Manisch-depressiv

Kolumne: Dem Harburger Flaneur
fällt einiges auf …

Vom Harburger Faneur. Seit den großen Fortschritten der Medizin vergessen wir leicht, dass Krankheiten heute oft immer noch auf unsere tatsächliche Existenz hinzielen. Sie können lebensgefährlich sein. Sie wollen uns an den Kragen. Bestimmte Krankheiten gibt es, deren
existenzbedrohenden Charakter kaum zu übersehen ist. Zu ihnen gehört die manisch-depressive, verharmlosend bi-polare Störung genannt.
Existenzbedrohend ist sie in vielerlei Hinsicht. In der depressiven Phase droht immer der Selbstmord. Die maßlosen Geldausgaben und anderen Extravaganzen in den manischen Phasen bedrohen die bürgerliche Existenz des Kranken. Eine subtilere Bedrohung besteht darin, dass er Freunde verliert, wenn er sich outet. In der Folge befindet er sich in einer unheilvollen Isolation, die für den Krankheitsverlauf zwar nicht lebensgefährlich aber alles anders als günstig ist.
Soviel zu den negativen Rahmenbedingen.
Wie erlebt ein Kranker die Krankheit? Von der Depression brauchen wir nicht reden. Sie ist eine Volkskrankheit geworden. Es gibt kaum jemanden, der sie nicht bei sich oder bei anderen unmittelbar erlebt hat. Dass sie eine sehr ernste Sache ist und weit mehr als nur ein Traurigsein, weiß jeder vernünftige, mitfühlende Mensch.
Mit der Manie ist das anders. Auffallend ist, dass der Kranke meistens keine Krankheitseinsicht hat. Er genießt ein seelisches Hoch, das sich alles anders als krank anfühlt. Obwohl er kaum schläft, fühlt er sich voller Kraft. Die Ideen fliegen ihm nur so zu. In seinem Wahn meint er, er sei ein besonders toller Mensch, dem eine tolle Zukunft bevorstehe. Wer ihm gegenüber andeutet, dass mit ihm nicht alles in Ordnung sei, hat in seinen Augen keinen Blick für seine Großartigkeit.
Dies unnatürlich erhöhte Selbstbewusstsein führt dazu, dass der Kranke oft aneckt, ja dass er in regelrechten Konflikt mit seiner menschlichen Umgebung geraten kann.
Das gilt allerdings nicht für alle Mitmenschen. Es gibt Menschen – sowohl Frauen als auch Männer – die von der Manie fasziniert sind, wobei sie sie natürlich nicht als Manie erkennen. Sie schätzen ihre Kreativität und ihren Reichtum an Phantasie.
Dazu gehört die Tatsache, dass Künstler, die bi-polar sind, den kreativen Schub der Manie sehr schätzen und oft ablehnen, sich einer Behandlung zu unterziehen. Oder sie lassen sich nur so weit behandeln, dass ihre Kreativität nicht gefährdet wird.
Es kann Jahre dauern, bis ein Mensch zugeben kann, manisch-depressiv zu sein. In diesen Jahren kann in seinem Leben sehr sehr viel kaputt gehen: Er kann seinen Partner verlieren, sogar seine Kinder und in Extremfällen auch seinen Beruf.
Dies ist umso bedauerlicher, als dass es eine recht effektive Behandlung gibt: die Lithiumtherapie. 70 Prozent der Kranken sprechen darauf ein.
Bedenken wir, dass früher solche Kranken oft weggeschlossen, unter den Nazis sogar ermordet wurden, können wir in ihrem Namen dem großen dänischen Psychiater, der in den 1950er Jahren die heilende Wirkung des Lithiums entdeckt hat, nicht dankbar genug sein. Sein Name: Mogens Schou.
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