Kolumne: Was ist aristokratisch?

Dem Harburger Flaneur fällt einiges auf …

Vom Harburger Flaneur. Mit Snobismus, einer verächtlichen Haltung Menschen gegenüber, die weiter unten auf der sozialen Leiter stehen, mit dem Gefühl, man sei etwas Besseres, hat das wahre Aristokratentum nichts zu tun. Das sind Verfallserscheinungen, vielleicht sogar Perversionen eines großen Menschheitsideales.
Besser als viele Wörter sind hoffentlich Beispiele und Zitate.
Als Picasso sein bekanntes Diktum aussprach: „Ich suche nicht, ich finde“ zeigte er dadurch die Noblesse seiner Seele.
Shakespeare ist bei weitem nicht immer Aristokrat. Er kann auch unglaublich vulgär und gossenmäßig sein. Aber immer wieder kommt das Vornehme und Edle bei ihm durch. Statt einem bekannten Zitat nehmen wir die Wörter Ulysses aus „Troilus und Cressida“. Der Anfang seiner überwältigenden Rede lautet „Time hath, my lord, a wallet at his back,
Wherein he puts alms for oblivion.“ (Mein Herr, die Zeit hat auf ihrem Rücken einen Sack, in den sie Almosen für die Vernichtung steckt)
Das zeugt von einer dichterischen Souveränität, dass einem der Atem stockt. „Alms for oblivion“ (Almosen für die Vernichtung), ja, für die Zeit ist alles,was wir tun, nichts mehr als zu vernichtenden Almosen, Almosen, die bei keinem Bedürftigen ankommen, Almosen, die im Abfalleimer der Zeit landen.
Der große englische Dichter Gerard Manley Hopkins, seines Zeichens Jesuit, hat seinem Freund, dem Dichter Robert Bridges, seine Gedanken zu unserem Thema niedergeschrieben in einem Brief vom 3.2.1883, sechs Jahre vor seinem allzu frühem Tod. Er spricht vom „Gentleman“, meint aber das Gleiche wie wir:
„Die Qualität eines Gentlemans ist eine solch feine Sache, dass, so scheint es mir, wir uns nicht übereifern sollten und meinen, wir hätten sie.“ Das ist natürlich selber ein echt aristokratischer Satz!
Der Flaneur meint, es gäbe eine Musik, die durchweg auch echt aristokratisch klingt. Es sind die Marienvespern von Claudio Monteverdi. Die Musikwissenschaft sagt uns, Monteverdi wollte mit den
„Vespern“ seine absolute Meisterschaft in der europäischen Musikszene demonstrieren. Niemand, der ein mitfühlendes Herz hat, kann sich dem Zauber dieser Musik entziehen. Denn Meisterschaft und Aristokratentum haben viel miteinander zu tun. Dass der Meister Picasso sich so äußern konnte, hat mit seiner Meisterschaft zu tun.
Über den edlen Ritter in „The Canterbury Tales“ sagt uns der Verfasser, Geoffrey Chaucer, „He was a very perfect gentle knight“ (Er war ein überaus vollkommener, feinfühlender Ritter).
Da haben wirs.
Denn Aristokratisch-Sein ist eine Sache des Gefühls, des Herzens. Niemand kann durch gute Vorsätze oder edle Vorstellungen aristokratisch werden. Er braucht das richtige Gefühl, das feinfühlende Herz.
Also das Herzenswissen, dass ich selber unwichtig bin, dass die Empfindungen anderer Menschen wichtiger sind als meine eigenen, und eine Abscheu davor, mich ins Rampenlicht zu stellen (Dieter Bohlen und Stefan Raab wären vielleicht die vollkommensten Nicht-Aristokraten.).
Wir schließen mit einem patriotischen Wort Hopkins. „Hätten die Engländer nichts anders gemacht, als der Welt die Vorstellung ,Gentleman’ zu hinterlassen, sie hätten ihr einen großen Dienst erwiesen.“
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.