Im Radlerpulk durch Hamburg

Achtung, „Easy Rider“ unterwegs: „In der Stadt ist das Fahrrad das vernünftigste Verkehrsmittel“, sagt Otto (57).
 
Nur für Radfahrer: Der Wallringtunnel an einem Juni-Freitag gegen 20 Uhr.

Freie Fahrt am Lenker: Als „Critical Mass“ setzen sich Radfahrer für ihre Rechte ein.

Von Christopher von Savigny.
Der Wert für die „Kritische Masse“ liegt bei 16: So viele Radfahrer braucht man laut Paragraf 27 der Straßenverkehrsordnung (StVO), um in der Gruppe nebeneinander auf der Straße fahren zu dürfen. „Critical Mass“ nennt sich eine weltweite Bewegung, die das Fahrrad als Verkehrsmittel stärker ins Bewusstsein rücken möchte. Einmal im Monat treffen sich die Hamburger Teilnehmer an einem zentralen Ort in der Stadt, der kurz zuvor über eine Internetplattform bekannt gegeben wird.
Ein sonniger Freitagabend in der HafenCity: An den Magellanterrassen haben sich hunderte von Bikern versammelt, die gemeinsam für eine gute Sache kämpfen wollen. Zumeist sind es junge Leute zwischen 20 und 40 Jahren, aber auch Familien, die ihren Anhang im Kindersitz dabei haben. Malte (23) ist einer der Organisatoren – obwohl die Fahrt streng genommen keinen Organisator hat. „Ich mache bloß den Eintrag auf unserer Facebook-Seite, wenn jemand einen Treffpunkt vorschlägt“, sagt er. Und er fotografiert, denn die Aktion soll wie immer dokumentiert und ins Internet gestellt werden (http://www.criticalmass-hamburg.de). Malte ist begeisterter Radler und möchte andere an seiner Leidenschaft teilhaben lassen. „In einer großen Gruppe zu fahren, ist eine tolle Erfahrung“, sagt er. „Sonst ist man ja meist allein auf der Straße.“ Uwe (40) ist spontan aus Hannover dazugestoßen – auch ein bisschen aus Solidarität: „Ich bin erschüttert vom Zustand der Radwege in Hamburg“, berichtet er. „In Hannover sieht es da besser aus.“
Noch immer treffen Teilnehmer ein. Die Bandbreite der fahrbaren Untersätze reicht vom schnöden Holland- oder Tourenrad bis zum teuren Rennrad, Mountainbike oder Single-Speed-Renner. Einige sind sogar auf roten StadtRädern unterwegs, die man in der City ausleihen kann. Und dann sind da noch die Bastler, die mit fantasievoll entworfenen Tandems oder Lastenfahrrädern anreisen. Lukas (21) hat sich einen 27 Kilo schweren Drahtesel zusammengeschweißt, der eine stattliche Musikanlage trägt. „Folkrock für unterwegs“, grinst er.
Und dann geht es endlich los: Mindestens 500 Räder rollen jetzt über den Asphalt. Über Baumwall, Fischmarkt und Reeperbahn führt der Weg in Richtung Innenstadt. Gefahren wird im großen Pulk, die Spitze bestimmt, wo es langgeht. An Kreuzungen eine neue Erfahrung: Springt die Ampel zwischendurch auf Rot um, fährt der Tross einfach weiter – denn der Verband muss zusammenbleiben. Auch dies ist in der StVO festgelegt. Einzelne Radfahrer stellen sich derweil mitten auf die Kreuzung, um den Autoverkehr zu blockieren. Oft zum Ärger anderer Verkehrsteilnehmer: Ein Taxifahrer schimpft und flucht, ein paar Autofahrer hupen. Doch im Großen und Ganzen ist die Reaktion freundlich. „Tolle Sache“, sagt ein Passant. „Nächstes Mal fahre ich auch mit!“
Begleitet wird der Fahrradtross von einem Polizeiwagen, der bei Bedarf den Verkehr regelt. „So lange sich die Teilnehmer vernünftig verhalten, sehen wir das ganz entspannt“, sagt Polizeisprecherin Sandra Levgrün. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) freut sich über das Engagement der Radler: „Solche Aktionen sind Ausdruck einer bunten Fahrradkultur, deren zarte Blüten auch in Hamburg noch viel stärker sprießen könnten“, findet ADFC-Sprecher Dirk Lau.
Über Hohenfelde, Uhlenhorst und Winterhude umrundet der Zweiradkorso einmal die gesamte Alster, bevor am Campus der Uni Hamburg Schluss ist. Bis zu drei Stunden dauert so eine Tour. Alle zusammen stemmen jetzt noch einmal ihre Drahtesel in die Luft. Wer Lust hat, kann dazu den Slogan von Critical Mass brüllen: „Wir behindern nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr!“


Info: Die erste Critical-Mass-Demo startete 1992 in San Francisco. Seither hat die Aktion weltweit Nachahmer gefunden, allein in Deutschland in 25 Städten. Die Anzahl der Teilnehmer schwankt zwischen 40 und rund 1.000. Bei der bislang größten Aktion am 20. April 2008 in Budapest radelten 80.000 Menschen mit.
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1 Kommentar
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Otto Erich aus Altona | 12.07.2012 | 10:50  
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