„Ich wohne da, wo mein Rucksack ist“

Hanna Poddig vor der Roten Flora. Foto: Stahlpress Medienbüro
 
ls wäre es eine Gemüsetheke: Lauch und Salat im Container. Foto: cvs

Die „Vollzeitaktivistin“ Hanna Poddig verbrachte einen Teil ihrer Kindheit im Alten Land und ist heute an vielen Orten zuhause.

Von Volker Stahl. Wer Hanna Poddig gegenübertritt, blickt in das wache Gesicht einer zierlichen jungen Frau, die für ihre Ziele zu kämpfen pflegt. Sie ist „Vollzeitaktivistin“ mit einer scharfer Zunge und spektakulären Aktionen. Sie blockierte Castor-Transporte und kettete sich nach der Atom-Katastrophe in Japan an die Tore des AKW Biblis. Ihre Wortgewandtheit und ihre Radikalität machen sie zum gefragten Gast in Talkshows. Bei Günther Jauch kritisierte sie den Wegwerfwahn bei Lebensmitteln und empfahl das „Containern“ – die Suche nach Essbarem im Abfall von Supermärkten. Ihr ungewöhnliches Leben polarisiert: Jungen Idealisten ist sie ein Vorbild, andere hassen sie.
Der Treffpunkt ist schnell ausgemacht: die Rote Flora im Schanzenviertel. Mit der Anti-Atom-Gruppe in dem besetzten Kulturzentrum arbeitet sie seit Jahren zusammen. Das verbindet. Es ist ein kühler, windiger Tag. Hanna Poddig hat sich zwei Schals um den Hals geschlungen – einen schwarzen und einen grünen.
Für unser Gespräch steuern wir ein kleines Café in der Wohlwillstraße im Stadtteil St. Pauli an. Dort gibt es Kaffee mit Sojamilch und Snacks ohne Fleisch und Käse. „Fräulein Zunder“, die Zuschreibung ist eine Erfindung des Berliner „Tagesspiegels“, bestellt „Panino vegan“ mit Tofu. Mit 20 ist sie Veganerin geworden.

Der Berliner „Tagesspiegel“ nennt sie „Fräulein Zunder“

Die Marchmellows und die Milchschokolade, die sie am Vorabend vom Containern mitgebracht hat, hat sie an die Bewohner der Wohngemeinschaft verschenkt. Dort schlüpft sie unter, wenn sie mal wieder in Hamburg ist. Das Containern ist ihr persönlicher Protest gegen die Überflussgesellschaft, die wegwirft, was sich andere nicht leisten können. Mal gibt’s eine containerte Birne zum Frühstück, mal Brot mit Marmelade: „Containern ist ganz stark von der Städtearchitektur abhängig, ob man in die Hinterhöfe reinkommt.“ Berlin sei da besser als Hamburg.
Lieber als über die ungewöhnliche Nahrungssuche spricht die 28-Jährige über die großen Themen: über Anti-Atom-Aktivitäten und Anti-Repressionsarbeit zum Beispiel. „Mein dritter Schwerpunkt ist die Übersetzung anarchistischer Texte aus dem Amerikanischen.“ Sobald das Buch „Work“ erscheint, geht sie auf Lesetour quer durch die Republik.
Unterwegs ist Hanna Poddig, die Rastlose, eigentlich immer. Ihre aktuellen „Wohnorte“ sind Gießen, Hamburg, Berlin, Flensburg und Leipzig, wo ihre Mutter an einem Hausprojekt mitarbeitet. Oben an der dänischen Grenze lebt ihr Freund: „Ich bin so ein bisschen überall.“ Seit 2010 führt sie ein „nomadisches Widerstandsleben. Ich wohne da, wo mein Rucksack ist“. Dazu passt ihre E-Mail-Adresse, sie beginnt mit „hannanirgendwo“.
Hanna Poddig wurde im November 1985 in Hamburg geboren. Sie wuchs im Alten Land und im bayerischen Schweinfurt auf. Bis zum neunten Lebensjahr wohnte sie in Osterladekop (Jork) und ist in den Obstplantagen groß geworden – also zwischen Kröten, Apfelbäumen und Osterfeuer: „Das Springen über Bewässerungsgräben gehört zu meinen lebhaftesten Kindheitserinnerungen.“ Zur Schule ging die kleine Hanna das erste Jahr in Westerladekop, die zweite und dritte Klasse absolvierte sie in Jork. „Meine Mutter hat damals in einem mobilen Pflegedienst gearbeitet und mein Vater in Hamburg – bis er seine Professur in Schweinfurt bekam und wir deswegen umgezogen sind.“ Manchmal begegnet die alte Heimat ihr unversehens: „Neulich sah ich in Berlin Birnen und Äpfel von einem Obstbauern, mit dem ich zusammen die Grundschule besucht habe.“
Nach dem Abitur absolvierte sie ein Freiwilliges ökologisches Jahr bei Robin Wood. Die Zeit danach beschreibt die Einser-Abiturientin als „WG-Leben in Berlin mit längeren Kampagnenabwesenheiten“, darunter „Tschüss Vattenfall“. Ihr Buch „Radikal mutig. Meine Anleitung zum Anderssein“ (Rotbuch Verlag) erschien bisher in zwei Auflagen.
Ihr Anderssein erklärt sie so: „Ich gehe durch eine Welt, in der mich unheimlich viel aufregt. Deshalb habe ich irgendwann für mich beschlossen: Ich kann das nicht ertragen und will versuchen, etwas zu ändern. Und nur mit dem Verteilen einiger Flugblätter wird man diesen Mist nicht los.“
Ins Visier der Justiz geriet Poddig nicht nur wegen des Aufhängens von Transparenten an Fahnenmasten, sondern auch durch Blockade-Aktionen. Kurz vor ihrem schriftlichen Abitur im Jahr 2005 beteiligte sie sich an einer Castor-Stopp-Ankettaktion in Stade, aktuell muss sie sich für eine Ankettaktion anlässlich eines Uran-Transports im münsterländischen Gronau vor Gericht verantworten.

