Kurz und schmerzlos

Am Zug: Wolfgang Jahn entfernt erstmal den Sieldeckel in der Jordanstraße in Hamm, in dessen Nähe Anwohner Rattenkot bemerkt haben. Fotos: sd/pr

Hamburgs Rattenjäger haben die Lizenz zum Töten

Von Sabine Deh. Der Tatort liegt in einer kleinen Wohnstraße. Ein Nachbar hat auf dem Gehweg Rattenkot gesehen. Ein Fall für Rattenjäger Achim Hoch und sein Team von der Stadtentwässerung. Hochs Kollege Wolfgang Jahn hebt gerade den Sieldeckel an, als Hoch eintrifft. Achim Hoch leuchtet mit einer starken Handlampe in den Schacht. Tatsächlich: Rattendreck. Es riecht etwas modrig, unten plätschert das Abwasser.
Der Sielmeister ist Hamburgs Rattenkoordinator. Er und seine 24 Mitarbeiter nehmen jeden Tag aufs neue den Kampf gegen die pelzigen Krankheitsüberträger auf. Experten vermuten, dass in Hamburg rund vier Millionen Ratten leben.
Die Rattenjäger haben einen vergifteten Köder dabei. Er ist rosa, sieht aus wie ein Snackriegel und besteht aus Getreide, Haftstoffen und tödlichem Gift. „Mit dem Wirkstoff Difenacoum haben wir in Hamburg seit 2006 beste Erfahrungen gemacht“, sagt Achim Hoch. Der Tod tritt durch innere Blutungen und Sauerstoffentzug ein. Die Tiere werden schwächer und sterben schließlich einen schmerzlosen Tod.
Der Köder wird an einem Band in den Schacht gelassen und so befestigt, dass er kurz vor dem Podest mit dem Rattenkot hängen bleibt. Ungesichert würden ihn die Nager holen und im 5.500 Kilometer umfassenden Hamburger Sielnetz ablegen. Eine Kontrolle wäre dann nicht mehr möglich.
Kürzlich hat ein Bürger bei den Wasserwerken angerufen und wollte dort seine Erfindung, eine Art „Rattenguillotine“ vorstellen. Der Einsatz eines solchen Fallbeils sei aber überhaupt nicht praktikabel. „Die Tierschützer würden Amok laufen, außerdem befinden wir uns nicht in der französischen Revolution“, kommentiert Hoch diesen Vorschlag mit Galgenhumor.
Der 52-jährige Spezialist in Sachen Rattenbekämpfung kennt die Vorschriften zum Tierschutz genau, der auch für die graubraune Hamburger Wanderratte gilt. „Wir haben ein Zertifikat zur Tötung von Wirbelsäulentieren“, so Hoch.
Die Wanderratte erreicht inklusive Schwanz eine Länge von 46 Zentimeter und lebt in Gruppen von bis zu 200 Tieren zusammen. Ein einziges Weibchen kann im Jahr an die 1.900 Nachkommen bekommen. Die Nager halten sich nicht nur im Kanalsystem auf, sie leben auch über der Erde. Bauruinen, Müll, Gerümpel und Buschwerk bieten ihnen Unterschlupf. Ratten sind Allesfresser und finden in der Umgebung des Menschen Nahrung. Mitbürger, die Essensreste ins Klo werfen, bringen Achim Hoch daher auf die Palme. „Das ist ein Festmahl für die Viecher. Die sitzen fröhlich in der Kanalisation und binden sich ein Lätzchen um“, schimpft er. Auch auf dem Komposthaufen haben Lebensmittel nichts zu suchen. „Man darf nicht vergessen, dass Ratten bis zu 120 Infektionskrankheiten übertragen können.“
Für heute ist der Job in der Jordanstraße erledigt. In ein bis zwei Tagen kontrollieren die Rattenjäger mit der Lizenz zum Töten noch einmal diesen Schacht. Im besten Fall ist der Köder dann angeknabbert und Hamburg um einige Ratten ärmer.
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