Im Hospital für Wildtiere

Zootierpfleger Christian Erdmann mit einer Sumpfohreule, die sich in Blankenese in Stacheldraht verfangen hatte und nun gesund gepflegt wird. Fotos: rs
 
Na so was! Eine junge Ente hat deutlich ihre Spuren im früheren Wohnzimmer des Hauses hinterlassen.

Eulen, Gänse, Enten: Verletzte Tiere werden im Artenschutzzentrum Elmshorn gepflegt.

Von Reinhard Schwarz – Elmshorn
Es steht zwar kein Pferd auf dem Flur, aber eine Ente watschelt durchs Wohnzimmer und hat auf dem Laminatfußboden einen Haufen hinterlassen. Christian Erdmann (50) sieht das Chaos mit Genugtuung. Er hat es sich genauso gewünscht und zeigt auf einen kleinen Karton in der Ecke. „Darin“, so Ermann, „schlafen unsere Jungigel.“
Erdmann ist Zootierpfleger und arbeitet in diesem ehemaligen Wohnhaus in Elmshorn, wo seit Juli 2012 das Wildtier- und Artenschutzzentrum Hamburg-Schleswig-Holstein untergebracht ist. Im Haus und auf dem Außengelände finden Möwen, Warzenenten, Lockengänse und Greifvögel kurzfristig ein Zuhause, bis sie wieder in die Natur entlassen werden.
Ursprünglich wollte Erdmann im Klövensteen im Hamburger Westen eine Wildtierstation eröffnen. „Aber wir haben dort keine geeignete Fläche gefunden, jetzt sind wir froh, dass wir hier sind.“ Denn das Gelände ist mit rund zwei Hektar – das entspricht einer Fläche von etwa zwei Fußballfeldern – recht groß, so dass die Enten und Gänse unter freiem Himmel viel Platz zum Auslauf haben.
Zu den Pflegefällen Erdmanns gehört auch eine Sumpfohreule. Der Greifvogel wurde in Blankenese von Tierschützern aus einem Stacheldrahtzaun befreit. Nach seiner Genesung wird das Tier in die Freiheit „ausgewildert“, wie Erdmann sagt. Die Freiheit – das ist hier Sibirien, ein Ortsteil mit Wiesen und Knicks im Außenbereich von Elmshorn. Es habe sich schnell herumgesprochen, so der gelernte Zootierpfleger, dass es Zentrum außerhalb Hamburgs gebe: „Die Leute wissen das meistens vom Tierarzt.“
Viele verletzte Wildtiere stammen auch vom örtlichen Tierheim in Elmshorn, das nur Haustiere betreut. Umgekehrt nimmt Erdmann keine Hunde und Katzen an. Aber auch beschlagnahmte Tiere kommen in Elmshorn/Sibirien in Obhut. Aktuell sind es drei Gänse, fünf Enten und 14 Hühner sowie acht Landschildkröten. „Sie von kommen von einer Frau, die mit einem Tierhalteverbot belegt ist.“
Unterstützung erfährt Erdmann durch seine Frau Katharina Neeb (39) und Stephanie Lange (21), die im Zentrum ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr absolviert. Hinzu kommen zehn ehrenamtliche Helfer, die meist am Wochenende mit anpacken. „Ohne Ehrenamtliche geht so was überhaupt nicht, das ist völlig ausgeschlossen“, betont der drahtige 50-Jährige. Die Tierstation finanziert sich ausschließlich über Spenden und aus Zuwendungen der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“. Mit 100.000 Euro muss Erdmann haushalten, davon wird sein Gehalt bezahlt, ein 400-Euro-Job für seine Frau sowie der Unterhalt des Zentrums. Aber auch der Um- und Ausbau des früheren Einfamilienhauses, derzeit ein Provisorium, wird von dem Geld finanziert.
Darüber hinaus ist noch mehr geplant, schildert der Tierpfleger: „Wir planen eine tiergestützte Pädagogik in Kooperation mit dem Kinderschutzbund und der Kinder- und Jugendpsychiatrie Elmshorn.“ Die Kinder bekommen einen eigenen Bereich, in dem sie Enten, Gänse und Schildkröten betreuen können. Zudem kommen demnächst noch Skudden hinzu, eine alte Schafrasse aus Vorpommern. Die Skudden sollen ebenfalls von den Kindern betreut werden. Grundgedanke ist dabei ein Ansatz aus der Heilpädagogik: „Die Kinder öffnen sich leichter im Umgang mit Tieren.“ Zudem hilft der hohe Kuschelfaktor der Schafe.
Die Tiere selbst erkennen oftmals nicht so ganz den Sinn ihres Aufenthaltes im Zentrum. Eine Warzenente, sie hat einen „Gnubbel“ auf der Stirn, zeigt sich grundsätzlich schlecht gelaunt, lärmt herum und schimpft. Schließlich nimmt sie ein Bad in einem Schwimmbecken und beruhigt sich allmählich. Auch Stadttauben nimmt die Tierherberge auf. Sie stammen meist vom Franziskus-Tierheim in Stellingen, mit dem das Elmshorner Artenschutzzentrum zusammenarbeitet.
Wildtiere, die im Franziskus-Heim aufgenommen werden, bleiben dort zur „Erstversorgung“, so Erdmann: „Kurzzeitpatienten bleiben dort, schwierige Fälle holen wir ab, ebenso Tiere mit einem großen Platzbedarf.“ Auch Feuerwehr und Polizei bringen verletzte Tiere vorbei. „Kürzlich hatten wir einen Storch hier, der in einem Güllebecken gelandet und dessen Gefieder verklebt war.“ Auch ölverschmierte Wasservögel werden gereinigt.
Allerdings hat die Tierliebe ihre Grenzen, betont der Erdmann: „Greifvögel, die nicht mehr fliegen können, werden eingeschläfert.“ Ziel sei es grundsätzlich, die gesundeten Tiere wieder auszuwildern. Der Experte rät für dieses Frühjahr, Jungtiere jeder Art nicht in übertriebener Fürsorge anzufassen: „Oftmals wurden die Jungtiere nur kurz von ihren Eltern verlassen, die darauf warten, dass die Menschen wieder verschwinden.“
Weitere Infos auch im Internet unter www.wildtierstation-ham burg.de, Kontakt unter Tel. 0176/ 525 59 73 51
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