Leicht ums Herz

Das Spielfeld ausnahmsweise im Rücken: Beim Rückrunden-Auftakt gegen Bayern ließen es sich viele Mitglieder der HSV Rollis nicht nehmen, ihren Verein trotz Temperaturen, die sich wie minus zehn Grad anfühlten, im Volkspark zu unterstützen. Mittendrin: der erste Vorsitzende Olaf Kuzel (5.v.l.). Fotos: Hans Kall
 
Das einzig wahre Kennzeichen für ein Mitglied der HSV Rollis. Foto: Hans Kall

Bessere Sicht, ausreichender Windschutz, mehr Toiletten für Behinderte: Die HSV Rollis tragen die Raute im Herzen, setzen sich aber mit großer Beharrlichkeit für ihre Belange ein.

Von Chris Köslin. Das Volksparkstadion ist Heimat des Hamburger SV und all derer, für die er mehr als nur ein Bundesliga-Klub ist. Für eine Gruppe der eingefleischten Fußballfans gibt es auf der Südtribüne, im Block zehn und elf, fünf spezielle Rampen. Und wenn Sabine Maybauer eine der Rampen hoch- und ihrem Sohn in seinem elektrischen Rollstuhl hinterhereilt, wird ihr jedes Mal leicht ums Herz. „Die ganze Woche spüre ich, wie Fabian sich auf den Besuch im Stadion freut“, erzählt die Mutter, als beide ihren Platz in der Reihe der HSV-Fans in Rollstühlen eingenommen haben. „Nach einem Sieg ist er noch tagelang euphorisch. Nach einer Niederlage leidet er, oft auch tagelang. Und inzwischen bin ich genauso verrückt.“ Fabian ist 22 Jahre alt, und die Muskulatur lässt den Jungen, dessen Liebe dem HSV gehört, immer mehr im Stich. Auf der Südtribüne, wo Platz für insgesamt 95 Fußballfreunde in Rollstühlen ist, haben die Maybauers aus Buxtehude neue Freunde gefunden.
„HSV Rollis“ steht dick und fett auf dem Banner, das sie bei jedem Spiel sichtbar anbringen. Nicht jeder der Stadionbesucher auf vier Rädern samt Begleitung gehört diesem besonderen Fan-Club an. Aber es werden immer mehr. „Allein in den letzten 14 Tagen sind vier neue Mitglieder zu uns gekommen“, sagt Olaf Kuzel, der die Raute nicht nur im Herzen, sondern auf Kappe, Schal und Jacke trägt. Olaf Kuzel ist der Mann, der seine Zuschauer-Nachbarn und Freunde im Volksparkstadion dazu gewinnen und begeistern konnte, den ersten Fanclub für Rollstuhlfahrer zu gründen.

Beim Bau des Stadions die Rollstuhlfahrer vergessen?

An den Tag, an dem die Rollstuhlfahrer als offizieller Fanclub des HSV registriert wurden, wird der Initiator täglich zu Hause erinnert. Im Flur der Wohnung des Ehepaares hängt die Urkunde, sozusagen die amtliche Aufnahme in die große Gemeinschaft der HSV-Fanclubs.
Das Schriftstück an der Wand ist nicht das einzige, was in der Wohnung dokumentiert, für wen das Herz des Hausherren schlägt. Von Schals und Kappen mit dem HSV-Emblem bis zur Uhr und der Bettwäsche, Olaf Kuzel hat rund um sich herum sein privates Museum gestaltet. „Mein Vater hat noch mit Uwe Seeler in den Straßen gespielt“, erzählt der 48-Jährige, den eine Erkrankung der Lunge seit fünf Jahren in den Rollstuhl zwingt. „Ich war sechs, da hat er mich das erste Mal mit ins Stadion geschleppt.“

