Leben zwischen den Extremen

Gut organisiert: Christa Puhl, engagiert bei Ãrzte ohne Grenzen in einem Flüchtlingslager in Ãthiopien 2014, im Gespräch mit dem Apotheker in der Zelt-Apotheke
 
Christa Puhl, engagiert bei Ärzte ohne Grenzen Mirer, Tschad am 21.7.2011 Frauen mit Babys im Tschad auf dem Weg zur Mobilen Klinik von Ärzte ohnen Grenzen. Sie kommen oft einen weiten Weg.
 
Christa Puhl kürzlich auf einer Dachterrasse in Altona. Foto: Hans Kall

Kurz nach ihrem 60. Geburtstag bewarb sich Christa Puhl bei Ärzte ohne Grenzen.
Vor Kurzem ist die Altonaerin zu ihrem nächsten Einsatz nach Afghanistan aufgebrochen

Von Chris Köslin. „Ärzte ohne Grenzen“. Drei Worte, die Licht und Hoffnung in die Welt bringen. Eine weltweite Organisation, in der Menschen ohne Not Gefahren und Entbehrungen auf sich nehmen, um Menschen in Not beizustehen. Die 1971 in Frankreich gegründete medizinische Einsatztruppe wurde 1999 mit dem Friedensnobelpreis geehrt und gewürdigt. „Ärzte ohne Grenzen“ ist längst rund um den Globus, ein leuchtendes Symbol für Hilfe und Menschlichkeit. Wer aber sind die Frauen und Männer, die mit ihrem Einsatz Hoffnung in die Welt bringen? Und was sind die Voraussetzungen und Gründe für ihre Arbeit in den Kriegs- und Krisengebieten?
„Wo wir auch im Einsatz sind, wir treten den Menschen immer von Gleich zu Gleich entgegen“, sagt Christa Puhl, „wo nötig, passen wir uns an und arbeiten immer auf Augenhöhe mit ihnen zusammen.“ Sie ganz besonders, denn die Frau aus Altona ist nicht als Ärztin unterwegs. Ihre Aufgabe ist es, alles heranzuschaffen und zu organisieren, was bei der Hilfe vor Ort benötigt wird. Also von Medikamenten und medizinischen Geräten über Baumaterialien und Benzin bis hin zu Essen und Getränken für das Team. „Natürlich mache ich die Arbeit nicht allein“, fügt Christa Puhl hinzu, „ wir rekrutieren Mitarbeiter wie Bürokräfte, Lagerverwalter, Krankenpfleger und Hilfskräfte auch vor Ort und setzen sie ein.“

Sitzen auf der linken Hand als Training für Afghanistan


Wir sitzen mitten in Altona, auf der Dachterrasse eines Wohnhauses zusammen. Eine Nachbarin hat es sich im Liegestuhl bequem gemacht. In der alten Badewanne, in der die Bewohner dieses Mehrgenerationenhauses Regenwasser für ihre Blumen einfangen, badet ein Krähenpärchen. „Ich komme gerade vom Arabisch-Unterricht“, erzählt die Frau mit dem zurückgekämmten Haar und dem lebensfrohen Lachen. „Und ich bin dabei, mich auf Afghanistan vorzubereiten“, fügt sie hinzu und macht es sich im Schneidersitz auf der Bank bequem. „Dort, in der Provinz Helmand an der Grenze zu Pakistan wird wohl mein nächster Arbeitsplatz sein“, sagt sie. Auch wenn man weiß, dass in dieser Region die Taliban immer wieder für Schlagzeilen sorgen. Christa Puhl fiebert ganz offensichtlich diesem Einsatz entgegen. Im Augenblick aber ist es nicht ihre Neugierde, ihr Lachen und ihre Offenheit, die interessieren. „Warum sitzen Sie eigentlich dauernd auf ihrer linken Hand?“, wollen wir wissen.
Christa Puhl lacht. „Ich sagte doch, ich bereite mich auf Afghanistan vor. Ich bin Linkshänderin und so gewöhne ich mir an, meine linke Hand mehr zurückzunehmen und weniger intuitiv zu benutzen“, klärt sie auf. „In einer konservativen, muslimischen Gesellschaft ist es unschicklich, mit der linken Hand zu essen oder jemandem mit links Essen oder Getränke zu reichen. Natürlich werde ich vor Ort auch ein Kopftuch tragen und Kleidung, die meine Arme und Beine bedecken. Dieser Respekt vor anderen Kulturen gehört ja zur Basis unserer Arbeit.“
Raus in die Welt wollte das Mädchen aus Schwalbach im Saarland schon, als sie 18 war. „Da bin ich nach Liberia“, erzählt sie mit dem Blick über Altona. „Afrika war mein erstes Reiseabenteuer.“ Und beweglich und aufgeschlossen für Neues blieb sie auch bei ihrem beruflichen Weg ins Leben. Die Steuerfachgehilfin studierte Volkswirtschaft und landete in Hamburg als Aufnahme- und Produktionsleiterin in der Film- und Fernsehbranche. Für Rainer Sass, den populären Fernsehkoch, war sie im Kochmobil mit unterwegs.
Aber bei aller beruflichen Vielseitigkeit und Tüchtigkeit, da war auch immer die ganz andere Seite in ihrem Leben. In Zeiten des Jugoslawien-Krieges sieht Chris-ta Puhl Fernsehbilder von Menschen auf der Flucht. Die Bilder lassen sie nicht mehr los und wenig später reist sie über die Organisation „Pax Christi“ nach Kroatien. Vier Wochen betreut sie mit anderen Freiwilligen Kinder und Jugendliche in einer Flüchtlingsunterkunft in Zagreb. Eine Begebenheit wird sie nie vergessen. „Wir hatten uns mit den Kindern im Kreis aufgestellt“, erzählt sie. „Sie sollten sich einen Ball zuwerfen und dann ihren Namen nennen. Ein harmloses Spiel eigentlich, aber es endete in einer Prügelei. Da habe ich begriffen, was Krieg und Todesangst aus Menschen machen können.“

