It’s only Rock’n’Roll

Bei der Probe: Ulrike Steffen und David Chotjewitz. Foto: Reinhard Schwarz
 
Drei Sängerinnen haben Spaß Foto: Reinhard Schwarz

Hamburg hat einen neuen Chor: Was der Altona Choir of Rock’n’Roll History auf seinem Weg zur Altonale erlebt

Von Folke Havekost. Wer Rock’n’Roll singt, kann nicht in Reih und Glied stehen und mit den Händen auf dem Rücken Klassiker aus der Populärmusik darbieten. „Bewegung ist wichtig“, betont David Chotjewitz und schlägt der Gruppe verschiedene Vortragsmöglichkeiten für „Barbara Ann“ von den Beach Boys vor. Die Gruppe, das sind gut zwei Dutzend Sängerinnen und Sänger, die den „Altona Choir of Rock’n’Roll History“ bilden. Chotjewitz hat ihn Ende 2015 ins Leben gerufen und leitet die Proben gemeinsam mit der Gesangslehrerin Ulrike Steffen.
„Hier läuft alles ganz lebendig“, sagt Martin, einer der elf Männer im Chor: „Die beiden Leiter machen ganz verschiedene Sachen.“ Als erste Grundübung bilden die Teilnehmer einen Kreis, um ihr Gefühl von Nähe und Distanz zu trainieren. Dann stellt Steffen Lockerungsübungen für Mund und Kiefer vor. Ein langes Aaaah, verschiedene Sch-Laute. „Hier dürft ihr auch gähnen“, muntert Steffen die Sänger auf. Chotjewitz mahnt später auf heitere Weise: „Viele schließen beim Singen die Augen, das ist auch gut so ... nur diesmal ist es das nicht!“
Die Sänger treffen sich alle zwei Wochen im Soal-Bildungsforum in der Großen Bergstraße. Weil die Hamburger Kulturbehörde das Projekt fördert, ist die Mitgliedschaft im Chor umsonst. An der Tür steht allerdings eine kleine Spendenbüchse, um für die Raummiete zu sammeln. Bei unserem Besuch befindet sich ein Flipchart mitten im Raum und Kärtchen künden von einem Seminar am nächsten Tag. Also wird erstmal angepackt und umgebaut, damit der Tagungsplatz zum Resonanzraum werden kann. Rock’n’Roll is a hard life.

„Die Gefahr in Klischees zu verfallen ist groß“

„Popmusik und Popkultur an sich sind theatralisch“, sagt der Schriftsteller und Regisseur Chotjewitz, der den Gesang mit den Mitteln des Performance-The-aters mischen möchte: „Man denke nur an die zertrümmerten Gitarren von Jimi Hendrix“. Das eingeübte Repertoire liegt zum Teil noch vor der Hendrix-Zeit: Chuck Berrys „Roll Over Beethoven“ oder „Hound Dog“ von Big Mama Thornton, bekannter in der Fassung, mit der Elvis Presley (anrüchiger Hüftschwung inklusive) seinen Durchbruch feierte.
Bekanntes Liedgut, mit dem das Publikum dennoch überrascht werden soll. „Beim Rock'n'Roll ist die Gefahr groß, Klischees zu wiederholen, und es gibt nichts langweiligeres, als in den Kanon der 25 wichtigsten Rocksongs zu verfallen“, sagt Chotjewitz: „Deshalb soll es bei uns nicht nur um eine bestimmte Liste von Songs gehen, sondern auch um die Frage, wie sie bearbeitet werden.“
Beim eingangs erwähnten „Barbara Ann“ treten deshalb zum Beispiel die Leadsänger vor den Chor, um dem alten Lied neue Akzente zu verleihen. „Jetzt sind wir mutig, jetzt stehen wir vorne!“, ruft Chotjewitz bei der Probe. Ein Dialog entspinnt sich: „Das ist hart“, kommentiert ein Sänger. „Nein, das ist Rock“, entgegnet Chotjewitz. „Hart-Rock!“, kontert der Sänger.
„Ich war lange in einem Soulchor“, erzählt Christine, eine der 15 Sängerinnen auf der Probe: „Als ich wieder Lust hatte, hat eine Kollegin mir diesen Chor empfohlen und ich dachte mir: Warum nicht mal Rock’n’Roll?“
Der Pianist Georg Sheljasov tritt an diesem Abend selbst auf, deshalb sitzt Chotjewitz diesmal auf dem Klavierstuhl. Bevor er in die Tasten haut, erst noch eine Artikulationsübung: Blablablablabla ... schnell wird klar, welche kleinteilige Arbeit hinter dem bisweilen als deutsche Lieblingsbeschäftigung verspotteten Singen in der Gruppe steckt. Der Chor wird zum Einsingen nach Tonlagen aufgeteilt und sammelt sich in einem Halbkreis vor dem Klavier: „I love Rock’n’Roll“ von Joan Jett. Für eine motivierende Tanzeinlage erhält Vocal Coach Steffen Szenenapplaus.

Chor-Gründer Chotjewitz macht Performance-Kunst

Am 6. März tritt der Chor im Winterhuder Goldbekhaus erstmals auf, im Sommer steht die theater altonale auf dem Programm. Dort ist Chotjewitz längst ein bekanntes Gesicht. Im Jahr 2000 gründete der 51-Jährige den Verein theater: playstation, mit dem seitdem viele Performances im öffentlichen Raum umgesetzt wurden, unter anderem das altonale-Projekt „Altona macht auf“.

„Rock rockt richtig, Schlager würde mich erschlagen“


„David kenne ich vom Balkontheater auf der altonale, und ich habe sowieso einen Chor gesucht“, erzählt Sängerin Julia: „Ich bin aus Spaß an der Freude dabei.“ Ihre Kollegin Eileen, die bereits über Chorerfahrung verfügt, ergänzt programmatisch: „Rock rockt richtig, Schlager würde mich erschlagen.“
Der letzte Teil der Probe widmet sich einem Pionier: Little Richard. „Die Interviews mit ihm gehören zum lustigsten, was es auf YouTube gibt“, preist Chotjewitz den „King of Rock’n’Roll“. Es ist nicht „Tutti Frutti“, sondern eines seiner weniger bekannten Songs, „Send me some lovin’“. Eine Hälfte des Chors singt den Refrain, der vom Leid einer Fernbeziehung kündet, die andere Hälfte vollendet mit „Badubadabadu“ den Wechselgesang.
Zum Schluss fordert Chotjewitz die Teilnehmer auf, sich zu bewegen, als würden sie während des Singens telefonieren oder eine SMS schreiben. Eine Übung zur persönlichen Annäherung ans Liebeslied. Sänger Martin zieht danach ein Fazit: „Der Weg zur Musikhalle ist lang und dornig, den werde ich nicht mehr erleben. Aber ich habe eine Menge Spaß!“


Altona Choir Of Rock'n'Roll History

Infos per E-Mail unter
theaterplaystation@yahoo.de oder
unter Tel. 39 80 47 75.
www.theaterplaystation.de
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