Lieb und teuer

Hochbetrieb 37 Meter über dem Elbspiegel: Auf der Plaza der Elbphilharmonie tobt das Leben, im neuen Konzerthaus sind alle Konzerte vorerst ausverkauft. Foto: Bernhard Greulich
 
Professor Dirk Schubert. Foto: pr

Zur Eröffnung der Elbphilharmonie fasst Folke Havekost die 16 Jahre ihrer Entstehung zusammen

Folke Havekost, Hamburg

Nicht, dass der Michel sich grün ärgert vor Neid. Die Hauptkirche St. Michaelis, das Wahrzeichen Hamburgs mit kupfersulfatgrüner Kuppel, wurde am Mittwoch extra hafenwasserblau angeleuchtet – als Referenz für ein neues Wahrzeichen, das der Stadt an der Elbe Auen zu weltweitem Ruhm und neuen Touristenströmen verhelfen soll. Die Elbphilharmonie wurde am Mittwoch glanzvoll eröffnet. Mit einem Konzert des ehemaligen NDR-Sinfonieorchesters, das sich längst in Elbphilharmonieorchester umbenannt hat. Zeit genug war ja auch. Mit sechs Jahren Verspätung wurde das Bauwerk in der HafenCity fertiggestellt, die öffentlichen Kosten kletterten von ursprünglich 77 Millionen Euro auf stolze 789 Millionen Euro. 
Bevor der erste Ton von Beethovens „Prometheus“-Ouvertüre erklang, fasste Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Eröffnungsrede zusammen: „Sie galt als Traum und als Albtraum, als Weltstar und als Witz, als Blamage und als Wunder.“
Nun wirkt die normative Kraft des Fertigen, getreu dem Motto: Wenn’s erstmal da ist, weiß schon keiner mehr so genau, wie’s eigentlich dazu kam. Das Interesse an der gläsernen Konstruktion, die die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron auf einen alten Kaispeicher gesetzt haben, ist jedenfalls enorm. Seitdem die Plaza der Elbphilharmonie Anfang November fürs Publikum geöffnet wurde, strömen die Hamburger in Massen auf die Aussichtsplattform 37 Meter über dem Elbspiegel. Hier haben sie den besten Rundumblick auf die Innenstadt, mindestens bis der 2001 fürs Publikum geschlossene Fernsehturm (im Volksmund: „Telemichel“) bald wiedereröffnet werden soll.
Für die 1.000 verlosten Freikarten des Eröffnungskonzerts gab es 200.000 Bewerbungen, auch bei Online-Bestellungen für nachfolgende Konzerte (Karten ab zehn Euro) brachen die Server regelmäßig zusammen. „Was immer wir auf den Markt schmeißen, ist nach zwei Stunden ausverkauft“, bilanzierte Christoph Lieben-Seutter, der 2007 zum Intendanten berufen wurde und nun endlich beginnen kann.

Was besseres verdient als irgendwas mit Medien

Der mit zahlreichen Largos, Adagios und Pausen gepflasterte Weg zum Musikpalast begann 2001, als Alexander Gérard sich dachte, Hamburg habe an exponierter Stelle besseres verdient als irgendwas mit Medien. Der Architekt regte an, die Stadt solle auf einem alten Kaispeicher anstelle des geplanten Media City Ports lieber einen Konzertsaal auf Weltniveau errichten. Das gutsituierte Hamburg ließ sich nicht lumpen: 57,5 Millionen Euro Spenden wurden gesammelt. Damals dachte man noch, dies sei mehr als nur eine Anschubfinanzierung, und der Rest ließe sich über die 45 millionenschweren Luxusappartements im Westflügel sowie das Hotel mit 244 Zimmern (ab 200 Euro pro Nacht) im Ostflügel des 110 Meter hohen Gebäudes tragen.
2003 gab der CDU/PRO/FDP-Senat unter Bürgermeister Ole von Beust (CDU) grünes Licht für das Renommierprojekt. 2007 erfolgte nach Zustimmung der Hamburgischen Bürgerschaft die Grundsteinlegung, doch statt die „Elphi“ wie geplant 2010 zu eröffnen, trat von Beust in jenem Jahr zurück. „Meine Küche ist unterm Strich auch 15 Prozent teurer geworden, weil überraschende Dinge auftraten“, hatte der Bürgermeister zuvor gescherzt, doch die Analogie von Stadthaushalt und Privathaushalt sorgte für immer weniger Lacher. Ein Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft stellte städtische Planungsfehler und manipulierte Gutachten fest, blieb aber ohne größere politische Konsequenzen.
Auch von Beusts Nach-Nachfolger Olaf Scholz (SPD) erschien der Prachtbau seit seinem Amtsantritt im Frühjahr 2011 zunächst nicht als geschwungene Welle, sondern als Klotz am Bein. Der Streit zwischen der Stadt und der Baufirma Hochtief um die Absenkung des Saaldachs führte im Herbst 2011 zu einem Baustopp, der über ein Jahr währte. Erst nach intensiven Verhandlungen und einer weiteren 200-Milli-onen-Euro-Zusage der Stadt einigten sich die Parteien, auch dank des starken Engagements von Barbara Kisseler. „Hochtief ist eigentlich eine Anwaltskanzlei mit angeschlossenem Bauunternehmen“, formulierte die Kultursenatorin spitz und gab gerne die Wasserstandsmeldung: „Die Elbphilharmonie ist uns lieb und teuer, die Reihenfolge ist im Moment beliebig.“ Ihr Tod im Oktober 2016 bringt die Elbphilharmonie um die beste Eröffnungsrede.