Erster Einsatzort: die Republik Tschad

Als Christa Puhl ihren 60. Geburtstag feierte, beschloss sie, ihr Leben noch einmal total zu verändern. Sie schickte eine Bewerbung zur deutschen Zentrale von „Ärzte ohne Grenzen“ nach Berlin. Ihr erster Einsatzort war Am Timan, eine kleine Gemeinde im Osten der Republik Tschad, nahe des Krisengebietes Dafur im Sudan. Von den Wochen und Monaten dort hat Christa Puhl ihre Fotos zu einem Bildband binden lassen. In dem blättern wir jetzt: Sie in ihrem „Tukul“, einem kleinen strohgedeckten Rundbau, in dem sich auch ein Frosch eingenistet hatte. Die deutsche Ärztin Cordula Barthe, Kollegen und Kolleginnen sowie einheimische Mitarbeiter. Die Jeeps, extra in knalligem Rosa lackiert, um sie vor dem Diebstahl durch Rebellen zu schützen. In der ausgetrockneten Landschaft bunt gekleidete Berber-Frauen, Mütter mit ihren kleinen Kindern, die auf Eseln in die Mobile Klinik von „Ärtze ohne Grenzen“ reiten.

Alles war anfangs fremd und unwirklich

„Nach drei Monaten bekam ich Heimweh“, erzählt Christa Puhl beim Blättern in ihren Erinnerungen. „Alles war so fremd, so unwirklich, was in dieser Anfangszeit auf mich einstürmte. Heimweh, ja, das war ein ganz neues Gefühl für mich. Und dann, zurück in Altona, stand ich beim Bäcker und konnte mich nicht entscheiden: ein Franzbrötchen, eine Rhabarber-Schnecke oder doch lieber ein Puddingteilchen? Ich kam raus mit zwei gut gefüllten Tüten. So viel konnte ich gar nicht essen. Im Supermarkt aber, bei all diesem Überfluss, fühle ich mich auch heute noch manchmal hilflos und überfordert, wenn ich von einem Einsatz zurückkomme.
An ihr Leben mit und zwischen den Extremen hat sich Christa Puhl inzwischen gewöhnt. „Und doch bringt jeder Einsatz immer wieder neue Herausforderungen und Erfahrungen wie jetzt in Afghanistan“, sagt sie und legt den Bildband bei Seite. „Die kulturellen Unterschiede sind oft sehr groß. Aber was die Gefühle der Menschen betrifft, die sind überall gleich. Das Leid, die Trauer und auch die Freude.
Und es ist keineswegs so, dass die Menschen im Tschad oder anderswo weniger lachen würden als wir. Oft denke ich, es ist eher das Gegenteil.“


Ärzte ohne Grenzen

Sie helfen in allen Krisenregionen, haben aber stets eine eigene Meinung: Vor zwei Wochen gab die Organisation bekannt, „aus Protest gegen die Abschottungspolitik der Europäischen Union keine Gelder mehr bei der EU und ihren Mitgliedstaaten zu beantragen. „Wir sehen in unseren Projekten jeden Tag, welches Leid die aktuelle EU-Politik verursacht“, sagte Florian Westphal, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Deutschland. Die Organisation verzichtet damit auf rund 50 Millionen Euro jährlich und setzt verstärkt auf Privatspender. Auch bei der Bundesregierung werden keine neuen Gelder beantragt.
❱❱ www.aerzte-ohne-grenzen.de
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