Keiner is(s)t allein

Der frischgebackene Vater Ulfert Sterz muss seine Familie kurz alleine lassen, um bei der Essensausgabe zu helfen. Fotos: sd
 
Für einen leckeren Nachtisch ist immer noch Platz: Der zweijährige Jordan Kruse-Obileken unterbricht für eine Portion Fruchtquark kurz sein Ballspiel.

Jeden Dienstag lädt Pastor Ulfert Sterz zum Veddeler Abendbrot.

Von Sabine Deh.
Der Pastor packt heute fast alleine an. John Antwi, Mitglied im Kirchenvorstand und verlässlicher Helfer, ist nach Nigeria gereist, wo seine Mutter beerdigt wird. Auch die treue Seele Helmut Stein kann heute nicht kommen. Der Rentner, ansonsten immer zur Stelle, wenn man ihn braucht, ist krank geworden und muss das Bett hüten. Immerhin: Günter Weißenbach, Zollbeamter aus Rothenburgsort, ist gekommen, um Pastor Ulfert Sterz bei den Vorbereitungen für das Veddeler Abendbrot zu helfen, das jeden Dienstag im Gemeindehaus der Immanuel-Kirche auf der Veddel angeboten wird.
„Die meisten von uns jammern auf hohem Niveau, das wird mir immer klarer seitdem ich hier helfe“, sagt Weißenbach. Ihm selbst gehe es gut, daher hält es der 48-Jährige für seine Pflicht, bedürftigen Menschen etwas Nächstenliebe zu spenden. Freundlich verteilt er Spaghetti Bolognese an die Wartenden und weist darauf hin, dass es Mandarinenquark zum Nachtisch gibt.
Das Essen wird in Wärmebehältern von der Kantine der benachbarten Schule Slomannstieg angeliefert. Einmal im Monat spendet das Hotel Holiday Inn an den Elbbrücken die Speisen. An diesen Tagen herrscht immer besonders großer Andrang, weil die Auswahl der Gerichte und die Portionen dann besonders groß sind.
Von der nahe gelegenen Norderelbe weht an diesem Abend ein kalter Wind. Auf der benachbarten Ferntrasse donnert ein Zug über die Gleise und übertönt beinahe das Glockengeläut der Immanuelkirche, das um 18 Uhr zum Abendbrot ruft.
Ein schlichtes Adventsgesteck auf dem Tisch und Schneebilder an den Fenstern sorgen zwischen Weihnachten und Neujahr für etwas festliche Atmosphäre in dem ansonsten tristen Gemeindesaal.
Zum Veddeler Abendbrot kommen Bedürftige, Obdachlose, alleinstehende Senioren und Männer, aber auch Familien und Gemeindemitglieder. Erwachsene zahlen für eine warme Mahlzeit 50 Cent. Kinder können sich für 20 Cent satt essen. Gegen Ende des Monats reicht das Geld bei einigen Besuchern oft nicht einmal für diesen Betrag. „Jeder steckt halt so viele Münzen, wie er aufbringen kann, in die Spendendose“, sagt Pastor Sterz, dessen Lebensgefährtin am dritten Advent Baby Anna Elisabeth zur Welt gebracht hat. Der 44-Jährige wird jetzt auch von seiner Familie dringend gebraucht.
Sabrina Borg und ihre Freundin Claudia Kruse-Obileken (32) sind Mitglied der Kirchengemeinde und kommen mit ihren Kindern oft und gern zum Veddeler Abendbrot. „Das Essen ist gut, und außerdem muss ich an diesen Tagen nicht kochen“, freut sich Sabrina Borg. Die beiden Frauen leben gerne auf der Veddel. „Hier kennt jeder jeden. Das Leben hier ist wie in einem kleinen Dorf“, erzählen sie. Den Silvesterabend wollen ihre Familien zusammen feiern. Mit Fondue, Sekt, Saft und jede Menge Wunderkerzen für die Kinder.
Bernhard Carrie hat auf der Veddel einen kleinen PC-Laden. „Die Geschäfte laufen schlecht“, klagt der 37-Jährige. In seinem Portemonnaie herrsche darum eigentlich ständig Ebbe. Wenn der alleinstehenden Mann einen Neujahrswunsch frei hätte, würde er sich wünschen, dass in seinem Geschäft endlich wieder mehr los ist.
„Ich werde Silvester alleine in meiner kleinen Wohnung auf der Veddel verbringen“, erzählt Steffen Mitte seinem Tischnachbarn. Der 46-jährige Hartz IV-Empfänger ist aufgrund verschiedener Krankheiten arbeitsunfähig. Er hofft, seine Krankheiten im Neuen Jahr in den Griff zu bekommt und darauf, dass er bald genügend Geld für eine Bahnfahrkarte zu seiner Familie in Rostock zusammengespart hat.
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