Kunst verbindet

Samera (13) kam vor einem halben Jahr aus dem Irak nach Hamburg. Sie lebt mit ihrer Familie auf dem Wohnschiff Transit und besucht dort den Malkurs von Ulrike Hinrichs. Auf ihre selbst gemalte Tierkarte ist das Mädchen besonders stolz. Foto: anna salewski

Ulrike Hinrichs leitet in Harburg eine Künstlergruppe für geflüchtete Kinder und Erwachsene

Anna Salewski, Harburg
„Ich kann das nicht“, sagt Samera. Die 13-Jährige hält einen Bleistift in der Hand, vor ihr liegt ein weißes Blatt Papier, daneben eine Spielzeuggiraffe. „Das sagst du immer. Komm, versuch es mal“, sagt Ulrike Hinrichs und schiebt das Papier zurecht. Vorsichtig setzt das Mädchen aus dem Irak den Bleistift an, zeichnet den ersten Strich. Hinrichs kennt das schüchterne Mädchen, redet ihr häufig gut zu. Als Samera mit ihrer Mutter und den sechs Geschwistern nach Harburg kam, war sie noch unsicherer. Das war vor sechs Monaten. Seitdem lebt die Familie auf dem Wohnschiff Transit im Harburger Binnenhafen. Und hier besucht Samera die Malgruppe von Ulrike Hinrichs.
Einmal die Woche schließt die 52-Jährige den kleinen Raum im ersten Stock der Transit auf, holt die Wachskreiden, Buntstifte und das Papier aus dem Schrank und wartet auf ihre Künstler. Etwa sechs bis 15 Kinder und Erwachsene kommen zum Malen, darunter auch ein syrischer Kunstprofessor, der Zeichentechniken erklärt. Unterstützt wird das Angebot vom Bezirksamt Harburg und seit Juni 2017 von „Freiräume! Fonds für kulturelle Projekte mit Geflüchteten“.
Die Gruppe hat Hinrichs, die als Rechtsanwältin für den Mieterverein zu Hamburg in der Harburger Außenstelle und in der Zentrale am Berliner Tor arbeitet, Anfang 2015 gegründet. Damals waren es Berichte über Pegida, die sie motivierten, sich ehrenamtlich zu engagieren. „Als ich die Aufmärsche im Fernsehen sah, wusste ich, ich muss jetzt was tun“, erinnert sich Hinrichs. Sie wollte sich aktiv für die Integration der Geflüchteten und den Zusammenhalt in ihrem Stadtteil einsetzen.
Neben der Malgruppe hat Hinrichs auch das Projekt „Wir sind Harburg“ mit künstlerischen Stadtwanderungen ins Leben gerufen. Ganz nach dem Motto: Kunst verbindet. „Wir sind Harburg“ wird vom örtlichen Bezirksamt mit Mitteln aus dem Hamburger Integrationsfonds
finanziert. Die entstandenen Bilder sind ab dem 3. November bei den Harburger Gedenktagen im Harburger Rathaus zu sehen.
Den interkulturellen Dialog fördert auch ein weiteres Projekt: Das 150-seitige Kochbuch „Kleine Weltküche – Kochrezepte von Geflüchteten und Freunden“ haben 50 Personen gemeinsam geschrieben und illustriert. „Da ist der Tafelspitz von meiner Mutter genauso drin wie Bolani aus Afghanistan“, freut sich Hinrichs, die das Buch gemeinsam mit dem Grafiker Günther Spiegel herausgebracht hat.
Für ihre ehrenamtliche Arbeit opfert sie ihre Freizeit. „Ich sage immer, wenn andere Tennis spielen, gehe ich hierher“, sagt Hinrichs und schaut sich lächelnd in dem Kunstraum auf der Transit um. „Es macht mir Spaß, und ich sehe, wie die Kinder sich entwickeln und aufblühen.“
Die Geflüchteten haben unterwegs Schlimmes erlebt und sind traumatisiert. Hinrichs versucht zu helfen, ohne nachzubohren. „Wenn sie hier zur Ruhe kommen, dann kommt alles erst hoch“, erzählt sie. Die künstlerische Arbeit biete ihren Schützlingen die Möglichkeit, Gefühle zu verarbeiten. Durch regelmäßige Ausstellungen erhielten die Geflüchteten außerdem Wertschätzung. Der nächste Termin steht bereits: Ab dem 10. Februar 2018 sind ihre Werke der in der Harburger Kirchengemeinde St. Trinitatis zu sehen.
Mit Harburg verbindet Hinrichs eine lange Geschichte. Dort im Süden der Hansestadt ist sie geboren und aufgewachsen. Mit Anfang 20 zog Hinrichs auf die andere Elbseite nach St. Pauli, um an der Universität Jura zu studieren. Eigentlich wollte sie lieber Künstlerin werden, entschied sich dann aber doch für etwas „Richtiges“.
Nach dem Studium verbrachte Hinrichs ein Jahr in Istanbul. Heute beherrsche sie die Sprache nicht mehr ganz so gut, nützlich seien die Kenntnisse bei der Arbeit für den Mieterverein – besonders in Harburg – allemal. „Es ist schon ein Türöffner, wenn ich auf Türkisch ,herzlich willkommen‘ sage“, sagt Hinrichs lächelnd. Heute lebt sie in der Nähe der Harburger Berge und genießt die Nähe zur Natur und die langen Spaziergänge mit ihrem Pflegehund. Hinrichs arbeitet auch als Mediatorin und Coach und hat vor Kurzem eine Weiterbildung zur Kunsttherapeutin abgeschlossen.
Fünf Tage die Woche das gleiche zu machen, sei einfach nichts für sie: „Meine Spezialität ist die Vielfalt.“
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