„In Hamburg bilden sich Armutsinseln“

Symbol der Stadtentwickung: Die Wilhelmsburger Mitte aus der Luft. Foto: IBA Hamburg GmbH / Falcon Crest Air
 
Hamburg war eine freundliche Stadt“: Ingrid Breckner kam 1995 von München an die Elbe. Foto: stahlpress medienbüro

Professor Dr. Ingrid Breckner lehrt an der HafenCity Universität Hamburg.
Die Stadtentwicklungsexpertin über die neue Lust am Urbanen, Armut im reichen Hamburg und die damit verbunden sozialen Folgen. Ein Interview von Volker Stahl

Frau Professor Breckner, wie war Ihr erster Eindruck von Hamburg?
Ingrid Breckner: Eine freundliche Stadt. Ich kam 1995 aus München und habe Hamburg im Gegensatz zur bayerischen Metropole als sehr freundlich wahrgenommen – hier gibt es weniger dynamische BMW-Fahrer, man darf einfädeln, wenn man sich vorher verfahren hat, und wenn man mit dem Stadtplan in der Hand unterwegs ist, wird gefragt, ob man Hilfe benötige. Die Menschen hier sind nicht so aggressiv. Hamburg war vor 20 Jahren noch sehr beschaulich und etwas starr, bedingt durch die lange Regentschaft der SPD hatten sich Verkrustungen eingeschlichen. Bezogen auf die Politik hatte ich manchmal den Eindruck, ich sei wieder in Bayern, wo ähnlich lange politische Kontinuitäten herrschten. So etwas tut einem Gemeinwesen oft nicht gut, weil wenige Leute die Strippen ziehen und die Posten verteilen. Eine Intrige kostete damals so die Warnung eines Kollegen nur 20 Pfennig – ein Ortsgespräch.

Hat sich die Stadt seitdem verändert?
Hamburg hatte damals eine Vorreiterrolle bei der Förderung von Wohnprojekten und im Bereich der Armutsbekämpfung, dann gab es aber eine Durststrecke. Man sagte zwar, wir leisten uns diese Experimente, aber der Übergang von der geförderten Nische zur Regel geriet ins Stocken. Das änderte sich erst zu Zeiten von Oberbaudirektor Walter, der sagte: Schluss, wir legen jetzt generell fest, dass wir eine bestimmte Prozentzahl von städtischen Grundstücken für Wohnbaugemeinschaften zur Verfügung stellen! Zur Veränderung hat nach der Wende auch der Zuzug von vielen jungen Leuten aus Ostdeutschland beigetragen, die der Stadt neue Steuerzahler bescherten. Leider hat man damals versäumt, genügend neue Wohnungen zu bauen und bei aus der Bindung gefallenen Sozialwohnungen nicht nachgelegt.

Ein Versäumnis des damaligen SPD-Bausenators Eugen Wagner?
Ja, er hat noch sehr stark im alten sozialdemokratischen Dauermodus agiert und die Veränderungen falsch eingeschätzt – also die Zuwanderung und den damit einhergehenden demographischen Wandel. Nur deshalb darf sich der amtierende Bürgermeister als tatkräftiger Wohnungsbauer feiern lassen, wobei sein Wohnungsbauprogramm sehr stark auf die Quadratmeter fixiert ist. Dabei verschwindet das Thema Stadtentwicklung gelegentlich aus dem Blickfeld.

Wie ist das zu spüren?
Davon künden Highlights wie die IBA oder Leitbilder wie der „Sprung über die Elbe“. Die Zusammenschau von wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Entwicklung ist nie richtig vollzogen worden. Das lag auch an der Besetzung der entsprechenden Senatorenposten mit vielen Newcomern, die erst einmal eingearbeitet werden mussten. So engagiert Frau Blankau auch sein mag – sie hat ihre Kompetenzen vorwiegend im Bereich der IG Metall Küste erworben und musste sich in das Thema Stadtentwicklung erst einarbeiten.

