Johannisbeersaft statt Früchtetee

Über den St. Pauli Landungsbrücken entstand Hamburgs bekannteste Jugendherberge: Ein Orchester spielt bei der Einweihung des Gebäudes „Auf dem Stintfang“ im Jahr 1953. Foto: Landesverband Nordmark
 
Klassenreise-Romantik: Blick in einen Jungenschlafsaal aus vergangenen Zeiten. Foto: Landesverband Nordmark

100 Jahre Jugendherbergsverband Nordmark – eine Zeitreise.

Von Christopher von Savigny.Hagebuttentee in großen Blechkannen, gerne auch mal lauwarm. Und dazu eine Scheibe gewöhnliches Graubrot, dünn belegt mit Käse und einem Zweiglein Petersilie. Herrlich romantisch diese Erinnerung an einen Jugendherbergsaufenthalt von vor vielleicht 30 Jahren! Heute würden sich viele mit Schaudern abwenden. Doch die Zeiten haben sich geändert: Ohne ausgefeilten Speisenplan mit Vollwertkost und vegetarischem Angebot geht heutzutage nichts mehr.
Aber die Grundidee ist nach wie vor dieselbe: Jugendlichen (und inzwischen auch Erwachsenen) eine schlichte, bezahlbare Unterkunft zu bieten.
In diesem Jahr ist der Landesverband Nordmark des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) 100 Jahre alt geworden. Anlass, der Forschungsstelle für Zeitgeschichte am Schlump sein gesamtes historisches Material an Zeitschriften, Briefen, Geschäftsberichten, Gästebüchern und Fotos zu übergeben. „Ein dreiviertel Jahr haben wir nur sortiert und archiviert“, sagt der Historiker Josef Schmid.
Einige Schätze finden sich darunter, die über das Herbergsleben von früher Auskunft geben. Etwa Hausordnungen, die haargenau festlegen, wieviel Blatt Klopapier dem Herbergsvater und wieviel dem Gast zugestanden werden. „Man lacht sich krank, wenn man das liest“, sagt Schmid. Oder der Brief eines Altonaer DJH-Geschäftsstellenleiters von 1926, der einem Hamburger Lehrer die Vorzüge einer Klassenreise unterbreitet: „Eine Harzfahrt im Oktober gehört mit zu den schönsten Erlebnissen, die man auf einer Wanderung haben kann“, schreibt er. Preise spielen bei ihm eine ganz wesentliche Rolle: 20 bis 30 Pfennig kostet die Übernachtung pro Nase, für 60 bis 70 Pfennig ist „zusammengekochtes Essen“ zu haben - was auch immer das gewesen sein mag. Eine Fundgrube sind auch die Gästebücher, zum Beispiel das der Kieler Jugendherberge „Bellevue“ von 1953. Dort findet sich folgender Stoßseufzer eines ermatteten Luruper Wandersmanns: „Ich konnte mich endlich wieder ausruhen!“ Und ein Tramper aus Celle hinterließ ein wunderhübsches Wasserfarbenbild des Gästehauses an der Förde mit Dank „für die gute Aufnahme“.

Ein Lehrer hatte die Idee, Jugendherbergen zu bauen


Geboren wurde die Jugendherbergsidee bereits im Jahr 1909, als der Lehrer Richard Schirrmann der Legende nach bei einem Gewitter mit seinen Schülern Unterschlupf suchte. Obdach fand die Gruppe schließlich in einer leerstehenden Schule, ein Bauer lieh den Wandersleuten das Stroh als Unterlage. Dieses Erlebnis ließ in Schirrmann den Gedanken keimen, dass solche und ähnliche Unterkünfte jedermann zur Verfügung gestellt werden sollten. Im sauerländischen Altena gründete Schirrmann schließlich die heute noch existente, älteste Jugendherberge der Welt.

Im vergangenen Jahr kam rund eine Million Gäste


Auch im Hamburg entwi-ckelte sich mit dem Aufkommen der Wandervogel-Bewegung ein Bedarf nach einfachen und günstigen Unterkünften. In den 20er Jahren verfügte die Hansestadt über vier solcher – durchweg primitiv ausgestatter – Gästehäuser. Insgesamt 350 Betten (inklusive Notliegen im Gang) gab es – viel zu wenig für die wanderlustige Jugend, die aus ganz Europa anreiste.
Abhilfe schien zunächst die „Hein Godenwind“ zu schaffen, ein stattlicher Dreimaster von 87 Metern Länge, der von Blohm+Voss zur Herberge umgebaut worden war und nun im Hafen vor Anker lag.
Doch nachdem auch hier die Gästezahlen alle Rekorde gebrochen hatten („Herbergskapitän Andresen hat seine liebe Not, diese Zugvögel zu übernachten und zu verpflegen“, schrieben die „Hamburger Nachrichten“ am 22. Juli 1934), war guter Rat teuer. Erst mit dem Bau der beiden Großjugendherbergen Stintfang (1953) und Horner Rennbahn (1964) entspannte sich die Lage.
Im Jahresbericht für 2013 verzeichnet der Verband Nordmark gut eine Million Gäste pro Jahr: eine Zahl, die sich seit 30 Jahren kaum geändert hat. Gestiegen sind allerdings die Preise: Übernachtungen in Hamburg kosten ab 20 Euro am Stintfang, und 24,30 Euro in Horn. Geboten wird dafür mehr Komfort, ein ausgefeiltes Freizeit- und Bildungsprogramm - und statt Früchtetee gibts nun Johannisbeersaft. Die Jugendherberge - eine Erfolgsgeschichte.
Historiker Josef Schmid: „Hätte sich der Verband nicht immer wieder angepasst und an den gesellschaftlichen Bedürfnissen orientiert, wäre es wohl nicht zu dieser Entwicklung gekommen.“
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