Not-OP bei „Hasi“

Bei Sammlern sehr begehrt: Die Drei-Gesichter-Puppe zeigt nach Lust und Laune ein lachendes, ein weinendes oder ein schlafendes Antlitz. Fotos: sd
 
Sprachlos: Dieses Modell bekommt ein neues Sprachmodul. Anschließend kann das Puppenkind wieder herzzerreißend weinen.

Ein Besuch bei Marlies August in der Harburger Puppenklinik.

Das ist wirklich Pech, und das so kurz vor Ostern: Während eines Probelaufs für die große Eier-Suchaktion am Sonntag ist der Plüschhase der sechsjährigen Suki im Garten an einem Zaun hängengeblieben. Jetzt klafft ein Riss an seinem rechten Lauscher. Er wird in die Harburger Puppenklinik eingeliefert, wo ihn Marlies August operiert. Sie ist auf Puppen und Kuscheltiere spezialisiert. Spätes-tens zu Ostern muss „Hasi“ wieder fit sein, andernfalls wäre Puppenmutter Suki traurig. Die Diagnose beruhigt das Mädchen: „Nur eine Platzwunde am Ohr. Ein paar Stiche, und Hasi ist wieder wie neu“, beruhigt die Puppendoktorin.
Vor 20 Jahren eröffnete Marlies August (71) ihre Puppenklinik in Wilstorf. Die gerade mal 1,50 Meter große zierliche Frau wirkt optisch selbst ein wenig puppenhaft. Doch der erste Eindruck täuscht, sie ist eine zupackende und herzliche Frau, die in ihrer eigenen Kindheit mitten im Zweiten Weltkrieg keine hübsche Puppe betüddeln konnte. „Meine Strumpelbutsch, die meine Mutter aus alten Strümpfen genäht und mit Lumpen gefüllt hat, habe ich trotzdem über alles geliebt“ erzählt die Harburgerin. Erst als Gatte Manfred (69) ihr Jahre später einen Puppenwagen zum Geburtstag schenkte, erwachte der alte Traum wieder zum Leben. Zusammen mit der antiquarischen Puppe, die sie kurz darauf von ihren beiden Söhnen bekam, bildete er den Grundstock für ihre Puppensammlung.
Derzeit liegen in der Klinik fünf Patienten auf der Station. Darunter Inge, eine 70 Jahre alte Schildkröt-Puppe, die auf neue Beine wartet. Außerdem der Kopf einer Babypuppe aus dem Jahre 1940, der eine hässliche Narbe im Na-cken aufweist. „Das arme Ding hat jemand regelrecht aufgeschlitzt“, ärgert sich Dr. Marlies. Auch die Frisur sieht unmöglich aus. Da habe ein Stümper einfach Farbe auf den Kopf geklatscht. „Furchtbar!“ Allerdings nichts, was nicht zu beheben wäre. Auf dem Operationstisch, der sich in der gemütlichen Küche der Familie August befindet, liegt Patientin Christel und wartet auf den Eingriff. Bei dem Sammlerstück muss der Kopf behandelt werden. Marlies August benutzt eine Paste, deren Farbe sie auf Christels Hautton der Nuance „vornehme Blässe“ angepasst hat, damit keine Narbe zu sehen ist. Hoffnungslose Fälle hatte die gelernte Schneiderin bisher noch nicht.
Selbst „Kullertränchen“, die mit schwerem Pilz- und Wurmbefall eingeliefert wurde, konnte sie helfen. Die Puppe aus den 1970er Jahren, die mit Hilfe einer Flasche Wasser zum Weinen und Pullern gebracht werden konnte, war mit Kuhmilch gefüttert worden, was ihr nicht gut bekam.
„Die Kunden meiner Frau kommen aus ganz Deutschland und Europa“, sagt Manfred August. Auch die Kunsthistorikerin Dorothée Rather, die als Beraterin der ARD-Sendung „Kunst und Krempel“ fungiert, bringt ihre Puppen nach Harburg. Die Preise sind moderat: Die mehrstündige Behandlung des Schädelbasisbruchs von Puppe Christel kostet inklusive Material gerade mal 25 Euro. „Mir geht es um die Freude an der Arbeit und um den Dank meiner Kunden die sich freuen, wenn ich ein Stück ihrer Kindheit oder Puppensammlung retten konnte“, so August.
Plüschhase „Hasi“ ist nach der Behandlung auf dem Weg der Besserung. „Sein Fell ist allerdings etwas glanzlos“, stellt Dr. Marlies fest. Sie rät Suki, das Fell ihres Spielzeug-Nagers mit etwas Rasierschaum einzuseifen. „Morgen früh bürstest du seinen Pelz, dann ist Hasi wieder bildhübsch und startklar für die Ostertage.“
Kontakt: Harburger Puppenklinik unter Tel. 763 18 63.
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