„Keine gute Entwicklung für ältere Menschen“


Warum profitiert Hamburg wie kaum eine andere Stadt von der neuen Lust aufs Urbane?
Das liegt vor allem an der Dynamik des Wirtschaftsstandortes, wo – wie bei Airbus – Menschen aus aller Herren Länder zusammenarbeiten. Das schafft auch das Image Hamburgs als weltoffene Stadt, als Stadt mit Hafen. Viele Fremde denken: Hier kann ich gut klar kommen. Hamburg leidet nicht unter Stigmata wie einige ostdeutsche Städte, wo man mit rechtsgerichteten Bewegungen konfrontiert ist. Die Leute in Indien lesen auch Zeitung und wissen, was los ist. Zu meiner Zeit an der TU Harburg wurde noch Ende der 1990er-Jahre eine Professorenstelle mit einem hoch qualifizierten Inder nicht besetzt, weil er meinte, er könne seiner Familie das Leben in Deutschland nicht zumuten – es sei zu gefährlich. Angesichts solcher Erfahrungen muss man Wirtschafts- und Stadtentwi-cklung sehr stark zusammendenken.

Hamburg wächst, der Wohnungsbau kann kaum mithalten. Was sind die sozialen Folgen?
Das Problem ist, dass der Bedarf an Wohnungen für einkommensschwache Haushalte größer ist als die 2.000 Wohnungen, die für dieses Klientel gebaut werden. Im Klartext: Es fallen mehr Wohnungen aus der Sozialbindung raus als man mit den 2.000 neuen kompensieren kann. Weil fast die Hälfte der Haushalte sozialwohnungsberechtigt ist, ist hier eine andere Akzentsetzung notwendig. Auf der anderen Seite fragt man sich, wie weit das heutige Engagement im Sozialen Wohnungsbau reicht, wenn die Mieten in diesem Segment nur eine 15-jährige Bindung haben. Diese Zeit ist sehr schnell vorbei und am Ende profitiert vor allem der Investor, der die Wohnungen dann meistbietend vermieten oder verkaufen kann, weil der Markt heiß ist. Hinzu kommt das Problem des Arbeitsmarkts, auf dem Niedriglöhne, Mehrfach- und Teilzeitbeschäftigungen dominieren, die steigende Mietkosten kaum abdecken.

Die Folge: Arme werden an den Stadtrand verdrängt, soziale Spaltung verschärft sich ...
... das ist keine gute Entwicklung, die besonders für ältere Menschen problematisch ist. Sie müssen oft ihre gewohnten Quartiere verlassen. So werden Sozialbeziehungen auseinandergerissen. Sich im höheren Alter in einer völlig anderen Umgebung mit schlechterer medizinischer Versorgung und unzureichenden Mobilitätsangeboten zu arrangieren, ist nicht so einfach. Da müss-te man schon jetzt intervenieren. Aber auch studentisches Wohnen ist problematisch. Es sollen immer mehr junge Leute an die Uni, die Behörde zwingt uns, immer mehr Bachelor-Studierende aufzunehmen, doch angemessener Wohnungsbau für diese Zielgruppe hinkt total hinterher.

Wie sozial ist Hamburg, die Stadt der Millionäre?
Der Handelskapitalismus bestimmt nach wie vor den Geist in der Stadt. Wenn man mit der Handelskammer spricht, hört man immer die Frage: Wie rechnet sich das? Die Handelskammer versucht in sehr starkem Maße Stadtentwicklungspolitik im Interesse der zentralen Wirtschaftsunternehmen zu betreiben. Sozialpolitik ist da allenfalls als Reparaturbetrieb mitgedacht. Das ist problematisch. Hamburg wird sich das zwar leisten können, solange die Steuereinnahmen sprudeln. Mir fehlt aber eine nachhaltige Strategie, die Soziales und Ökonomisches systematischer zusammendenkt und bearbeitet.

