Mit harten Bandagen

Neupack-Betriebsratsvorsitzender Murat Günes. Foto: rs
 
Als noch Schnee lag: Die Beschäftigten von Nepack hatten ihren Streik am 1. November vergangenen Jahres begonnen. Foto: cv

Acht Monate haben die Beschäftigten von Neupack bei teilweise klirrender Kälte gestreikt – jetzt ist der im Juli verkündete Kompromiss wieder gescheitert.

Von Reinhard Schwarz und Matthias Greulich. In einem Metallkäfig liegen Kohlen, die keine Wärme mehr geben. Vor dem Werksgelände hängt ein weißes Transparent, dessen Aufschrift immer noch gültig ist: „50 Jahre Neupack. Noch immer kein Tarifvertrag.“
Acht Monate lang haben die Mitarbeiter beim Verpackungshersteller Neupack in Stellingen gestreikt. „Das war auch für mich der längste, mir bekannte Arbeitskampf“, sagt Gewerkschaftssekretär Rajko Pientka von der IG Bergbau, Chemie Energie (IG BCE). Bundesweit galt der Streik als Symbol für den Willen einer Belegschaft für gerechte Löhne zu kämpfen.
Neupack ist ein Familienunternehmen mit rund 200 Mitarbeitern in Hamburg und Rotenburg an der Wümme. Geschäftsführer und Firmenpatriarch Jens Krüger (72) hat mit allen Mitteln versucht, die Gewerkschaft aus dem Betrieb herauszuhalten. Einen Tarifvertrag, wie es ihn in vielen Unternehmen seit Jahrzehnten gibt, konnten Gewerkschaft und Streikende bei Neupack selbst in acht Monaten nicht durchsetzen. Die Mitarbeiter beklagen sich, seit Jahren nach Gutsherrenart behandelt zu werden. Auch die Bezahlung sei willkürlich.
Neupack hatte Streikbrecher aus Polen beschäftigt, die der Belegschaft sinalisierten, dass sie nicht gebraucht werde. Erst Anfang Juli war nach schwierigen Verhandlungen das Ende des Konflikts verkündet worden.
Mit dem Betriebsrat hatte das Management nur eine Betriebsvereinbarung unterschriftsreif verhandelt. Die Mitarbeiter in der niedrigsten Lohngruppe hätten bei Einführung der 38-Stunden-Woche ab dem 1. August, 9 Euro statt 7,80 Euro bekommen. Nun wird es selbst damit vorerst nichts. „Im Nachgang wurde allerdings deutlich, dass die Betriebsparteien die erzielte Einigung zu einzelnen Punkten offenbar unterschiedlich interpretiert haben“, lässt Neupack eine PR-Agentur in einer Pressemitteilung verbreiten. Das Unternehmen wollte 57 der Streikbrecher einstellen, der Betriebsrat habe das abgelehnt.
Dort hat man nichts gegen Neueinstellungen. Aber: „Wir sehen die Gefahr, dass infolge dieser Einstellungen dann andere Kollegen – letztlich wohl als Maßregelung wegen ihrer Streikteilnahme – gekündigt werden“, sagte Betriebsratchef Murat Günes der „taz“.
Die Gewerkschaft kann nun die Einigungsstelle anrufen, bei der meist ein Arbeitsrichter Vorsitzender ist und die eine für beide Seiten bindende Entscheidung trifft. Es wird erwartet, dass die ursprüngliche Betriebsvereinbarung dadurch schließlich doch in Kraft tritt.
Günes hat als Betriebsratsvorsitzender acht Monate vor dem Werkstor verbracht. Nun klingt er erschöpft, fast resigniert und verbirgt seine Enttäuschung nicht. „Die Kollegen haben Großartiges erwartet, vielleicht waren die Erwartungen zu hoch.“
Doch wie konnte die Belegschaft den Streik so lange durchhalten? Von den acht Streikmonaten fielen sechs in den Winter mit eisigen Temperaturen bis in den April. „Wir sind jeden morgen im Streikzelt zusammengekommen und haben über die Probleme gesprochen, wir haben uns gegenseitig unterstützt, wie eine Familie“, so Günes. Sie haben vor dem Werkstor gemeinsam Silvester gefeiert. Erst im Frühjahr wurde das Zelt durch einen Streikcontainer ersetzt. Hier liefen fortan alle Fäden zusammen. Es gab täglich ein warmes Mit-tagessen, das durch die Gewerkschaft und Spenden finanziert wurde. Bei Schichtwechsel trafen sich die Kollegen und tauschten Neuigkeiten aus, bei schönem Wetter auch vor dem Container.
Auf den schmalen Klappbänken saß auch Ralf Duda (60). Er ist seit 1979 bei Neupack, zuletzt war der Mann mit dem grauen Vollbart Kraftfahrer. Doch die Firmenleitung hat die Lkw mittlerweile abgeschafft und die Aufträge an einen Subunternehmer vergeben. „Bis Streikbeginn bin ich noch gefahren“, sagt der wortkarge Schleswig-Holsteiner, der Mitglied im Betriebsrat ist und zudem der gewerkschaftlichen Tarifkommission angehört. Nun weiß er nicht, wie es weiter geht.
Bei seinen Kollegen gab es es während des Streiks Probleme bei Kinder- oder Wohngeld, weil die Behörden mit den Besonderheiten eines Streiks überfordert waren. Wenigstens wurde von der Gewerkschaft regelmäßig Streikgeld als Lohnersatz gezahlt. „Ohne Spendengelder wären wir aber ziemlich schnell am Ende gewesen“, sagt Pientka, der Gewerkschafter. Unterstützung kam auch von einem Solidaritätskreis, der sich regelmäßig traf.
Ein weiteres Problem ist ebenfalls nicht vom Tisch, sagt Betriebsrat Günes: die Maßregelungen. Neupack müsse auf Bestrafungen und Entlassungen verzichten, lautet eine Forderung der Gewerkschaft. Neupack wirft dem unbequemen Betriebsratschef, der als Seele des Streiks gilt, eine Tätlichkeit am Werkstor in Stellingen vor und kündigte ihm. Weil der Betriebsrat der Kündigung nicht zustimmte, klagt Neupack nun vor dem Arbeitsgericht. Ein Urteil steht noch aus. Bei Neupack wird auch in den nächsten Monaten mit harten Bandagen gekämpft.
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