„Ich kann das nicht ertragen und will etwas verändern“

„Wer für Veränderung kämpft, wird notwendigerweise in Konflikt mit dem Staat und seinen Organen geraten und hat gute Chancen, früher oder später vor Gericht zu landen“, sagt sie.
Sie landete sogar im Gefängnis. In Frankfurt saß sie fünf Wochen, die sie als „privilegierte Gefangene“ erlebte: „Ich bin wegen des Medieninteresses mit Samthandschuhen angefasst worden.“ Um sie herum habe sie soviel Elend gesehen wie noch nie zuvor in ihrem Leben: „Eine Frau hat ihr Kind verloren, eine andere bekam gleich in ihrer ersten Nacht ein Baby. Sie kam in die Klinik und wurde dort ans Bett gefesselt.“ Gefängnisse seien Zwang und gehörten ebenso abgeschafft wie die Polizei, argumentiert sie.
Vieles von dem, was Hanna Poddig sagt, wirkt wie das Herbeisehen von Utopia ohne Krieg, Gewalt und Tierquälerei, manches von dem, was sie fordert, wirkt – guter Bildung und ausgeprägtem Verstand zum Trotz – nicht zuende gedacht. Doch eines kann man der jungen Frau nicht absprechen: Mut. Aktuell drücken sie 20.000 Euro Schulden – Strafen, die sie nicht bezahlen will.
Ihre Vermögensverhältnisse hat sie vor Gericht offengelegt, eine späte bürgerliche Karriere wie sie der Ex-Sponti Joschka Fischer auf den letzten Drücker hingelegt hat, ist bei ihr kaum vorstellbar. Das Leben als „Widerstandsnomadin“ gefällt ihr zu sehr. In rund einem Jahr wird sie 30, was dann? Nun ja, bei Aktionen gehöre sie schon heute zu den Älteren, viele ehemalige Mitstreiter seien mittlerweile etabliert und verheiratet, seufzt Hanna Poddig. Sie trinkt ihren Cappuccino und denkt nach. Meine Prognose zum Abschied: Zur Spießerin wird’s nicht mehr reichen.

Containerer

so nennt sich die Szene der selbst ernannten Resteverwerter, die sich dem Konsumkreislauf der Wegwerfgesellschaft verweigert. Manchmal aus purer Geldnot – meist jedoch aus Überzeugung. Meist werden Lebensmittel weggeworfen, wenn das Mindest- haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Diese Lebensmittel sind jedoch ohne wesentliche Geschmacks- und Qualitätseinbußen und ohne erhöhtes gesundheitliches Risiko eine gewisse Zeit genießbar. CVS
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1 Kommentar
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Angela Banerjee aus Altona | 01.11.2014 | 11:55  
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