angst vor Ausgrenzung und Diskriminierung outen sich lesbische Frauen nicht in der Öffentlichkeit und auch nicht am Arbeitsplatz oder in ihrer Nachbarschaft“, weiß Bea Trampenau, Geschäftsführerin des Lesbenvereins Intervention. Kürzlich feierte der Verein sein 30-jähriges Bestehen. Von echter Akzeptanz in der Gesellschaft könne immer noch keine Rede sein, sagt die patente Frau mit dem sarkastischen Lächeln.
Trampenau ist Gründungsmitglied des Vereins, sie kann ziemlich gut beurteilen, wie weit die Gesellschaft ist, wenn sich ein lesbisches Pärchen ganz offen auf der Straße küsst. Anfang der 1980er Jahren teilten sich die Lesben in St. Georg die Beratungsstelle Intervention mit schwulen Männern. Als die Aidskrankheit ausbrach stand das Telefon nicht mehr still. „Vieles lief damals bei uns auf, das war auf Dauer nicht zu managen“, erinnert sich die mittlerweile 50-Jährige. 1989 wurde dann in der Schmilinskystraße der erste Lesben/Frauen-Treff eröffnet. Eine kleine Sensation war damals, dass das Wort Lesben offen und selbstbewusst über der Tür geschrieben stand.
In Vierteln wie St. Georg gibt es inzwischen massenweise Kneipen, Cafés oder andere Treffpunkte für Schwule. Für Frauen, die Frauen lieben, gibt es solche Orte dagegen kaum. Im Gegensatz zu Schwulen sind „Lesben auch in der gesellschaftlichen Debatte wenig präsent“, so Trampenau. Selbst in den eigenen Familien bliebe ihnen das Verständnis oft versagt. Viele Eltern glauben offenbar, dass ihre Töchter spätestens dann, wenn ein Traumprinz auf seinem Schimmel am Horizont auftaucht, wieder auf den „rechten“ Weg finden oder hoffen, dass es sich bei der Liebe zu Frauen nur um eine vorübergehende „Phase“ handelt.
Gegen den Verein gab es immer wieder offene Angriffe: 1998, als die Frauen Räumlichkeiten in der wenig belebten Mathildenstraße im Karoviertel bezogen hatten. Innerhalb von 15 Monaten wurde elf Mal eingebrochen. Am Aktionstag „Keine Gewalt gegen Frauen/Lesben“ gab es dann einen Überfall mit Geiselnahme. „Das Schlimmste für uns war, dass wir in unseren eigenen Räumen überfallen wurden. Ein Ort, der uns eigentlich Schutz bieten sollte.“ Ein Trauma, an dem die Opfer noch lange zu knabbern hatten. Kurz darauf konnte der Verein dann mit den Projekten „JungLesbenZentrum“ und „LesbenTreff“ in die Glashüttenstraße umziehen.
Dort fühlen sich die Frauen gut aufgehoben, der Kampf gegen die gesellschaftlichen Windmühlen sei aber nicht leichter geworden. Trotz prominenter bekennender Lesben wie Schauspielerin Hella von Sinnen und Anne Will.
„Es herrscht derzeit eine Schein-Toleranz“, findet auch Karin Klipp. Sie hat dafür ganz praktische Beispiele. Die Sozialpädagogin betreute bis Mai 2012 das Projekt „Lesben und Alter“. „Für viele Frauen liebende Seniorinnen ist die Vorstellung in einem traditionellen Altenheim zu landen ein Albtraum“, sagt die 47-Jährige. Gerade für diese Gruppe seien Beratungsangebote sehr wichtig. Die rund 30 Frauen, die regelmäßig zu ihr kamen, musste sie allerdings wieder nach Hause schicken. Die
Justizbehörde, die das Projekt finanziert hatte, will das Geld anderweitig ausgeben. „Aus unserer Sicht nahmen zu wenige Seniorinnen das Angebot von Intervention wahr“, begründet Behördensprecherin Pia Böert diesen Entschluss. Die Kosten für die Angebote an ältere Lesben wurden dem Verein jetzt umgewidmet in das neue Projekt „Kontakt und Informationszeit“, für das die Gleichstellungsstelle der Justizbehörde 15.000 Euro bewilligte. Mit diesem Geld solle der Lesbenverein ein Netzwerk knüpfen und durch „Präsenz für mehr Akzeptanz in der Öffentlichkeit sorgen“.
Widerstand der Seniorinnen gegen diese Entscheidung gab es nicht. „Unser Klientel geht nicht auf die Straße und das wissen die Entscheider ganz genau“, so Bea Trampenau, und wird sarkastisch: „Und auch die Presse interessiert sich nur dann für uns, wenn auf unserem Klo eine Leiche gefunden würde, vorzugsweise eine männliche.“ Auch nach 30 Jahren gilt, dass sich der Verein auch in Zukunft für die Rechte der Lesben einsetzen wird. Kontakt und weitere Informationen stehen im Internet unter http://www.lesbenverein-intervention.de.
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