Mein Stadtteil ändert sich

Jeremy macht Handstand: Samuel Guidi (10) hat seinen Freund für das Projekt „Mein Stadtteil ändert sich“ fotografiert. Foto: Samuel Guidi
 
Diese bunte Wand mit Teddy entdeckte die Miriam (10) hinter der Schule Maretstraße. Foto: Miriam Silva

Kinder und Jugendliche aus Harburg erkunden das Phoenix-Viertel seit fünf Jahren mit der Kamera.

Von Sabine Langner. Su muss sich lang machen, um über den Tresen zu schauen. Sie sieht hoch zum Kioskbesitzer, der sich vor einer Wand aus Zigarettenschachteln hingestellt hat. Klick – das Foto ist im Kasten. Samuel (10) entdeckt bei seinem Streifzug durch das Phoenix-Viertel ein Fenster. Sechs Plüschteddys schauen von hier aus in die Welt. Klick. Miriam (10) beobachtet hinter der Schule Maretstraße einen Mann, der Bilder auf die Wand sprüht. Klick.
Seit fünf Jahren streifen rund 80 Kinder und Jugendliche regelmäßig mit der Kamera durch ihren Stadtteil. Hunderte von Fotos sind so entstanden. Die Resultate sind verblüffend. Ein Junge, der Handstand macht. Alte Menschen, die aus dem Fenster schauen. Ein Kaugummi-Automat. Wäsche, die in einem Hinterhof trocknet. Sperrmüll an einer Straßenecke. Handwerker, die an alten Häusern arbeiten. Bauarbeiten an der neuen Schule.
Die Idee zu diesem Projekt hatte Monika Wolff. Die 34-jährige Sozialpädagogin ist selber begeisterte Hobbyfotografin. Seit zehn Jahren arbeitet sie im Freizeitzentrum Mopsberg, früher FZ Nöldeckestraße. Als das Phoenix-Viertel im Jahre 2006 Sanierungsgebiet wurde, kam ihr die Idee, die Veränderungen des Stadtteils mit der Kamera fest zu halten. Das Motto: „Mein Stadtteil ändert sich.“ Auf Vorher-Nachher-Fotos legt sie keinen Wert. Entscheidend ist nur, was die jungen Fotografen im Stadtteil spannend und faszinierend finden.
Zwischen fünf und zwölf Jahre alt sind die Kinder, die im FZ Mopsberg regelmäßig am Mittagstisch und der anschließenden Nachmittagsbetreuung teilnehmen. Wer möchte, zieht zusammen mit Monika Wolff und einer Digitalkamera los. Zehn Bilder dürfen die Kinder pro Streifzug machen. Nicht mehr. Eine weitere Bedingung: Wenn sie Menschen fotografieren wollen, müssen sie vorher fragen und sich das Einverständnis des Porträtierten schriftlich bestätigen lassen. Und sie dürfen die Zoomfunktion der Kamera nicht benutzen. „Ich möchte, dass die Kinder genau hinsehen“, sagt Monika Wolff. „Heutzutage hat jeder ein Handy. Alle können jederzeit Fotos machen und das tun die Kinder auch. Aber das ist noch einmal etwas anderes, als mit einer Kamera mit wachen Augen loszuziehen, sich zu konzentrieren und eine Auswahl zu treffen.“
Miriam macht das Fotografieren großen Spaß. „Ich habe hinter der Schule einen Mann entdeckt, der einen Teddy auf die Wand gemalt hat. Aber der Teddy sah ein bisschen gruselig aus, weil er so gruselige Zähne hatte. Danach hat der Mann alles wieder übermalt mit weißer Farbe, damit seine Freundin Platz für ihre Graffitis hat. Ich habe ihn gefragt, ob ich ihn fotografieren darf, aber er wollte nur von hinten auf das Bild, damit ihn später keiner erkennt.“ Phoenix-Viertel Highlife stand über dem Graffito, das jetzt nur noch auf Miriams Foto erhalten ist. Ähnlich ist es mit dem verbogenen Straßenschild der Geraden Straße, das für einige Zeit bedenklich nach unten zeigte, ehe es von den Behörden wieder gerade aufgestellt wurde.
Jeremy, ebenfalls regelmäßiger Gast beim Mittagstisch im FZ Mopsberg hat seine Tante fotografiert, als sie aus dem Fenster schaute. „Ich finde meine Tante ganz schön“, sagt der Achtjährige, „und sie wohnt hier in der Nähe. Jetzt ist sie ganz stolz auf das Foto.“
Inzwischen bereits ein alter Hase ist Samuel. Der heute Zehnjährige war auch schon bei den ersten Exkursionen vor fünf Jahren mit dabei. Daran erinnert er sich zwar nicht mehr so genau, aber die aktuellen Bilder hat er genau im Kopf. „Ich habe einen Bagger fotografiert, als er mal still stand“, berichtet er.
Ein weiteres Fotoprojekt des FZ Mopsbergs richtet sich an Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Sie können ihren Stadtteil mit einer Analogkamera entde-cken. Anschließend lernen sie, die Bilder selber in der hauseigenen Dunkelkammer zu vergrößern. Auch sie bekommen von Monika Wolff eine kurze Einführung in die Fotografie. „Diese altmodische Art zu fotografieren, ist für die meisten Jugendlichen etwas völlig Neues“, sagt Monika Wolff, „und ich habe festgestellt, dass die Jugendlichen, die mit ihren Handys jede Kleinigkeit fotografieren, sich plötzlich schwer tun, die 36 Bilder eines Filmes zu verknipsen. Sie müssen richtig hinschauen und entscheiden, ob das Motiv wirklich ein Bild wert ist. Zudem weiß man bei dieser Art der Fotografie erst in der Dunkelkammer, ob das Bild etwas geworden ist. Das ist für die meisten sehr spannend.“
„Mein Stadtteil ändert sich“ ist schon mit einigen Preisen ausgezeichnet worden. Die Fotos sind auch schon auf einigen Ausstellungen, etwa im nahegelegenen Phoenix-Center, gezeigt worden. Die Internetseite www.mein-stadtteil-aendert-sich.de könnte später auch zu einem gedruckten Bildband werden. „Das wäre ein Traum “, sagt Monika Wolff.
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