„Ich schäme mich mein Leben lang dafür“

Claus Günther (86) hat seine Jugenderlebnisse in einem Buch festgehalten. Er würde auch gern weiter als Zeitzeuge in Schulen gehen, doch immer weniger Lehrer laden Zeitzeugen ein. Foto: pr

Claus Günther (86) berichtet in Schulen über seine Jugend während des Nationalsozialismus

R. Black, Hamburg-Süd

Am Abend des 10. November 1938 plünderten Nazis die Harburger Synagoge in der Eißendorfer Straße und steckten sie anschließend in Brand. Claus Günther hat die Flammen gesehen. Nicht einmal acht Jahre alt war er damals. „Mein Vater war bei der SA und hat bei der Absperrung der brennenden Synagoge geholfen.“
Claus Günther ist einer der letzten Zeitzeugen, die noch über die Schrecken der Nazi-Zeit erzählen können. Er weiß, wie es war, als Bomben auf Hamburg fielen. Mit anderen Zeitzeugen berichtet er in Schulen vom Leben im „Dritten Reich“ und vom den Nachkriegs- und Hungerzeiten.
Zur Illustration bringt er oft eine Schulfibel aus dem Jahr 1938 mit dem Titel „Jung-Deutschland“ mit. Auf farbigen Tafeln wird etwa ein SA-Aufmarsch verherrlicht. Oder er zeigt Bilder von Einsatzbefehlen und Lebensmittelkarten. „Je älter die Schüler sind, umso aufgeschlossener sind sie“, so die Erfahrung Günthers, Jahrgang 1931.
Ermöglicht werden die Schulbesuche durch die Zeitzeugenbörse (siehe Kasten). Doch ohne deren Hintergrundwissen wollen sich die Zeitzeugen nicht den Fragen der Schüler stellen. Günther: „Wir sagen immer zu den Lehrern: ‚Bitte gehen Sie mit den Schülern die Fragen durch’.“ Das Ergebnis der Doppelstunde verblüfft auch die Pädagogen: „Die Lehrkräfte sind meist sehr überrascht: ‚So konzentriert haben wir die Schüler noch nie erlebt’.“
Günther, der in Harburg aufgewachsen ist, hat auch einiges zu erzählen. So erinnert er sich an die jüdische Familie Schloß, die 1942 von den Nazis nach Minsk in Weißrussland deportiert und dort umgebracht wurde. Einmal rief der elfjährige Günther dem Vater der Familie hinterher: „Itzig, Itzig, Judensau!“ Anschließend spürte Günther eine Hand im Nacken – es war der Nachbarssohn, der eindringlich zu ihm sprach: „Das musst du nicht sagen, das sind doch auch Menschen.“ Ein Ereignis, das den heute 86-Jährigen immer noch bewegt: „Ich schäme mich mein Leben lang dafür.“

Zeitzeugenbörse
Die Zeitzeugenbörse wird vom Seniorenbüro Hamburg betreut. Dort treffen sich regelmäßig Menschen, die ihre persönlichen Erlebnisse währen der NS-Zeit, im Krieg oder auch vom Leben in der DDR weitergeben wollen. Auf Anfrage von Schulen besuchen Zeitzeugen Klassen, um dort ihre Erebnisse zu schildern. Dabei sind immer zwei Zeitzeugen zu Gast.
Kontakt: Zeitzeugenbörse Hamburg, c/o Seniorenbüro Hamburg e.V., Brennerstraße 90 (5. Stock), 20099 Hamburg; Sprechzeiten: Montags bis donnerstags von 9 bis 13 Uhr,
Tel. 30 39 95 07,
E-Mail: senioren1@aol.com

Heile, heile Hitler
Claus Günther hat seine Kindheitsjahre in Harburg, die Zeit zwischen 1931 und 1947, im Buch „Heile, heile Hitler“ festgehalten. Es ist erschienen bei
verlag.marless.de, hat 560 Seiten und kostet 19,80 Euro.
ISBN 978-3-9817194-9-9
„Mein Wunsch ist, dass das Buch zur Mahnung und Warnung dienen möge, gerade in unserer Gegenwart“, sagt Claus Günther.
❱❱ www.verlag.marless.de
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