„Moin, wir sind die neuen Spießer“

Käthe (2) ist schon ein richtiges Gartenkind. Foto: stahlpress medienbüro
 
Björn und Anja Hansen mit Tochter Käthe und Russell-Terrier-Dame Frieda. Foto: stahlpress medienbüro

Frischer Wind in den Parzellen: Wer sind die neuen jungen Kleingärtnerfamilien? Ein Gartenbesuch bei Familie Hanssen

Von Volker Stahl. Akkurat geschnittene Hecken, kitschige Gartenzwerge, strenge Vereinsregeln – jahrzehntelang schreckte das Klischee einer genormten Spießerwelt Jüngere ab, sich einer Kleingartenkolonie anzuschließen. Heute entdecken vor allem junge Familien ihre Sehnsucht nach eine Parzelle im Grünen, darunter überraschend viele Akademiker. Ein Besuch bei der Familie Hanssen im Kleingartenverein Döhrnkamp, die sich augenzwinkernd als „die neuen Spießer“ vorstellen.
Zur Begrüßung wedelt Frieda hinter der Gartenpforte freudig-erregt mit dem Schwanz. Die Russell-Terrier-Dame ist Teil des Empfangskomitees, zu dem auch Anja (36), Björn (41) und Tochter Käthe (2) gehören. Hinten im Garten puzzeln die Schwiegereltern von Björn herum. Der Weg zur frisch gestrichenen Hütte erweist sich als Hindernislauf, weil der mit der Sorte Boskop vollbehängte Apfelbaum den freien Zugang blockiert. „Den habe ich im Herbst zurechtgestutzt, jetzt trägt er prächtig“, sagt Björn, der alle Wassertriebe entfernt und das Geäst in der Mitte ausgedünnt hat. „Da soll man einen Hut durchwerfen können“, lautet sein fachmännischer Kommentar.

Die Parzelle als peferfekter Kompromiss in der Stadt

Die Hanssens bewirtschaften den Garten seit Juli 2015. „Dass ein Schrebergarten für uns das Richtige ist, fiel uns erst mit dem Umzug nach Lokstedt auf, weil es hier sehr viele Schrebergartenvereine gibt, durch die man mit dem Kinderwagen schieben kann“, sagt Anja. Vor dem Umzug hatte die Familie in einer Eimsbütteler Altbauwohnung gewohnt. „Ein eigenes Haus mit Garten werden wir uns in Hamburg nie leisten können“, sagt Anja, „wir wollen in der Stadt leben, dabei aber nicht auf einen Garten verzichten.“ Die Parzelle sei deshalb der perfekte Kompromiss.
Laut einer Untersuchung der Umweltbehörde (siehe Kasten rechts) findet in Hamburgs Kleingarten-Szene ein Generationswechsel statt. Die Kleingärtner sind heute deutlich jünger als noch im Jahr 2003. Jede fünfte der rund 35.000 Parzellen werde von Familien mit Kindern unter zwölf Jahren genutzt. Außerdem verfügen die neuen Pächter über einen höheren Bildungsgrad: Fachhochschulreife oder Abitur haben heute 45 Prozent, 2003 waren es nur 7,2 Prozent!
Die Hanssens stehen für diesen Trend: Beide haben studiert. Björn ist als Referent an einer privaten Hochschule tätig, Anja arbeitet im Personalbereich einer Vertriebs- und Marketingagentur. „Bei uns werden immer mehr Studenten Mitglied, zuletzt haben wir sogar einige Ingenieure aufgenommen“, bestätigt Marco Kammer, Vorsitzender des Kleingartenvereins Laubenpieper-Idylle. Die neuen Mitglieder brächten andere Auffassungen der Gartennutzung mit, sagt Kammer. Doch ein Gesetz bleibt unangetastet: Auf einem Drittel der Fläche muss Obst und Gemüse angebaut werden.

Der wichtigste Grund für den Pachtgarten heißt Käthe

Kein Problem für die Hanssens. Anja bezeichnet sich ohnehin als „Landkind“, und Björn muss immer ein „Projekt“ am Laufen haben. Aktuell zimmert er eine Terrasse aus Fundholz, das ihm ein Freund aus dem Hafen besorgt hat: „Während eines Jahres habe ich schon ein Trockenmauer-Hochbeet aus alten Gehwegplatten gebaut, zwei Staudenbeete angelegt, eine Vogelschutzhecke, eine Buchsbaumhecke und einen Weinstock samt Kletterhilfe gepflanzt, einen Sandkasten angelegt, zwei Rosentore erstellt, viele Kubikmeter Erde ausgehoben und kiloweise Unkraut gezupft.“ Der wichtigste Grund für den Pachtgarten sei aber Tochter Käthe, betont Anja: „Sie soll lernen, dass es von der Vorbereitung des Beetes bis zum Ernten ein weiter Weg ist. Wir möchten nicht, dass unsere Tochter denkt, Kühe seien von Natur aus lila-weiß und Bohnen kämen aus der Dose.“
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.