Manhattan an der Alster

In der historischen Tankstelle vor den Grindelhochhäusern ist jetzt ein Fahrradladen. Foto: Stahlpress Medienbüro
 
Rosemarie Lehmann im Garten, den sie gemeinsam mit ihren Nachbarn pflegt. Foto: Stahlpress Medienbüro

Vor 70 Jahren wurde der Grundstein für die Grindelhochhäuser gelegt: Deutschlands erste Hochhaus-Wohnanlage wurde als Sensation gefeiert, kam dann in die Jahre und hat heute ein neues Gemeinschaftsgefühl entwickelt.

Von Volker Stahl. Wie sich die Zeiten ändern. In der Nachkriegszeit waren sie hochmodern, heute stehen die Grindelhochhäuser im Hamburger Stadtteil Harvestehude unter Denkmalschutz. Rund 3.000 Menschen leben derzeit in den 2.000 Wohnungen von Deutschlands erster Hochhaussiedlung, die 1956 nach zehnjähriger Bauzeit fertig gestellt wurde und ursprünglich für die Unterbringung britischer Offiziere gedacht war.

7,41 Nettokaltmiete sind heute fast ein Schnäppchen

„Ich habe das Gefühl, in einem Park zu wohnen“, sagt Ulrike Olbers (53), die seit drei Jahren in einem der von altem Baumbestand und viel Grün gesäumten Häuser lebt. In den Grünanlagen tummeln sich Eichhörnchen, Raben und zahlreiche Singvögel. Im Sommer bietet der Naturschutzbund (NABU) dort Führungen durch die Vogelwelt an. „Früher habe ich gesagt: Ich ziehe nie in ein Hochhaus. Heute empfinde ich das als angenehmes Wohnen.“
Auf einem der beiden Spielplätze, die sich am Rand der zwölf Gebäude befinden, sitzen Mütter auf Bänken. Ihre Blicke flackern hektisch hin und her – zwischen dem zu beaufsichtigendem Nachwuchs und ihrem Smartphone. Einen Steinwurf entfernt hat sich die 15-jährige Aleyna mit ihrer gleichaltrigen Freundin an einem Kellereingang getroffen. Die Mädchen erzählen, dass sie seit ihrer Geburt hier leben und die benachbarte Ida-Ehre-Gesamtschule besuchen. „Obwohl ich die meisten meiner Nachbarn nicht kenne, fühle ich mich wohl hier“, sagt Aleyna, die besonders die Nähe zur fußläufig gut erreichbaren Außenalster schätzt.
Die Lage der einzigen innerstädtischen Hochhaussiedlung Hamburgs ist einmalig. Gründerzeitvillen, hochwertige Grünanlagen wie der benachbarte Innocentia-Park, die Nähe zur Universität und Innenstadt prägen den begehrten Stadtteil. Wer in einem der zehn der städtischen Wohnungsgesellschaft SAGA GWG gehörenden Grindelhochhäuser wohnt, darf sich glücklich schätzen. Die Nettokaltmiete für die 17 bis 85 Quadratmeter großen Wohnungen mit dem in den oberen Etagen spektakulären Ausblick über das Hamburger Häusermeer beträgt durchschnittlich 7,41 Euro – für die exponierte Wohnlage ist der Quadratmeter-Preis geradezu ein Schnäppchen. Im elften Haus hat die Stadt das Bezirksamt Eimsbüttel untergebracht, das zwölfte gehört einem Investor. Seit 1999 steht das gesamte Ensemble unter Denkmalschutz.

