„Kunst ist, dass man frei arbeitet“

Kunst im Karoviertel: Ein Blick auf die Werke der Schlumper, deren Galerie Ende Juni eröffnet wurde. Fotos: Carsten Vitt
 
Vor dem kreativen Schaffensprozess schafft Rohullah Kazimi Ordnung auf seinem Arbeitstisch.

Die Schlumper sind eine international bekannte Ateliergemeinschaft behinderter Künstler, jetzt haben sie eine eigene Galerie in Hamburg – ein Besuch.

Von Carsten Vitt. Vor dem Schaffen kommt das Sortieren. Es klappert hölzern, wenn Rohullah Kazimi seine Buntstifte in allen Farben des Regenbogens auf dem Arbeitstisch vor sich ausbreitet. Lila, Grün, Blau, Rot – in zwei langen Reihen nebeneinander sehen die Stifte aus wie die bunten Palisaden eines Forts aus dem Wilden Westen. Links ein Stapel Bücher. Obenauf der Band: „Vasari. Künstler der Renaissance.“ Daneben eine Skizze und eine Zeitleiste mit Notizen. Mittelalter, Renaissance, Industrialisierung. Rechts ein Pott Kaffee. Das ist der Arbeitsplatz eines Künstlers. Rohullah Kazimi ist „Schlumper“, Teil einer Ateliergemeinschaft von Künstlern mit Handicap, die längst international bekannt ist. Gerade werden ihre Werke in einer Galerie in Belgien ausgestellt. Bilder von Schlumpern waren auch schon in anderen Metropolen Europas und sogar in Chicago zu sehen.
Was diese gut 30 Künstler alles so schaffen, ist in den Ateliers und einer neuen Galerie im Karolinenviertel zu sehen. U 3, Feldstraße, raus: Auf der einen Seite der Dom und das Millerntorstadion – auf der anderen Seite ein Teil des ehemaligen Schlachthofs. Hier werden schon lange keine Rinder mehr geschlachtet, hier sitzt die Kulturszene. In einem geräumigen Klinkergebäude malen, zeichnen, kleben und radieren die Schlumper. Kunst auf Schritt und Tritt. Über zwei Ebenen sind die Ateliers verteilt. Ein Holzpodest im Erdgeschoss: Hier stehen Skulpturen neben riesigen Collagen und Gemälden. Eine Art Parkplatz für die kreative Produktion.
Oben auf der ersten Ebene arbeitet Rohullah Kazimi gerade an seinem Porträt eines italienischen Künstlers: Giorgio Vasari, Architekt, Maler, Kunsthistoriker, geboren 1511 in Arezzo. Jetzt ist der grüne Hintergrund dran. Tallingrün. Auf einem Stuhl neben der Staffelei liegen Fotos von Charlie Chaplin – Anregungen für eine spätere Arbeit.


Kazimi ist 1987 in Kabul geboren. Keine gute Zeit

Kazimi ist ein Zeitreisender: Er beschäftigt sich mit Weltgeschichte, berühmten Persönlichkeiten, Mythen und Erzählungen aus allen möglichen Zeitaltern und Quellen. Auch Comic-Helden und Hollywood-Figuren faszinieren ihn. Der 27-Jährige saugt Themen auf und macht daraus ein Bild. An seinem Arbeitsplatz steht ein riesengroßer grüner Stahlschrank mit Schubladen. Sein Lager.
Kazimi ist 1987 in Kabul geboren worden. Keine gute Zeit, kein guter Ort, seine Familie floh zwei Jahre später vor dem Bürgerkrieg in Afghanistan. Als Siebenjähriger kam er schließlich nach Hamburg. „Ich wollte als Kind schon zeichnen, das hab’ ich im Blut gehabt“, sagt er. Seit 2007 ist Kazimi bei den Schlumpern. Er wohnt in Eppendorf, arbeitet in seinem Atelier im Karolinenviertel und in der Malschule der Schlumper in der Thedestraße in Altona.

Der Schamane neben dem Stillleben nach Botticelli

Schaut man sich die großformatigen Buntstiftzeichnungen, die Stickereien, Radierungen und die unglaubliche Vielfalt der Motive an, kann man nur sagen: Das ist genau das Richtige für ihn, er ist genau der Richtige hier. Er zeichnet, schafft, stickt und schreibt, dass man sich bald fragt: Wo ist das Magazin, das dafür ausreichend Platz bietet?
Wir gehen in einen anderen Raum, einmal um die Galerie herum, auf dem Weg riecht es nach Ölfarbe, hier malen zwei Schlumper. Rohullahs Radierungen: Da hängen Romeo und Julia neben einem lesbischen Paar, ein afrikanischer Schamane neben einem Stillleben nach Botticelli. Die Stichworte und kurzen Geschichten sprudeln nur so aus ihm heraus. „Kunst ist, dass man frei arbeitet und nicht so wie Grafik-Designer in der Werbung“, sagt Kazimi. Stimmt. Muss man nichts mehr hinzufügen.

Die Geschichte der Schlumper

Der Künstler Rolf Laute arbeitete 1980 erstmals mit behinderten Menschen zusammen, um ein Wohnhaus in den damaligen Alsterdorfer Anstalten zu verschönern. 1984 gründete er in Eimsbüttel die Gemeinschaft „Die Schlumper“, um Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen künstlerische Arbeit zu ermöglichen. Das erste Atelier der Gruppe lag im Keller des damaligen DRK-Krankenhauses in der Straße „Beim Schlump“ – daher kommt der Name.
Seit 1998 hat die Gruppe ihre Ateliers im alten Schlachthof am Neuen Kamp im Karolinenviertel. Die „Schlumper“ sind etwa 30 freischaffende Künstler und bekommen ein monatliches Gehalt. Der Atelierbetrieb wird heute von der Gesellschaft Alsterarbeit der Stiftung Alsterdorf getragen, der Verein „Freunde der Schlumper“ fördert die Vermarktung.

Galerie der Schlumper,
Marktstraße 131
Ausstellung „Blick zurück nach vorn“, noch bis 6. September
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag, 16 bis 19 Uhr, Sonnabend 11 bis 17 Uhr, Sonnntag 14 bis 17 Uhr
www.schlumper.de
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