Im Namen der Rose

Fanartikel der Serie: „Rote Rosen“ Bärchen, T-Shirts und Tassen. Fotos: co
 
Herstellungsleiter der erfolgreichen Telenovela: Jan Kremer.

Hinter der Erfolgsserie „Rote Rosen“ steckt ein Hamburger: Jan Kremer ist Herstellungsleiter der Telenovela.

Von Charlotte Ording. Im Hafen arbeiten oder beim Fernsehen: Etwas anderes wollte Jan Kremer nie machen. Muss er auch nicht, denn mit 55 Jahren ist der Harburger dort angekommen, wo er hin wollte. Er arbeitet bei Studio Hamburg – als Herstellungsleiter der ARD-Serie „Rote Rosen“.
Die Serie ist ein Dauerbrenner im Ersten, von montags bis freitags will ein Millionenpublikum die Seifenoper über drei Paare im Lüneburger Rosenhaus sehen.
Aufgewachsen in der Würfelstraße, zur Schule gegangen an der Maretstraße und am Gymnasium Göhlbachtal, Betriebswirtschaftslehre studiert in Hamburg, ist Jan Kremer seinem Kiez ein Leben lang treu geblieben – bis auf einen fünfjährigen Versuch mit seiner Frau im Stadtteil Rotherbaum. Doch dort war es den beiden auf Dauer zu anonym, und sie kehrten zurück nach Heimfeld. „Hier ist alles überschaubar, man kennt sich“, sagt der Fernsehmann, „Harburg ist eine Kleinstadt.“
Eine Kleinstadt, in der er als Butjer auf dem Nachhauseweg auch mal HSV-Star Charly Dörfel getroffen hat. In der er als Zehnjähriger mit der FSV Harburg Hamburger Meister im Handball geworden ist. In der er als Teenager mit seiner Schülerband auf der Bühne des alten Top Ten an der Außenmühle stand.
In einer anderen Kleinstadt arbeitet Jan Kremer zwei Tage pro Woche. Donnerstags und freitags fährt er von Harburg nicht gen Norden zur Arbeit, sondern nach Lüneburg. Südlich von Hamburg produziert die Studio Hamburg Serienwerft Lüneburg GmbH. Dafür wurde die Halle, in der Konica-Minolta zuvor Kopiergeräte hergestellt hatte, für knapp 4,5 Millionen Euro in ein Fernsehstudio umgebaut.
Kremers Büro in Lüneburg wirkt allerdings bescheiden: ein Schreibtisch, zwei Besuchersessel, kein Fenster. Die helleren Nachbarräume überlässt der Herstellungsleiter den Kollegen, die jeden Tag hier arbeiten.
Einer von ihnen ist Disponent Eberhard Grun. Der 53-Jährige sorgt dafür, dass ein Schauspieler nicht gleichzeitig an zwei Orten sein muss. Dafür liest er an jedem Wochenende fünf neue Drehbücher. Der Zeitplan ist straff: An jedem Arbeitstag entsteht eine Folge, die jeweils 48 Minuten lang ist.
Ein Stockwerk über Kremer und Grun schreiben sieben Autoren die Drehbücher. Die inhaltliche Linie der „Roten Rosen“ gibt Theaterregisseurin Barbara Kröger (50) vor. Die Produktion laufe wie ein Fließband, sagt sie: „Die Geschichten kommen, entwickeln sich, werden fertig, und die nächsten kommen schon nach.“ Flexibilität ist alles: Wenn eine wichtige Darstellerin kurzfristig erkrankt, schreiben die Autoren die Bücher eben wieder um.
Eine Darstellerin der ersten Stunde ist Kim-Sarah Brandts, von allen nur Kisa genannt. Seit dem ersten Drehtag am 21. August 2006 steht die inzwischen 29-Jährige vor der Kamera der „Roten Rosen“. Schon als Kind war sie Fotomodel und „träumte von einem Leben als Schauspielerin“.
Auf der anderen Seite der Kamera steht Joachim Böhnstedt. Sein Job ist es, „die Idee des Regisseurs in eine Bildsprache umzusetzen, der die Zuschauer folgen können“. Einfach draufhalten? Funktioniert nicht. Etwa 20 verschiedene Szenen nimmt der 54-Jährige pro Tag auf, muss sich alle halbe Stunde auf eine neue Situation einstellen.
Neben dem Kameramann stehen stets zwei Tonassistenten. Sie tragen auch im Frühjahr meist kurze Hosen und T-Shirts. Durch die vielen Scheinwerfer ist es nicht nur warm im Studio, die Tonmänner haben auch körperlich ganz schön zu tun. Sie halten Mikrofone an langen Stangen, im Filmjargon Angeln genannt. Die Kunst ist es, für eine gute Tonqualität nah an den Schauspielern zu stehen, aber weit genug weg, um später nicht im Bild zu sehen zu sein.
Am anderen Ende der Kabel sitzt Edgar Nottorf (50) mit dicken Kopfhörern über den Ohren. Der Toningenieur lauscht nicht nur nach störendem Geraschel im Hintergrund, sondern achtet auch auf korrekte Grammatik und Aussprache. „Fallen mir Fehler auf, halte ich sofort Rücksprache mit der Regie“, sagt er.
Den letzten Schliff übernimmt die Abteilung Postproduction, neudeutsch für Nachbearbeitung. Was im Studio aufgenommen wird, landet auf der riesigen Festplatte eines Computers im ersten Stock. Justus Marggraf (26) und die anderen Cutter haben etwa einen Tag Zeit, um aus dem Material von unten eine Fernsehfolge zu basteln. „Während des Drehs schneidet die Bildmischerin mit dem Regisseur allerdings schon grob vor.“
Die Erfolgsgeschichte der Serie lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: Insgesamt 150 Mitarbeiter zählt das gesamte Team des Studios, durchschnittlich 1,6 Millionen Zuschauer schalten bei jeder Folge der Telenovela die Geräte ein. Und künftig werden sie auch im Baltikum wissen, was da in der alten Salzstadt gedreht wird: Die Serie ist gerade nach Estland verkauft worden. Vielleicht kommen demnächst auch estnische Touristen in die 72.000-Einwohner-Stadt, die wie die deutschen Fans die Heimat der „Rote Rosen“ besuchen wollen.
Souvenirs aus Lüneburg sind im Fernsehen allerdings nicht zu sehen: Wo andernorts Produkte gezielt gezeigt werden, ist das bei den „Roten Rosen“ streng verboten. Die Bücher auf den Nachttischen erscheinen im fiktiven Verlag Lilienthal, die Magazine neben den Sofas gibt es in keinem Kiosk, die Bilder an den Wänden malt die hauseigene Grafikerin, die Künstler auf Ausstellungsplakaten haben nie gelebt, und die Etiketten auf den Marmeladengläsern stammen aus den hauseigenen Druckern.
1.500 Folgen sind bereits abgedreht, über die Fortsetzung des Vertrages über Nummer 1.800 hinaus verhandelt Herstellungsleiter Jan Kremer gerade mit der ARD. Der Jan Kremer, der nie etwas anderes machen wollte als Fernsehen oder Hafen – und der Harburg (fast) ein Leben lang treu geblieb ist.
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