„Informieren reicht nicht!“

Auf dem Dach der Verbraucherzentrale in St. Georg: Michael Knobloch. Foto: Stahlpress Medienbüro

Portät: Michael Knobloch ist neuer Chef der Hamburger Verbraucherzentrale

Von Volker Stahl. Der kräftige Händedruck zur Begrüßung will nicht so recht zu den feinen Gesichtszügen passen, die auf Sensibilität und intellektuelle Wachheit schließen lassen. Doch ein gewisses Durchsetzungsvermögen wird der neue Chef der Hamburger Verbraucherzentrale brauchen, um den Verein mit rund 120 Mitarbeitern in den Griff zu bekommen.
Einige Wochen musste sich Michael Knobloch mit dem Katzentisch im Büro von Günter Hörmann begnügen, der die Geschicke der 1957 gegründeten Hamburger Verbraucherzentrale – der ersten in Deutschland (siehe Kasten rechts) – ab 1992 geleitet hat. Bis zu seiner Verabschiedung in den Ruhestand am 1. März hat der 65-jährige Hörmann seinen 21 Jahre jüngeren Nachfolger in das weite Themenfeld eingearbeitet. Dann folgte ein Jurist einem Juristen.

„Ich mache gerne verschiedene Sachen“

Knobloch weiß, dass er eine ebenso spannende wie verantwortungsvolle Tätigkeit übernommen hat, die anfangs verspürte Unübersichtlichkeit der neuen Aufgabe schreckt ihn nicht ab. „Ich mache gerne verschiedene Sachen“, verkündet der gebürtige Mecklenburger selbstbewusst. Mit seinem bisherigen Arbeitsschwerpunkt „Finanzdienstleistungen“ passt er perfekt in das aktuelle Anforderungsprofil seines neuen Jobs.
Denn mit den Zeiten haben sich auch die Aufgaben der Verbraucherzentrale geändert. Anfangs beriet sie Hausfrauen bei der Bedienung von neuen Waschmaschinen und anderen technischen Geräten, in den 1970er-Jahren klärte sie über Kleingedrucktes in Verträgen auf, in den 1980er-Jahren beschäftigten sich die Berater schwerpunktmäßig mit Umweltfragen: Darf man diesen Salat essen? Wo gibt es Farben ohne Gift? „Heute ist vor allem der Rat von Juristen und Ingenieuren gefragt“, sagt der scheidende Hörmann. Künftig würden die Verbraucherzentralen als Finanzmarktwächter gefragt sein. Wohl auch deshalb hieß es: Knobloch, übernehmen Sie!
Der 44-Jährige arbeitete seit 2013 als Geschäftsführer des Instituts für Finanzdienstleistungen mit Sitz am Rödingsmarkt. Die Einrichtung fungiert als Beraterin und Interessenvertretung von Verbrauchern, Anlegern und dem Gemeinwohl verpflichteter Unternehmen. „Als Anwalt liegt mir besonders der kollektive Rechtsschutz am Herzen“, sagt Knobloch.
Er begrüßt, dass es seit März den neu eingerichteten „Finanzmarktwächter“ gibt, eine neu geschaffene Institution, die die Informationen der 16 Landesverbraucherstellen mit ihren 200 Beratungsstellen in Deutschland bündelt. „Hamburg ist die Schwerpunkt-Verbraucherzentrale im Bereich der Versicherungen. Es gibt viele Probleme: intransparente Lebensversicherungen, Berufsunfähigkeitsversicherungen oder Restschuldversicherungen mit weit reichenden Leistungsausschlüssen.“
Michael Knobloch ist der Sohn eines Fotografen, der 1984 aus Waren an der Müritz nach Hamburg „rübermachte“. Nach dem Abitur am Gymnasium Tonndorf studierte er an der Universität Hamburg zunächst Medizin bis zum Physikum, dann Jura, „weil man da beruflich nicht so festgelegt ist“. Sein Zweitstudium finanzierte er mit einer Tätigkeit als Honorarkraft bei der Verbraucherzentrale, für die er später auch als niedergelassener Anwalt „nebenher“ arbeitete.

Arme zahlen drauf – das will Knobloch ändern

Zuletzt hat Knobloch sich viel mit der Überschuldung privater Haushalte beschäftigt – vor allem wegen des „sozialen Aspekts“: „Wir können alle einmal in Situationen kommen, in denen wir als Verbraucher verletzlich sind. Dann helfen Informationen allein nicht weiter, sondern es braucht klare gesetzliche Grenzen.“ Und zwar deshalb, damit es nicht so kommt, wie der US-amerikanische Soziologe David Caplovitz bereits in den 1970er-Jahren warnte: „The poor pay more“ – Arme zahlen drauf. „Dauerbrenner“ sind laut Knobloch „Scheidungen, Krankheit oder Arbeitslosigkeit“.
Der Jurist ist kein Anhänger des „rein informationellen Verbraucherschutzes“, dessen Motto lautet: „Gut informierte Verbraucher werden schon immer die beste Entscheidung für sich treffen.“
In den kommenden Monaten wird sich Knobloch mit ihm noch weitgehend unbekannten Themen wie Energie, Ernährung, Telekommunikation und Patientenschutz näher vertraut machen. Mittelfristig sei die finanzielle Sicherung der Verbraucherzentrale eine große Herausforderung: „Das wirtschaftliche Gerüst darf nicht hauptsächlich auf Eigeneinnahmen und erfolgreicher Projektakquise beruhen, denn solche Komponenten sind immer auch vom Zufall abhängig.“
Wichtig sei zudem, neue Beratungsformen zu erfinden, die den veränderten Gewohnheiten der Verbraucher Rechnung tragen.
Viel zu tun also. In der jetzt raren Freizeit entspannt sich der Vater eines 20-jährigen Sohns beim Fahrradfahren und Schwimmen sowie mit klassischer Musik. Im Urlaub ist er gern in Frankreich unterwegs. Zusammen mit seiner Freundin lebt er einer Mietwohnung in den Grindelhochhäusern, wo das Paar zurzeit einen Flüchtling aus Syrien beherbergt.

Verbraucherzentrale Hamburg

1957 machte sich die SPD-Politikerin Elsbeth Weichmann für die Gründung der ersten Verbraucherzentrale in Deutschland stark. Mit elf weiteren Frauen gründete sie den „Arbeitskreis für Verbraucherfragen“ im Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof, der sich ein Jahr später in Verbraucherzentrale umbenannte.
Die Idee hatte sie aus den USA, wo sie mit ihrem Ehemann Herbert Weichmann (SPD-Bürgermeister von 1965 bis 1971) im Exil gelebt hatten, mit ins Nachkriegsdeutschland gebracht.
Bald folgten weitere Verbraucherschutzzentralen in anderen Bundesländern. Aber es dauerte bis 2001, dass die Bundesrepublik mit Renate Künast eine Ministerin für Verbraucherschutz bekam.
Elsbeth Weichmann war sich bewusst, dass der Schutz der Verbraucher sich damals vor allem an die Frauen wandte, die weitgehend die klassische Rolle der Hausfrau übernahmen. Aber genau dort forderte sie die Gleichberechtigung der Frau, nicht nur im Berufsleben, sondern auch in der Ehe. EW

Verbraucherzentrale
Hamburg, Kirchenallee 22,
Tel. 24 83 20, E-Mail info@vzhh.de
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