Wie das Wabendesign von „Dalli Dalli“

Die probenden Musiker zeigten sich im Vorfeld von der
akustischen Wirkung der „weißen Haut“ von Yasuhisa Toyota beeindruckt. Die 10.000 individuell gefertigten Gipsfaserplatten im großen Konzertsaal wirken bei mattem Licht wie Muschelkalk, wecken aber auch Erinnerungen ab das Wabendesign von Hans Rosenthals 1970er-Jahre-Spielshow „Dalli Dalli“. An den Wochenenden können sich Besucher die Details auch in Englisch erklären lassen – schließlich will die Hansestadt Touristen nicht nur zwischen Flensburg und Zermatt ansprechen, sondern im Wettstreit mit Barcelona oder Mailand in die erste Reihe der europäischen Nicht-Hauptstädte aufsteigen.
Der Hamburger Nahverkehr wirbt derweil mit seiner „Elphi-Flotte“ als Schutz vor Parkplatznot, und auf dem Weg in die Alltagskultur ist das Bauwerk auch in einem Reim-Bilderbuch gelandet. Andreas Greve dichtet: „Seenot mitten in der Stadt: Bei dem Ding ging gar nichts glatt. Sturmumtost war das Projekt. Ungerührt der Architekt.“
Ob ungerührt oder geschüttelt: Das Schweizer Duo Herzog und de Meuron, bekannt durch die Münchner Allianz-Arena und das Olympiastadion in Peking, sammelt jedenfalls die Komplimente von Stadtplanern ein (siehe Interview rechts).
Nur das Planspiel, in der fertigen Elbphilharmonie dem IOC die letzten Bewerbungsunterlagen für die Olympischen Spiele 2024 vorzulegen, wurde von den Hamburgern per Referendum versenkt – wohl auch, weil genug Bürger nach der Elphi-Erfahrung dem Finanzierungskonzept der Stadt misstrauten. Nachhaltiger und sogar günstiger als das zweieinhalbwöchige Sportspektakel ist das Konzerthaus allemal. „Die Elbphilharmonie soll kein Ufo sein, das zufällig in der Hansestadt gelandet ist, sondern ein Aushängeschild, mit dem sich die Hamburger identifizieren können“, erklärte Intendant Lieben-Seutter: „Immerhin haben sie auch dafür bezahlt.“
Bundespräsident Gauck verschwieg die immens hohen Kosten ebenfalls nicht. Sein Auftrag lautete, es müsse gelingen, „auch Menschen zu erreichen, die bislang nicht in Konzerte gehen“. Daran wird sich die Elbphilharmonie dereinst messen lassen müssen.

Interview

Professor Dirk Schubert forscht an der HafenCity Universität Hamburg unter anderem zu Themen der Stadt- und Stadtplanungsgeschichte, zu Fragen des Wohnens und der Stadtteilentwicklung.

Welche Gedanken schießen Ihnen beim Stichwort Elbphilharmonie spontan durch den Kopf?

Schubert: Ein ‚Leuchtturm‘ für Hamburg, nach einer schweren Geburt. Endlich ist das Megaprojekt fertig. Der ‚Wow-Effekt‘ zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten ist beeindruckend.

Vom historischen Kaispeicher A blieben beim Umbau zur Elbphilharmonie nur Teile der Gründung und die Fassade aus Backstein erhalten. Wie sinnvoll wäre ein kompletter Neubau an gleicher Stelle gewesen?
Der Kaispeicher A steht unter Denkmalschutz und ist ein wichtiges Bauwerk aus der Periode des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Er ist eine Ikone an herausragender Stelle im Hafen und in der HafenCity. Die vertikale Nutzungsmischung – Parken, Wohnen, Hotel, Konzerthalle, Restauration et cetera – in Bestand und Neubau war eine außerordentlich komplexe Bauaufgabe mit vielen Akteuren und unterschiedlichen Interessen.

Die historische Backsteinfassade des Gebäudes ist ein stilprägendes Element – das passt doch perfekt zur ‚roten Stadt‘ Hamburg, oder?
Mit dem ‚roten Hamburg‘ wird auf die Phase der 1920er-Jahre abgehoben, als der Backstein unter dem Oberbaudirektor Fritz Schumacher ein favorisiertes Baumaterial war. Natürlich war und ist der Begriff auch (partei-)politisch konnotiert. Beim Wiederaufbau des Kaispeichers A unter Werner Kallmorgen, er war übrigens ein Verehrer von Schumacher, handelt es sich um ein reines Funktionsgebäude ohne architektonischen Zierrat. Angrenzend an die im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Speicherstadt bot sich natürlich eine Bezugnahme auf die Backsteinarchitektur der Speicherstadt an. Damals war es das modernste Speichergebäude der Welt. Ironie der Geschichte: Ein Jahrzehnt später begann die Containerisierung des Güterumschlags und die vorgesehenen Funktionsabläufe für den Güterumschlag waren überholt.

Wie gefällt Ihnen die Architektur der Elphi?
Die öffentlich zugängliche Plaza mit dem Blick auf Hafen und Stadt und die Synthese eines historischen Gebäudes mit ‚aufgesetzter‘ moderner Architektur bilden ein Alleinstellungsmerkmal für Hafen und Stadt.  
Interview: Volker Stahl
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