Den Behörden haben sie einen Garten abgetrotzt

Unter der besonderen Obhut von Rosemarie Lehmann (82) steht der einzige Garten auf der weitläufigen Fläche zwischen den Häusern. Das Areal gehört zwar der Stadt, wird aber von der rüstigen Seniorin seit einigen Jahren bewirtschaftet. Dass sie das darf, hat sie mit beeindruckender Beharrlichkeit „den Hardlinern“ vom zuständigen Gartenbauamt abgetrotzt. Laut „Sondernutzungsvertrag“ darf sie sogar Bänke aufstellen. Zurzeit blühen Krokusse in dem liebevoll gestalteten Garten, der im Sommer mit einem Festival der Farben aufwartet und ein Ort der Begegnung geworden ist. Seitdem die Bücherhalle im benachbarten Bezirksamt geschlossen worden ist, gibt es keinen Treffpunkt für die Bewohner mehr. „Anfangs hatte ich viele Kinder als Mitstreiter“, erzählt die in der DDR Aufgewachsene über die den Zusammenhalt fördernde Gartenarbeit. „Wir leben heute in einer Zeit, in der Gemeinschaftsbildung besonders wichtig ist.“
Als die ersten Häuser von „Klein-Manhattan“ mitten in Hamburg fertig waren, sorgten sie schnell überregional für Aufsehen. Zu Zeiten des aufkeimenden Wirtschaftswunders galten die von 1946 bis 1956 erbauten ersten Wohnhochhäuser Deutschlands als letzter architektonischer Schrei. „Bei diesem Anblick muss man etwas Amerikanisches trinken“, konnte der Reporter des „Hamburger Abendblatts“ 1952 kaum an sich halten.
Anfangs waren die Mieten noch hoch, die Ausstattung für die damaligen Verhältnisse war jedoch top: Es gab Müllschlucker, Tiefgaragen, Fernsehantennen, Fernwärme sowie eine Infrastruktur mit Läden und einer Zentralwäscherei. Für die ersten drei kleineren Wohnblöcke mit 466 Einheiten, die 1951 bezugsfertig waren, gab es mehr als 5.500 Bewerber. Schnell zog reichlich Prominenz ein, darunter die Schauspielerin Ruth Niehaus und der Opernintendant Rolf Liebermann, die im 14. Stock residierten. Nachbarn waren der Chef des Gesundheitsamts Kurt Glaser, der Maler Arnold Fiedler und der Mitbegründer des literarischen Expressionismus Kurt Hiller.

Die Wohnungen in Alsternähe sind begehrt

Doch im Laufe der Jahrzehnte verblasste der Glanz, der Zahn der Zeit nagte an den Häusern. Als sie in den 1990er-Jahren langsam zu verrotten drohten, investierte die SAGA GWG 75 Millionen Euro in die Modernisierung. Ein Grund dafür, dass sich die Wohnanlage bei den Mietern großer Beliebtheit erfreut. „Die Bewohner bilden einen Querschnitt der Gesellschaft ab: Dort wohnen Singles, Paare und kleine Familien“, sagt SAGA-GWG-Sprecherin Kerstin Matzen. Das Unternehmen achte am Grindel besonders auf „soziale Ausgewogenheit“ bei der Auswahl der Mieter. Nun ja, die Mischung scheint zu stimmen, die Wohnungen sind wieder begehrt.

Zur Geschichte:

Ursprünglich hatte die britische Besatzungsmacht die Grindelhochhäuser als Quartier für ihre Offiziere geplant. Das „Hamburg project“ sah vor, etwa 35.000 Verwaltungsangehörige in der Hansestadt zu stationieren. Bis zum September 1947 sollten die Neubauten bezugsfertig sein. Doch bei der ehrgeizigen Zeitvorgabe hatten sich die neuen Herren verschätzt: Es fehlte an Baumaterialien und geeignetem Personal. „Die überall in der britischen Zone zwangsverpflichteten Arbeitskräfte, die in der Hansestadt unter hygienisch und verpflegungsmäßig untragbaren Bedingungen in Lagern aus Baracken und Nissenhütten leben mussten, flohen trotz Strafandrohung in großer Zahl zurück in ihre Heimatorte“, schreibt der Historiker Axel Schildt in seiner Studie über die Häuser.
Als die britische Besatzungsmacht sich nach Zusammenlegung der amerikanischen und britischen Besatzungszone Anfang 1947 zum „Vereinigten Wirtschaftsgebiet“ (Bizone) zur Aufgabe ihres Hauptquartiers in Hamburg entschloss, um nach Frankfurt/Main auszuweichen, hinterließ sie der Stadt eine Bauruine mit zwölf fertigen Fundamenten und zigtausend Tonnen Stahl. Nach langem Hin und Her fasste der Senat 1949 den Beschluss, das von den Engländern begonnene Projekt zu beenden. So entstand unter Federführung der SAGA Deutschlands modernster Wohnkomplex mit mehr als 2.000 Wohnungen. VS
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