Abklatschen mit Felix Magath

Auch damals schon wurden für Rollstuhlfahrer die Stadiontore weit aufgemacht. Über viele Jahre durften sie unten, unmittelbar am Spielfeldrand, ihre Plätze einnehmen. Und manche Profis wie Felix Magath liefen vor dem Anpfiff an ihnen vorbei und klatschten ab.
Dass sie über all die Jahrzehnte nie zu einem richtigen Fanclub zusammen fanden, erklärt der Gründer so: „Viele haben davon geredet, aber keiner hat sich getraut“, sagt Olaf Kuzel, „ich habe auch vier Jahre davon geredet.“ Inzwischen kennt den ersten Vorsitzenden fast jeder beim HSV. Zu seinem Geburtstag vor wenigen Wochen bekam er 190 Glückwünsche über Facebook.
„Wenn wir gemeinsam mit einer Stimme sprechen“, sagt Andreas Kerl, der zweite Vorsitzende, „können wir viel mehr erreichen. Gemeinsam sind wir stark, das haben wir zu unserem Motto gemacht.“
Der zweite Vorsitzende ist vor vier Jahren mit Julius, seinem körperbehinderten Sohn, zu einem Bundesligaspiel gekommen. Seitdem versäumen der Zwölfjährige und sein Vater nur äußerst ungern ein Heimspiel ihres HSV. Selbstverständlich haben die beiden auch beim 1:2 gegen Bayern München gehofft und gebangt.
Der Besuch im Volksparkstadion hat von den Rollstuhlfahrern besonderen Mut und Leidensfähigkeit verlangt. Denn den Fußball-Enthusiasten in Rollstühlen weht auf der Südtribüne ein eiskalter Wind in den Rücken. Hinter ihnen ist der Eingang fast offen. „Gegen Bayern waren bei uns gefühlte zehn Grad Minus und mehr“, sagt Olaf Kuzel. „Bei diesem Zug und dieser Kälte müssen wir zwei Stunden stillsitzen. Ausgerechnet gegen Bayern mussten die meisten von uns zu Hause bleiben.“
Als das neue Stadion geplant wurde, habe „man wohl die Rollstuhlfahrer vergessen“, glaubt der Kämpfer für die Belange seiner behinderten Freunde. Die Lösung auf der Südtribüne sei jedenfalls alles andere als ideal. Wenn beispielsweise beim Torjubel die Menschen vor ihnen aufspringen, sind die Frauen und Männer in ihren Spezialstühlen von allem abgeschnitten. Bessere Sicht, besserer Windschutz, mehr Toiletten für Behinderte – die organisierten Rollis setzen sich ein für ihre Belange. Und sie werden von der Vereinsführung gehört.

Gegen Hertha BSC fährt Julius zum Mittelkreis

Mit Fanny Boyen hat der HSV vor einem Jahr eine Inklusionsbeauftragte eingestellt. „Ich bin Ansprechpartner für die Hörgeschädigten im Stadion, für die Gruppe der Blinden, für die ein Student das Spielgeschehen kommentiert, und natürlich auch für die Rollis“, erzählt die Fachfrau und Mutter von zwei Kindern. „Und wir sind dabei, einen Spieltag zu organisieren, in dem die gemeinsame Freude am Fußball für Menschen mit und ohne Handicap im Mittelpunkt steht.“
Das wird am Sonntag, 6. März, das Heimspiel des HSV gegen Hertha BSC sein. Julius Kerl, der Sohn des zweiten Vorsitzenden der HSV Rollis, ist schon unruhig, wenn er an diesen Tag denkt. Die Spieler beider Teams werden Mädchen und Jungen mit Behinderungen an die Hand nehmen. Und wenn sie mit ihnen einmarschieren, werden sie im Volksparkstadion mit Beifall begrüßt. Julius wird das erste Mal mit seinem Rollstuhl zum Mittelkreis steuern, vielleicht Hand in Hand mit René Adler, Lewis Holtby oder gar Pierre-Michel Lasogga. Mit Ersatzspieler Sven Schipplock wird er eher nicht rechnen können. Schade, denn dessen Name trägt er auf seinem HSV-Trikot, mit dem er zu jedem Heimspiel über die Rampe auf die Südtribüne rollt.
Olaf Kuzel wäre nicht Olaf Kuzel, wenn er diesen Tag nicht besonders für seine HSV-Rollis nutzen würde. „Wir werden 15 Leute mit Spardosen durch das Stadion schicken“, kündigt der Mann an, der schon ohne Rollstuhl zum Fanadel des HSV gehörte. „Wir sammeln für einen Bus. Mit dem können wir Fans, die sonst keine Möglichkeit haben, zu Heimspielen abholen und auch mit einigen zu Auswärtsspielen fahren. Denn Fußball“, sagt Olaf Kuzel und wird ungewohnt leise dabei, „ist für uns die schönste Gelegenheit, das eigene Handicap zur Nebensache werden zu lassen.“


Die HSV Rollis

sind ein offizieller Fanclub des HSV „für Rollstuhlfahrer, deren Angehörige, Freunde und alle denen die Rollstuhlfahrer unterstützen wollen. Alle Fans sind willkommen, die sich gegen jede Art von Diskriminierung einsetzen“.
www.hsv-rollis.de
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