Moby Pig braucht Hilfe

Eine Sensation: Nach Jahrzehnten sind in der Elbe wieder Schweinswale gesehen worden.
 
Engagiert: Thilo Maack von Greenpeace setzt sich seit Monaten für den Schutz der Schweinswale ein. Fotos: sd und pr

Es ist eine Sensation: Nach Jahrzehnten gibt es in der Elbe wieder Schweinswale – von denen allerdings viele qualvoll verenden

Von Sabine Deh. Einige Meter unter dem Büro von Thilo Maack fließt das Wasser in Richtung Ozean. Im Mai hat der Meeresbiologe von Greenpeace dort eine Rückenflosse in der Elbe schwimmen sehen. „Das hat es seit Jahrzenten nicht gegeben: Die Schweinswale sind nach Hamburg zurückgekehrt, wir müssen sie schützen“, sagt Maack (44) und schaut mit seinen blauen Augen wieder in den Fluss.
Der Naturschützer ist bei einigen der spektakulären Kampagnen der Umweltschutzorganisation auf die Weltmeere gefahren, nun kämpft er direkt vor der Haustür im Greenpeace-Büro in Neumühlen für eine der kleins-ten existierenden Walarten.
Vor rund 150 Jahren gehörte es für die Hamburger zum Sonntagsvergnügen, vom Fischmarkt aus die Schweinswale in der
Elbe zu beobachten. Seit etwa zwei Jahren tummeln sich die Wale aufgrund der deutlich verbesserten Wasserqualität nun wieder in norddeutschen Flüssen wie Ems, Jade, Weser und in der Elbe. Die Säugetiere sind rund 1,50 Meter lang und mit den Delfinen verwandt. Wahrscheinlich schwammen die Schweinswale im Kielwasser der Frühlingsfische in die Elbe zurück. Die kleinen Tümmler, Stinten, Heringe und Finte dienen ihnen als Nahrung.
„Wie viele Schweinswale in der Elbe unterwegs sind, wissen wir nicht, denn auch für uns ist dieses Phänomen noch Neuland“, sagt Klaus Janke, Experte für den Naturpark Hamburger Wattenmeer der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU).
Er weiß, dass seit Anfang des Jahres zwischen Oevelgönne und Wedel 28 verendete Schweinswale aufgefunden wurden. Mit großem Interesse verfolgt er daher ein „Schweinswal Sichtungsprogramm“, an dem die Gesellschaft zur Rettung der Delfine (GRD) in München und der Uni Hamburg arbeitet und in das auch Greenpeace große Hoffnungen setzt.
Anfang des Jahres schrieb Denise Wenger von der GRD zahlreiche Hamburger Behörden an und bat um Unterstützung für ihr Schweinswal-Projekt. Die meisten Ämter antworteten der bayerischen Wissenschaftlerin kurz und knapp: „Wale in der Elbe? Das kann nicht sein.“ Lediglich Veit Hennig vom Zoologischen Institut der Uni Hamburg hielt das für möglich und kam zu Wenger ins Boot.
Die beiden Biologen suchten von Anfang Februar bis Mitte Juni den Strom vor Teufelsbrück nach Schweinswalen ab, um zu erforschen, was die scheuen Meeressäuger wieder in die viel befahrene und für sie gefährliche Elbe treibt. Im Februar installierten sie dazu zwischen Glückstadt und dem Mühlenberger Loch vier stationäre Klickdetektoren im Fluss. Mit diesen Geräten können die typischen hochfrequenten Laute der Wale aufgezeichnet werden. „Wir hoffen, auf diese Weise mehr über die räumlich-zeitliche Verteilung und das Verhalten der Schweinswale zu erfahren“, sagt Denise Wenger.
Die genaue Todesursache der 28 verendeten Meeressäuger ist bislang nicht völlig aufgeklärt. Nur an fünf Kadavern wurde eine Obduktion durchgeführt. Die Untersuchung habe gezeigt, dass diese Tiere alle einen leeren Magen und Spulwürmer in der Lunge hatten, berichtet Klaus Janke von der BSU. „Wir wissen aber nicht, ob diese Tiere aufgrund von Nahrungsmangel so geschwächt waren, dass ein Parasitetenbefall erst möglich wurde oder ob die Wale aufgrund des Wurmbefalls nicht mehr in der Lage waren auf die Jagd zu gehen“, so Denise Wenger.
Einer der kranken Wale, der äußerlich unverletzt wirkte, ist in den Armen einer Anliegerin aus Blankenese gestorben. Als sie den Vorfall am Telefon an Wenger meldete, hörte die Wissenschaftlerin ein Schluchzen am anderen Ende der Leitung.
Bei anderen Schweinswalen war die Todesursache allerdings nicht zu übersehen: Sie wurden von Schiffsschrauben zerfleischt und sind qualvoll krepiert. „Wir brauchen auf der Elbe daher dringend eine Geschwindigkeitsbegrenzung als Soforthilfe“, fordert Thilo Maack. Da Wale sich ähnlich wie Fledermäuse über ihr Gehör orientieren, vermutet der Meeresbiologe außerdem Lärmstress, verursacht von Containerschiffen, Kreuzfahrern und Sportbooten, als eine weitere mögliche Todesursache der Schweinswale im Hamburger Bereich. „Schweinswale sind friedliche, verspielte Tiere. Wer einmal in ihr freundliches Gesicht geschaut hat, dem bricht das Herz beim Anblick eines jämmerlich verendeten Moby Pig“, so der Naturschützer von Greenpeace.
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