„Bürgermeister Scholz erzählt das, was er immer erzählt“


Ist der Bürgermeister auf diesem Ohr taub?
Es gab verschiedenste Versuche, ihn auf diese Fragen aufmerksam zu machen, zuletzt bei der Bucerius Law School mithilfe eines anerkannten US-Experten, der in einem amerikanischen Think Tank Konzepte für Stadtentwicklung erarbeitet. Olaf Scholz hat sich in dieser Diskussion kaum für neue Gedanken aufgeschlossen gezeigt, sondern das erzählt, was er immer erzählt, wenn er Fragen zur Stadtentwicklung beantwortet. Man kommt mit ihm nur schwer in ein offenes Gespräch. Vielleicht ermöglicht die nun erforderliche Regierungskoalition ein Umdenken.

Wächst die Armut in Hamburg?
Es gibt eine Zunahme von Armut trotz des Reichtums. In wohlhabenden Städten wie Hamburg oder München bilden sich seit Jahrzehnten regelrechte Armutsinseln. Billstedt, Bereiche in Wilhelmsburg und der Osdorfer Born sind Stadtteile, die mit vielen sozialen Schwierigkeiten konfrontiert sind. Man muss sich nur die Statistiken zur Arbeitslosigkeit, zum SGB-II-Bezug, fehlenden Schulabschlüssen und niedriger Wahlbeteiligung anschauen oder den „Sozialmonitor“ der BSU verfolgen, dann sieht man, welche Probleme sich in welchen städtischen Räumen überlagern.

Wer ist arm?
Rentner ohne ausreichende Erwerbszeiten, Verwitwete, Alleinerziehende, kinderreiche Familien, vor allem diejenigen mit Migrationshintergrund.

Wie wirkt sich das auf die Jugendlichen aus, die in solchen Familien aufwachsen?
Für die ist das nicht einfach, weil sie die notwendige Unterstützung von zu Hause nicht bekommen. Viele gehen zur Schule, ohne vorher ein einziges Buch gesehen zu haben, daheim fehlt ein Platz für die Erledigung von Hausaufgaben, manche kommen ohne Frühstück in die Schule – da sind problematische Bildungskarrieren vorgezeichnet. Bitter ist, dass Jugendliche trotz gutem Examen auf dem Arbeitsmarkt oft schlechte Chancen haben, auch die Wohnungssuche mit ausländisch klingendem Namen konfrontiert mit existierenden Diskriminierungen. Nach 50 Ablehnungen, übrigens auch bei vielen Genossenschaften, geben viele auf. Leider wird diese offene Diskriminierung noch viel zu wenig thematisiert und abgebaut.

Drohen hier dereinst Pariser Verhältnisse?
So dramatisch ist die Lage nicht. Es gab hier und dort mal Bandenkämpfe oder Zonen in Wilhelmsburg, wo die Polizei nicht reingefahren ist, aber das ist die Ausnahme. Allerdings muss man neben der gesellschaftlich produzierten Ausgrenzung vom Wohnungs- und Arbeitsmarkt auch Radikalisierungsprozesse im Blickfeld behalten – zum Beispiel durch Vertreter einiger Religionsgemeinschaften. Jugendliche in prekären Situationen sind anfällig für einfache Lösungen. Da muss man sehr aufpassen. Ich merke aber auch bei der Arbeit mit Studierenden mit Migrationserfahrung, dass sie positiv darauf ansprechen, wenn man ihnen Anerkennung zollt und sie nicht mobbt. Leider schließen sie sich oft zu Projektgruppen zusammen. Sie wollen lieber unter sich bleiben, weil sie Anerkennung und Gleichberechtigung von einigen deutschen Kommilitonen vermissen.



Ingrid Breckner
wurde 1954 in Mediasch (Rumänien) geboren und war ab 1995 Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der TU Hamburg-Harburg. 2006 wurde der Studiengang an die neu gegründete HafenCity Universität Hamburg (HCU) transferiert. Ihre aktuellen Forschungen konzentrieren sich auf die Themen Suburbanisierung, soziale Stadt und Unsicherheit in europäischen Städten. Die Stadtplanerin ist davon überzeugt, „dass eine Stadt, die ausschließlich zum Spielball der Ökonomie wird, sich selbst zerstört.“
Weitere Informationen zu Forschung und Lehre der Universitätsprofessorin finden sich im Internet unter
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1 Kommentar
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Dirk Heldt aus Finkenwerder | 31.03.2015 | 15:06  
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