„Kriegerische Stimmung unter Lichtergirlanden“

Weihnachten als Untertan: Dietmar Bittrich feiert ganz bürgerlich. Fotos: Stahlpress Medienbüro
 
Schwierige Sache mit dem Weihnachtsmann: Dietmar Bittrichs Urgroßvater erfand den ersten Verleihservice. Foto: Stahlpress Medienbüro

Fest der Liebe – von wegen, meint Dietmar Bittrich. Im Interview mit Volker Stahl sagt der Satiriker, wie er zum Weihnachtshasser wurde.

Elbe Wochenblatt: Herr Bittrich, Weihnachten ist das Fest der Liebe – oder?
Dietmar Bittrich: Ja, alle lieben einander, wenn auch auf schwer erkennbare Weise. Stresslevel, Streithäufigkeit und Trennungen – meist kurzfristige – erreichen zu Weihnachten ihren Jahreshöhepunkt. Das liegt an der bedrü-ckenden Dunkelheit, an dem Termindruck, der vom Jahresende verschärft wird, an der Geschenkenot, am Dress Code und am Zwang, mit Verwandten zusammen zu sein, die man gewöhnlich auf Distanz hält. Wer dann noch harmonisch tun soll, ist der Klappsmühle ganz nahe.

EW: Zur Liebe fällt Ihnen gar nichts ein?
Dietmar Bittrich: Anspannung, englisch Stress, auf sonst nie gekannte Höhen getrieben. In dieser Anspannung erscheint die Botschaft von der Liebe wie etwas Absurdes und Fernes, zumal sie ja suggeriert: Wenn du das nicht spürst, dann stimmt was nicht mit dir. Aber es stimmt alles. Manche Leute kann man nur lieben, wenn sie sehr weit weg sind.

EW: Und darum hassen Sie Weihnachten?
Dietmar Bittrich: Hassen nur im Sinne von „Da krieg ich die Hasskappe!“ Wer zu Weihnachten keinen Wutausbruch kriegt und am liebsten alles zum Fenster 'rauswerfen will, der fühlt einfach nicht tief genug oder hat keine Kraft mehr. Jedem sensiblen Menschen geht der Feierzwang auf die Nerven. Stille und Frieden sind um Weihnachten herum am schwierigsten zu erfahren. Unter den städtischen Lichtergirlanden herrscht kriegerische Stimmung.

EW: In aktuellen Meldungen ist von vergifteten Weihnachtskalendern zu lesen …
Dietmar Bittrich: Oh! Tatsächlich? Dann ist also der Kalender, den ich meiner Erbtante geschenkt habe, entdeckt worden? Verdammt. Aber wenn Sie die Meldungen über Rückstände von Mineralöl in bestimmten Schokoladenkalendern meinen, weist das auf ein Dilemma unseres Ökofimmels hin: Die Kalender bekommen ein Öko-Siegel, weil sie aus Altpapier hergestellt sind. Und ausgerechnet aus diesem Altpapier sickern Mineralölreste aus der Druckerfarbe in die Schokolade. Es ist nur ein kleines Beispiel, ein weihnachtliches, wo unser Streben nach ökologischer Reinheit das genaue Gegenteil zeitigt.

EW: Was verbirgt sich hinter Ihrer schroffen Ablehnung des Weihnachtsfests?
Dietmar Bittrich: Pures Leiden. Zur Weihnachtszeit leiden alle. Dies ist das Fest, bei dem wir am deutlichsten spüren: Da stimmt was nicht. Das ist eine intuitive Kritik des Herzens. Die Kritik des Verstandes kommt danach. Sie sucht Ursachen. Etwas hilflos greift sie zu Formeln wie: Alles ist dem Kommerz unterworfen. Oder: Wenn es eine sogenannte frohe Botschaft gegeben hat, eine Verheißung von Liebe und Frieden, wo sind die eigentlich? Weihnachten wird schmerzlich offenbar, dass die Geschichte, die von den Kirchen seit 2.000 Jahren erzählt wird, nicht stimmt.

EW: Wie wurden Sie zum Weihnachtshasser, ist etwa Ihr Urgroßvater schuld?
Dietmar Bittrich: Ja, es liegt ein Weihnachtsfluch auf der Familie. Mein Urgroßvater kam vor mehr als hundert Jahren auf die verhängnisvolle Idee, einen Weih-nachtsmann-Verleihservice zu gründen. Es war der erste Service dieser Art in Deutschland und vielleicht in Europa. Mein Urgroßvater gehörte damals zu einer ärmlichen Studentenverbindung. Sechs Kommilitonen und er boten erstmals im Jahre 1905 per Annonce an, bei Familienfeiern in Verkleidung Bescherungen vorzunehmen. Sie kleideten sich nach dem Vorbild des Nikolaus im Struwwelpeter, also mit rotem Mantel und Seilgürtel und roter Bischofsmütze, alles selbstgenäht. Im ersten Jahr brachte das nur so viel ein, wie diese Kostüme gekostet hatten, aber im zweiten Jahr berichtete das Berliner Tageblatt darüber. Und von da an boomte die Agentur.

