„Kann ich das tragen?“

Lilia Tirado-Rosales ist begeistert über die vielen schicken Kleidungsstücke, die sie beim Kleidertauschabend gefunden hat. Fotos: sl
 
Wühlen, Sekt trinken, ein Büfett genießen und plaudern: Beim ersten Kleidertauschabend in Harburg herrschte Partystimmung.

Kleidung tauschen statt kaufen: Wie elf Harburgerinnen im Frauenkulturhaus mit ihrer Klamottenparty einen neuen Trend setzen.

Von Sabine Langner. Alles, was auf der Stange hängt, ist umsonst. Jedes Kleidungsstück kann von einer neuen Besitzerin mit nach Hause getragen werden. Blusen, Kleider, Hosen, Röcke, Pullover, Jacken, Westen und Tops. Schon nach einer halben Stunde sieht es aus wie im Schlafzimmer einer Frau kurz vor dem ersten Date: Auf allen Stühlen und Tischen liegen Kleidungsstücke und mitten drin elf Frauen, die vor Begeisterung mit den Händen klatschen.
Die Künstlerin Mesaoo Wrede und Lilia Tirado-Rosales haben den ersten Kleidertausch für Frauen in Harburg ins Leben gerufen. Geladen haben die beiden ins Frauenkulturhaus in der Neuen Straße. „Ich kenne solche Veranstaltungen aus Berlin und aus dem Ruhrpott, wo regelmäßig 40 Frauen kommen“, so Wrede.
Teilen und Tauschen, dieses uralte menschliche Verhalten, liegt seit einiger Zeit wieder voll im Trend. Die Konsumgesellschaft hat sich verändert: Nutzen wird in Zukunft wichtiger als Besitzen, das hat der US-Soziologe Jeremy Rifkinbereits 2001 vorausgesagt. Konsumieren und Wegwerfen ist zum Auslaufmodell geworden. Jedes Jahr schmeißen die Deutschen zwar immer noch mehr als 600.000 Tonnen Kleidung weg, tauschen sich aber gleichzeitig immer häufiger in sozialen Netzwerken im Internet aus. Was liegt näher, als den Spaß am Tauschen mit dem Wunsch nach Nachhaltigkeit zu verbinden? „Das Thema ,gemeinschaftlicher Konsum’ ist genau in der Zeit mitgewachsen, wo es mehr Internetlösungen gibt, mehr Möglichkeiten zu wissen, was der andere hat und gleichzeitig aber auch eine Bereitschaft mitzuteilen, was ich habe", sagte Michael Kuhndt vom Zentrum für nachhaltigen Konsum in Wuppertal in einer Fernsehhreportage über „Tauschen oder Kaufen?“
Nun ist der Trend südlich der Elbe angekommen: Mesaoo Wrede dachte sich, dass Tausch-Partys „doch eigentlich auch in Harburg funktionieren müssten.“ Tut es tatsächlich. Aus der Zeitung haben die meisten Frauen von dieser Veranstaltung erfahren. Jede hat eine Tasche oder einen Korb mit Kleidung dabei. Einzige Bedingung: Die Sachen müssen heil und gewaschen sein.
„Ich habe ein Kleid mitgebracht, das ich noch nie getragen habe“, erzählt Waltraud Milevczik. „Das Preisschild hängt noch drin“. Sie sei zwar Hobbyschneiderin, aber irgendwie sei das Kleid ein Fehlkauf gewesen. Ohne Bedauern hängt die Harburgerin das Kleid an die Stange und beginnt zu stöbern. Sie entdeckt einen Rock und geht in die improvisierte Umkleidekabine, um ihn anzuprobieren. Als sie im Rock herauskommt, versammeln sich alle anwesenden Frauen um sie herum und geben Kommentare ab: „Ja, sehr sexy, aber kann man damit auch sitzen?“ Nein, kann man nicht, und das Atmen fällt auch schwer. Nach einem letzten Blick in den Spiegel verabschiedet sich Waltraud Milevczik von dem Rock, um zwei Minuten später eine elegante Jacke zu entdecken. Hier sind sich alle einig, dass diese Jacke nur auf Waltraud Milevczik gewartet hat.
Unterdessen zeigt Lilia Tirado-Rosales ihre Beute. Ein Kleid, zwei Blusen und eine Jacke hat sie gefunden und strahlt vor Begeisterung. Während sich die anderen Harburgerinnen jetzt erst mal mit einem Glas Sekt stärken, muss sie ihre Schätze vorführen. „Ja!“, „Nein!“, „Toll!“ oder „Geht gar nicht!“ schwirrt es durch den Raum. „Ich bin ganz überrascht, wie freundlich all diese Frauen hier miteinander umgehen“, sagt eine Lehrerin aus Harburg, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Wenn man Klamotten einkauft, hört man von den Verkäuferinnen niemals so ehrliche und freundliche Kommentare.“
Ein bisschen erschöpft vom vielen Anprobieren sinken die ersten Frauen auf die Stühle im Raum. Einige haben Kuchen, Antipasti, Salate, Käse und Obst mitgebracht, so dass neben der großen Auswahl an Kleidung auch noch ein kleines Büfett entstanden ist.
Dass ein regelmäßiger Kleidertausch in Harburg funktionieren wird, davon sind nicht nur die beiden Organisatorinnen überzeugt. „Das ist doch eine großartige Idee“, sagt eine Neugrabenerin. „Wir haben doch alle Kleidung im Schrank hängen, die zwar noch gut ist, in die wir aber entweder nicht mehr hineinpassen oder die wir nicht mehr sehen können. Natürlich kann man diese Dinge auch im Altkleidercontainer versenken, aber zu sehen, wer sich darüber freut und dann gleichzeitig vielleicht auch noch selber etwas Tolles zu finden, ist großartig.“ Sie selber hat fünf Teile mitgebracht, will aber nicht unbedingt fünf Teile auch wieder mit nach Hause nehmen. „Ich habe ein bildschönes T-Shirt und eine tolle Jacke gefunden. Das reicht mir völlig“, sagt sie. „Am allerbesten finde ich, dass sich hier Frauen jeden Alters und mit völlig unterschiedlichen Figuren treffen.“
Die bei diesem Abend übrig gebliebenen Kleidungsstücke wollen Mesaoo Wrede und Lilia Tirado-Rosales erst mal im Keller verstauen und beim nächsten Mal wieder aufhängen. Wann das genau sein wird, wissen sie noch nicht „aber alle drei Monate könnte man das schon wiederholen“, sagt Lilia Tirado-Rosales, die ehrenamtlich im Frauenkulturhaus arbeitet. „Beim nächsten Mal brauchen wir aber mehr Bügel.“
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