Koffer aus aller Welt

150 Besucher bei der Kofferversteigerung im Seemannsheim: „Soviel Andrang hatten wir noch nie“, sagt Heimleiterin Inka Peschke. Fotos: cvs
 
Pappbecher, ein Wasserkocher und ein Kalender von 1991: Nichts Besonderes, aber diese Käuferin schien sich trotzdem über den Inhalt der Tasche zu freuen.

Seemannsheim am Michel versteigerte Hinterlassenschaften von ehemaligen Bewohnern.

Von Christopher von Savigny.
Die schwarzweißrot karierte Tasche macht auf den ersten Blick einen etwas schäbigen Eindruck. Aber prall gefüllt ist sie. Womit? Das fragen sich in diesem Moment rund 150 Besucher, die sich im Erdgeschoss des Seemannsheims am Krayenkamp versammelt haben. Knapp 20 Koffer, Beutel und Taschen will die Einrichtung an der Micheliskirche heute unters Volk bringen. Koffer, die von ehemaligen Bewohnern vergessen wurden. Jeder von ihnen hat eine Geschichte zu erzählen. Andenken aus fernen Ländern könnten sich darin befinden. Schrumpfköpfe aus dem Urwald, eine Schatzkarte, Briefe – wer weiß? Die Fantasie schlägt zuweilen Purzelbäume.
Es ist heiß und stickig im Aufenthaltsraum des Seemannsheims. Mehrere Zeitungen haben die Versteigerung groß angekündigt – noch im benachbarten Frühstücksraum, der extra für diesen Zweck geöffnet werden musste, drängeln sich Interessenten. Mindestens drei Fernsehsender sowie mehrere Zeitungs- und Radioleute sind vor Ort, um zu berichten. „Der Andrang hat uns überrascht“, sagt Heimleiterin Inka Peschke.
Das Mindeststartgebot beträgt fünf Euro. In kurzen Abständen schnellen Hände in die Höhe: Zehn Euro, 15 Euro, 20 Euro. Für 55 Euro geht die karierte Tasche weg. Als Bieterin Maren Weidemann das gute Stück entgegennimmt, wird sie von Reportern und Kameras eingekreist. „Bitte aufmachen!“, fordert die Meute. Doch daraus wird erstmal nichts. Weidemann, Reporterin bei einem lokalen Radiosender, will die Tasche unter ihren Hörern verlosen. „Der Inhalt bleibt geheim“, sagt sie.
3.862 Matrosen aus aller Welt übernachteten vergangenes Jahr im Seemannsheim, die durchschnittliche Verweildauer betrug sechs Tage. Ursprünglich eine Herberge für Seeleute auf der Durchreise, hat sich die Einrichtung, gegründet 1891 als „Hülfskomitee“ für die deutsche Seemannsmission, im Laufe der Zeit zu einer Art Sozialstation gewandelt: Die Mitarbeiter helfen bei Behördengängen, unterstützen bei der Suche nach Arbeit, betreuen Kranke und leisten Seelsorge. „Das beginnt beim Ausfüllen eines Antrags auf Arbeitslosenhilfe oder Rente und endet bei der Einweisung ins Krankenhaus oder in eine Einrichtung für Betreutes Wohnen“, sagt Peschke. 13 Euro werden pro Übernachtung fällig, Touristen zahlen ab 40 Euro, Frühstück inklusive. Manche der Bewohner sind bereits Rentner und leben seit Jahren am Krayenkamp. „Sie haben keinen anderen Ort, wo sie leben können“, berichtet Peschke.
Währenddessen steigen die Gebote: 60 Euro, 70 Euro – schließlich sind es 100 Euro. Unter großer Anteilnahme öffnet der Käufer seinen gerade erworbenen, roten Hartschalenkoffer. Ein handelsüblicher Schraubenzieher leistet dabei gute Dienste. Im Kofferinneren finden sich ein Packen frisch gewaschener Sweatshirts, etliche Musikkassetten mit afrikanischer Musik, mehrere Ordner mit sorgfältig abgehefteten Lohnabrechnungen und ein abgelaufener, ghanaischer Pass. Es sind wahrlich keine Schätze, die der Koffer offenbart – aber sie haben eine Geschichte zu erzählen. Wer Inspiration für einen neuen Roman sucht, findet sie im Seemannsheim.
Nach einer knappen Stunde ist der Spuk vorbei: Gut 1.000 Euro sind in der Tageskasse – Geld, das für die Betreuung der Seeleute verwendet werden soll. „Spannende Veranstaltung“, resümiert Besucher Alfred Fischer, der nichts gekauft, sondern lediglich die Stimmung genossen hat. „Soviel Geld für einen alten Koffer wollte ich dann doch nicht ausgeben.“ Zuletzt vor vier Jahren hatte die Mission liegengebliebene Koffer versteigert. Der Inhalt damals: eine Tätowiermaschine, ein Bündel Lottoscheine – und ein Haufen Geschirr, das aus eigenen Beständen stammte. „Das hatten wir die ganze Zeit gesucht!“, berichtet der stellvertretende Heimleiter Felix Tolle amüsiert.
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