EW: Aber das ist doch eine feine Sache: Die Dittrichs machen bis heute Kohle mit Weihnachten – denn Ihre Weihnachtshasser-Bücher verkaufen sich doch wie geschnitten Brot.
Dietmar Bittrich: Hmm, so habe ich es noch nicht betrachtet. Aber Sie haben Recht. Der Unterschied ist wohl: Mein Urgroßvater verdiente Geld mit dem Wunsch der Familien nach einer stimmungsvollen Feier. Meinen Erlös gäbe es nicht ohne den Wunsch gestresster Familienmitglieder, diesem Feierzwang zu entgehen.

EW: Lassen Sie uns mal über etwas Positives reden: In der Weihnachtszeit melden sich alte Freunde nach langer Zeit wieder. Das ist doch toll, oder?
Dietmar Bittrich: Ja, es gibt einem die Möglichkeit, von zu Hause auszureißen, genau wie damals.

EW: Okay, es gibt öde Weih-nachtsfeiern im Betrieb, aber auch Punschbuden, wo man mal nett mit Nachbarn oder Kollegen plaudert …

Dietmar Bittrich: Sie meinen die Punschbuden, an deren Theke K.o.-Tropfen in den Glühwein geträufelt werden? Ja, doch, das klingt interessant.

EW: Und was ist mit Kontemplation, Müßiggang, Geschenke auspacken, lecker Alkohol trinken?
Dietmar Bittrich: Alles gut und deshalb das ganze Jahr über praktiziert. Wir schenken einander irgendwann im Jahr etwas, wenn wir etwas Schönes oder Passendes sehen. Wir ziehen uns zur Muße und Kontemplation zurück, wann immer wir das Bedürfnis haben. Weihnachten haben wir zwar das Bedürfnis, aber keine Gelegenheit. Und natürlich trinken wir Alkohol das ganze Jahr über, und garantiert besseren als am Glühweinstand. Was das Jahr über maßvoll und qualitätsvoll geschieht, soll Weihnachten geballt stattfinden. Das gehört zu den Gründen für die Zunahme weihnachtlicher Depressionen.

EW: Als Weihnachtshasser schon mal Ärger mit der Kirche bekommen, etwa einen Rüffel vom Pastor?
Dietmar Bittrich: Nein, nur Zustimmung. Mütterlicherseits stamme ich aus einer Pastorenfamilie. Ich weiß, wie sehr die Pfarrer Weihnachten unter Stress stehen und wie froh sie sind, wenn es endlich vorüber ist. Einer meiner Cousins ist Pfarrer auf dem Land und muss Heiligabend fünf Gemeinden abfertigen. Das ist wie Prostitution, nur schlechter bezahlt, weil nicht so lustvoll.

EW: Und – wie feiern Sie nun Weihnachten?

Dietmar Bittrich: Wie jeder Mann unterwerfe ich mich Weihnachten den Wünschen und Befehlen meiner Frau. Weihnachten ist vorrangig ein weibliches Fest. Die Frau knüpft hohe Erwartungen daran. Wärme, Gemeinsamkeit, Gefühl, Kuschelstimmung und engelsreine Harmonie stehen auf ihrem inneren Wunschzettel. Der Mann versucht, sich mit ironischen Bemerkungen zu wehren. Aber wenn er sich abschätzig über den Rummel äußert, sitzt er im Fettnapf. Seine Frau ist ja selbst Teil des Rummels, kauft, rafft, rennt, backt, schmückt, putzt, bastelt, bretzelt, brutzelt, ruiniert Portemonnaie, Frisur und Nerven. Es ist besser, wenn er sie unkommentiert gewähren lässt und untertänigst assistiert. So feiert er – so feiere ich – Weihnachten. Als Untertan.

Dietmar Bittrich
wurde 1958 in Triest geboren und lebt heute als Autor in Hamburg. Er ist Verfasser von Satiren, Theaterstücken und Hörspielen, bekam den Hamburger Satirepreis, schrieb mehrere Bestseller, darunter „Das Gummibärchen-Orakel“ (Goldmann Verlag, 8 Euro) und „Das Weihnachtshasser Buch“ (Rowohlt, 8,99 Euro). Druckfrisch: „Der kleine Weihnachtsbösewicht (dtv, 7,90 Euro) und „Diesmal bleiben wir bis Sylvester!“ (rororo, 9,99 Euro). VS
www.dietmar-bittrich.de
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